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Vom Schuhputzer zum Präsidenten - Wer ist Bolsonaros Konkurrent Lula da Silva?

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Von: Sandra Kathe

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Für viele gilt der Ex-Präsident Brasiliens, Luiz Inácio Lula da Silva, bei der Wahl 2022 als großer Hoffnungsträger.
Für viele gilt der Ex-Präsident Brasiliens, Luiz Inácio Lula da Silva, bei der Wahl 2022 als großer Hoffnungsträger. © Evaristo Sa/AFP

Die letzte Brasilien-Wahl verbrachte Lula da Silva nach einer umstrittenen Verurteilung hinter Gittern. 2022 hofft Brasiliens Ex-Präsident auf bessere Chancen.

Brasília/São Paulo – Es kommt nicht häufig vor, dass ein Politiker erst nach einem Korruptionsprozess verurteilt wird, fast zwei Jahre hinter Gittern verbringt und bei der darauf folgenden Wahl wieder antritt. Bei dem Herausforderer von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro verhält es sich vor der Brasilien-Wahl genau so – und dennoch liegt Luiz Inácio Lula da Silva in den Umfragen seit Monaten vor dem populistischen Amtsinhaber.

NameLuiz Inácio Lula da Silva
Geboren27. Oktober 1945 in Caetés, Pernambuco
ParteiPartido dos Trabalhadores (PT, dt. Arbeiterpartei)
Erste Amtszeit als Präsident2003 bis 2011
AusbildungMetallfacharbeiter

Lula, wie da Silva nach dem Spitznamen seiner Kindheit meist genannt wird, wurde bereits vor 20 Jahren, im Jahr 2002, erstmals zum Präsidenten in Brasilien gewählt, von 2003 bis 2011 war der Mitgründer der brasilianischen Arbeiterpartei PT bereits im Amt. Von seinen beiden Amtszeiten ist vor allem Lulas Sozialpolitik in Erinnerung geblieben, die mit ausgeklügelten Sozialprogrammen dafür gesorgt haben soll, dass Brasilien offiziell vom Entwicklungs- zum Schwellenland wurde.

Brasilien-Wahlen: Lula da Silva – ein Leben in Armut: Was den PT-Präsidentschaftskandidaten prägte

Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte der im Jahr 1945 geborene Politiker, der seine politische Karriere in São Paulo begann, im bettelarmen Teil des nordöstlichen brasilianischen Bundesstaats Pernambuco. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, war das zweitjüngste von acht überlebenden Kindern seiner Eltern. Die Situation der Familie verschlimmerte sich, als Lulas Vater mit dem Umzug in den Bundesstaat São Paulo im Süden des Landes die Familie verließ und mit einer Cousine seiner Frau eine zweite Familie gründete. Zwar zog ihm Lulas Mutter mit den gemeinsamen Kindern 1952 hinterher, die Familienverhältnisse waren jedoch alles andere als einfach.

Für Lula und seine Geschwister bedeutete das eine nur sehr marginale Schulausbildung, die nach wenigen Jahren mit dem Eintritt in die Arbeitswelt endete: Lula steuerte bereits mit zwölf Jahren als Schuhputzer, Bote und Gehilfe in einer Wäscherei zum Unterhalt seiner Familie bei. Als Jugendlicher machte Lula eine Ausbildung zum Metallarbeiter und blieb der Branche, auch nach mehreren Arbeitgeberwechseln und einem schlimmen Arbeitsunfall, bei dem er einen Teil seines linken kleinen Fingers verlor, treu.

Ein mit Daumen und Zeigefinger geformtes L gilt als Erkennungszeichen der Unterstützer:innen von Präsidentschaftskandidat Lula da Silva.
Ein mit Daumen und Zeigefinger geformtes L gilt als Erkennungszeichen der Unterstützer:innen von Präsidentschaftskandidat Lula da Silva. (Archivfoto) © Eitan Abramovich/AFP

Brasilien-Wahlen: Lula da Silvas Karriere begann als Gewerkschafter

In seiner Tätigkeit als Arbeiter begann sich Lula für die Arbeit der Gewerkschaften zu interessieren und trat bereits in den späten 60er-Jahren in die Metallgewerkschaft bei. Kurze Zeit nach seinem Beitritt überzeugten Kollegen den charismatischen jungen Mann, eine Führungsrolle zu übernehmen. Im Jahr 1972 wurde er zum Generalsekretär seiner Metallgewerkschaft in der Regionalgruppe São Bernardo do Campo und Diadema gewählt.

Noch während der Militärdiktatur in Brasilien, die von 1964 bis 1985 andauerte, war Lula einer der Gewerkschaftsführer, die sich unerschrocken und lautstark für die Belange der brasilianischen Arbeiter:innen einsetzten. 1979 wurde er Anführer eines großen Arbeiterstreiks und organisierte darüber hinaus auch viele weitere Demonstrationen und Ausstände mit. Sein Engagement sorgte dafür, dass Lula auch der Polizei der Militärdiktatur auffiel und 1980 für einige Wochen verhaftet wurde.

Brasilien-Wahlen: Lula da Silva kandidiert für Arbeiterpartei PT

Ebenfalls 1980 war Lula auch einer der Gründer der brasilianischen Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores), für die er 1989 erstmals als Kandidat für die Präsidentschaftswahl in Brasilien antrat. Nach Wahlniederlagen in den Jahren 1989, 1994 und 1998 gelang dem charismatischen Politiker 2002 der große Durchbruch und er setzte sich im zweiten Wahlgang mit über 61 Prozent der Stimmen gegen seinen Konkurrenten, den Sozialdemokraten José Serra, durch. Auch 2006 wurde Lula wiedergewählt und gilt bis heute als einer der beliebtesten Ex-Präsidenten des südamerikanischen Landes.

Lulas Politik als Präsident war vor allem durch sozialpolitische Innovationen und Entscheidungen geprägt. So rief die Lula-Regierung etwa 2003 das Programm „Fome Zero“ (Null Hunger) ins Leben, das zum Ziel hatte, Millionen in tiefer Armut lebende Brasilianer:innen mit Lebensmitteln zu versorgen, zum Beispiel durch die Ausgabe von Gutscheinen. Mehreren Berichten zufolge soll sich der Armutsanteil in der Bevölkerung in der Regierungszeit des PT-Politikers von 40 auf 20 Prozent verringert haben.

Brasilien Wahlen: Ex-Präsident Lula da Silva will wieder Staatsoberhaupt werden – Bekannt für Sozialpolitik

Auch für die Einführung des Projekts „Bolsa Família“, eine Sozialhilfe für Familien, die pro Familienmitglied weniger verdienen als umgerechnet 46 Euro, ist Lulas Regierungszeit in positiver Erinnerung geblieben. Das Programm, das bedürftige Familien auch mit Schulgeld sowie dem Zugang zum Gesundheitssystem versorgte, lief bis 2021 weiter und wurde unter der Bolsonaro-Regierung durch ein neues Sozialprogramm ersetzt.

Zu den Unterstützer:innen von Lulas Präsidentschaftskandidatur zählt auch seine aus dem Amt enthobene Nachfolgerin Dilma Rousseff.
Zu den Unterstützer:innen von Lulas Präsidentschaftskandidatur zählt auch seine aus dem Amt enthobene Nachfolgerin Dilma Rousseff. © Nelson Almeida/AFP

Ganz ohne Kritik und Probleme verlief Lulas Präsidentschaft jedoch nicht. So wurde der Politiker etwa lautstark dafür kritisiert, dass er zwar die Armut bekämpfe, jedoch nicht genug gegen deren Ursprünge unternehme. Auch für seine Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Großindustriellen Blairo Maggi wurde Lula ausgiebig kritisiert. Umweltschützer:innen werfen Wirtschaftsvertreter Maggi vor, einer der Hauptschuldigen an der Zerstörung des Regenwalds in Brasilien zu sein.

Brasilien: Ehemals inhaftierter Präsidentschaftskandidat Lula beteuert Unschuld

Nach den Vorgaben des brasilianischen Wahlrechts, die besagen, dass Regierungsoberhäupter nur einmal in Folge wiedergewählt werden dürfen, trat Luiz Ignácio Lula da Silva 2010 nicht erneut für die Präsidentschaftswahl an. Seine Nachfolgerin wurde Lulas Parteifreundin Dilma Rousseff, die 2016 infolge eines Korruptionsskandals aus dem Amt enthoben wurde.

Die Haftentlassung von Lula da Silva im Jahr 2019 wurde von Anhänger:innen des Ex-Präsidenten im ganzen Land gefeiert.
Die Haftentlassung von Lula da Silva im Jahr 2019 wurde von Anhänger:innen des Ex-Präsidenten im ganzen Land gefeiert. (Archivfoto) © Henry Milleo/AFP

Als Resultat der Vorwürfe gegen Rousseff sowie etliche brasilianische Wirtschaftsunternehmen um den Ölkonzern Petrobras wurden in der Operation „Lava Jato“ (auf deutsch so viel wie „Hochdruckreiniger“) auch Ermittlungen gegen Rousseffs Amtsvorgänger Lula da Silva aufgenommen. Noch vor der Brasilien-Wahl 2018 wurde Lula in einem Korruptionsprozess, in dem der ehemalige Präsident stets seine Unschuld beteuerte, festgenommen und zu über zwölf Jahren Haft verurteilt. Fast zwei Jahre lang saß Lula in einem Gefängnis in der Stadt Curitiba im Bundesstaat Paraná südlich von São Paulo.

Brasilien-Wahlen 2022: Ex-Präsident Lula da Silva gegen Amtsinhaber Jair Bolsonaro

Die Verurteilung Lulas war jedoch von Beginn an äußerst umstritten und neben Spitzenpolitiker:innen in Brasilien setzten sich auch internationale Organisationen, wie der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen, für eine Freilassung Lulas ein. Das Investigativ-Magazin The Intercept deckte in einem großen Bericht auf, dass die Verurteilung des Ex-Präsidenten einzig und allein dem Zweck dienen sollte, Lula von einer Kandidatur gegen Brasiliens heutigen Präsidenten, den Populisten und Ex-Militär Jair Bolsonaro, abzuhalten. Besonders pikant: Den damals zuständigen Richter Sérgio Moro hatte Bolsonaro nach seiner Wahl zum Justizminister gemacht.

An der Seite von Lula da Silva kandidiert der Sozialist und ehemalige Gouverneur von São Paulo, Geraldo Alckmin, bei der Brasilien-Wahl 2022 als Vizepräsident.
An der Seite von Lula da Silva kandidiert der Sozialist und ehemalige Gouverneur von São Paulo, Geraldo Alckmin, bei der Brasilien-Wahl 2022 als Vizepräsident. © Evaristo Sa/AFP

Im November 2019 wurde Lula nach fast 600 Tagen Haft freigelassen und 2021 die Urteile gegen ihn schließlich aufgehoben. Der Jubel seiner Anhänger war nicht nur deswegen groß, weil Lula wieder in Freiheit war. Auch für die kommende Präsidentschaftswahl und eine erhoffte Abwahl Bolsonaros ist der populäre Ex-Präsident in entsprechenden Kreisen in Brasilien ein großer Hoffnungsträger.

Brasilien-Wahlen: Umfragen zeigen gute Chancen für Lula-Sieg

Wahlumfragen in Brasilien sehen Lula bereits seit einiger Zeit als Kandidaten, der gute Chancen hat, den amtierenden Präsidenten Jair Bolsonaro bereits nach dessen erster Legislaturperiode aus dem Amt zu drängen. Eine Erhebung des Forschungsinstituts „Datafolha“ ergab Anfang August, keine zwei Monate vor dem Wahltermin in Brasilien, dass Lula vor allem bei den ärmeren Bevölkerungsschichten Brasiliens deutlich vorne liegt. Wie das Nachrichtenmagazin Globo berichtet, erreichte Lula bei den „vulnerablen“ Bevölkerungsgruppen 54 Prozent Zustimmung, unter den „sehr reichen“ Brasilianer:innen unterstützten 34 Prozent der Befragten den Ex-Präsidenten. Bolsonaro erreichte in der Umfrage 24 Prozent bei den armen und 42 Prozent bei den reichen Brasilianer:innen.

Als erster Präsidentschaftskandidat in der Geschichte Brasiliens kandidiert Lula bei seinem sechsten Wahlanlauf als Vertreter eines Parteienbündnisses, hinter dem zahlreiche linksgerichtete Parteien stehen. Als Lulas Vize-Kandidat bei der Wahl am 2. Oktober 2022 tritt der Sozialist und ehemalige Gouverneur von São Paulo, Geraldo Alckmin, an. Gewinnt beim ersten Wahlgang keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit, kommt es am 30. Oktober zum zweiten Wahlgang. (Sandra Kathe)

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