+
Auftritt in Demut: Heiko Maas (M.) im Museum des Warschauer Aufstands.

Erinnerung an Aufstand

Maas in Polen: Alte Wunden, neue Risse in Warschau

  • schließen

Bundesaußenminister Heiko Maas gedenkt in Warschau der Opfer des Naziterrors – und erlebt ein zutiefst gespaltenes Land.

Es hätte auch unschöne Szenen geben können. Zwischenrufe zum Beispiel oder Pfiffe gegen den deutschen Außenminister. Doch Hunderte Zuschauer blieben am Mittwochabend mucksmäuschenstill, als sich Heiko Maas in den Reigen der Delegationen einreihte, die vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Aufstandes einen Kranz niederlegen wollten. Dabei hatte Maas zuvor selbst auf das unvorstellbare Leid hingewiesen, das „Polen von Deutschen im deutschen Namen angetan wurde“. Darüber empfinde er „tiefe Scham“. In Polen wiederum gibt es auch 75 Jahre nach dem Grauen des Naziterrors noch immer viele Menschen, die neben der Trauer über die Toten Wut spüren.

Am 1. August 1944 erhob sich die polnische Heimatarmee AK

Wer der Erinnerung Raum gibt, wird das verstehen. Als sich am 1. August 1944 die polnische Heimatarmee AK aus dem Untergrund heraus gegen die deutsche Besatzungsmacht erhob, um die Hauptstadt aus eigener Kraft zu befreien, da reagierten Wehrmacht und Waffen-SS mit voller Härte. In den mehrwöchigen Kämpfen ermordeten sie fast eine Viertelmillion Menschen, größtenteils Zivilisten, und brannten Warschau bis auf die Grundmauern nieder. Vor diesem Hintergrund hatte Maas die Einladung, an dem Gedenken teilzunehmen, in „Demut und Dankbarkeit“ angenommen, und die Polen honorierten es mit Stille.

Lesen Sie hier über das jüdische und nichtjüdische Polen in Geschichte und Gegenwart

Dabei war dem deutschen Außenminister bewusst, dass sein Besuch die tiefen Wunden des Weltkriegs nicht würde heilen können. „Diese Geschichte wird niemals abgeschlossen sein“, sagte er im Beisein seines polnischen Kollegen Jacek Czaputowicz. Aber um das Lindern leidvoller Erinnerungen ging es Maas schon, besonders aber um die Gestaltung freundschaftlicher Beziehungen im Herzen Europas. Dazu passt, dass er ich für eine Gedenkstätte für die polnischen Opfer der Nazi-Herrschaft in Berlin ausssprach. „Eine solche Gedenkstätte wäre nicht nur eine Versöhnungsgeste an Polen. Sie wäre bedeutend auch für uns Deutsche selbst.“

Beziehungspflege wiederum ist eine Aufgabe, die seit dem Amtsantritt der rechtsnationalen PiS-Regierung in Warschau nicht leichter geworden ist – wie zuletzt vor allem der Streit um polnische Reparationsforderungen zeigte.

Nur die Hälfte klatscht

Man sei bereit, für eine angemessene deutsche Wiedergutmachung „in die Schlacht zu ziehen“, hatte kürzlich der PiS-Politiker Arkadiusz Mularczyk erklärt, der eine Parlamentskommission zu der Reparationsfrage leitet. Als ausstehende Summe nannte er rund eine Billion Euro und fügte hinzu, man könne den Deutschen die Rechnung zum 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen am 1. September präsentieren. Pünktlich zum Maas-Besuch ruderte Mularczyk nun allerdings zurück. Man wolle sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen, sagte er.

Lesen Sie auch: Steinmeier auf Gedenkveranstaltung – Der lange Schatten des Krieges

Die deutsche Seite hält die Frage der Reparationen zwar für „juristisch abgeschlossen“, wie Maas es in Warschau formulierte. Das ändert aber nichts daran, dass das Thema zur Mobilisierung im Wahlkampf dient, der in Polen nach der Sommerpause beginnt. Bei den Gedenkfeiern war die gesellschaftliche Spaltung mit Händen zu greifen. Staatspräsident Andrzej Duda beschwor in seiner Rede den polnischen „Heldenmut bis in den Tod hinein“. Warschaus liberaler Bürgermeister Rafal Trzaskowski dagegen wandte sich vehement gegen eine Verherrlichung jedes Nationalismus: „Wir wollen in dieser Stadt keine faschistischen Symbole sehen.“

Das könnte Sie auch interessieren: Das Nibelungenlied der polnischen Rechten 

Trzaskowski bezog sich damit auf Aufmärsche von polnischen Rechtsnationalisten, die es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben hat, und er bekam dafür Applaus, allerdings nur von etwa der Hälfte der Zuhörer. Der Rest der Menge klatschte bei Dudas Appellen an die „stolzen und gefährlichen Polen“. Die gemäßigt-konservative Zeitung „Rzeszpospolita“ nahm das am Donnerstag zum Anlass, die Politiker aller Parteien geradezu inständig aufzufordern: „Lasst uns den Streit heute einmal beiseitelegen. Lasst uns im Gedenken zusammenstehen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion