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Belarus und Russland - Lukaschenko kuscht vorm Kreml

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Von: Stefan Scholl

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Der belarussische Staatschef Lukaschenko versucht, seine Truppen aus direkten Kampfhandlungen herauszuhalten – doch Minsk ist abhängig von Moskau.

Minsk – Alexander Lukaschenko liebt deftige Worte: „Richtet dem Präsidenten der Ukraine und anderen Wahnsinnigen aus, dass ihnen die Krim-Brücke wie ein Blümchen vorkommen wird, wenn ihre schmutzigen Hände nur einen Meter unseres Territoriums berühren“, verkündete er am Montag (10. Oktober). Er habe Informationen erhalten, Kiew sei dabei, eine zweite Front gegen Belarus zu errichten. Und der Westen diskutiere die Möglichkeit, einen Atomschlag gegen sein Land zu führen.

Der Minsker Staatschef unterstützt zurzeit nicht nur die russische Propaganda, Lukaschenko verkündet auch, man habe begonnen, eine „gemeinsame Gruppierung“ mit russischen Streitkräften zu bilden. In Kiew mehren sich die Befürchtungen, die belarussische Armee werde bei neuen Vorstößen der Russen aus dem Norden mitmarschieren. Zu Beginn der „militärischen Spezialoperation“ hatten russische Truppen aus Belarus Kiew und Tschernihiw, auch das Atomkraftwerk Tschernobyl angegriffen, sich aber nach verlustreichen Kämpfen wieder zurückgezogen.

Belarus im Ukraine-Krieg: „Die weißrussische Armee kann sehr hart vorgehen“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief jetzt dazu auf, internationale Beobachter:innen an der 1084 Kilometer langen ukrainisch-belarussischen Grenze zu stationieren. „Offensichtlich tritt Weißrussland in den Krieg ein“, schreibt der kremlnahe Politologe Sergej Markow auf Facebook. „Lukaschenko ist ein Macher und die weißrussische Armee kann sehr hart vorgehen.“

Allerdings gilt Lukaschenko auch in Russland eher als Held der Worte als der Taten. „Unter welchem Vorwand wird der Kartoffelführer diesmal Russland sitzen lassen und seine Armee statt an die Front zum Ernteeinsatz schicken“, spottet der oppositionelle Telegramkanal Stalingulag.

Mann der Worte: Lukaschenko (l.) unterstützt Putins Propaganda nach Kräften. Foto: Imago Images.
Mann der Worte: Lukaschenko (l.) unterstützt Putins Propaganda nach Kräften. Foto: Imago Images. © Imago/ZUMA Wire

Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes wurden am Montag (10. Oktober) fast 500 Tonnen Munition per Zug aus einem belarussischen Waffenlager bei Gomel Richtung Krim transportiert. Angeblich will Belarus weitere 13 Züge mit Kriegsmaterial in die russische Region Rostow schicken. Laut dem US-amerikanischen Militärforschungsinstitut ISW planen Moskau und Minsk zurzeit kaum, gemeinsam eine neue Offensivstreitmacht an der ukrainischen Nordgrenze zu sammeln.

„Moskau besitzt sehr seriöse Druckmittel, um Lukaschenko abhängiger zu machen“

Dem Portal republic.ru zufolge erhielt Minsk aber erst kürzlich einen 1,5-Milliarden-Dollar-Kredit von Russland. „Moskau besitzt sehr seriöse Druckmittel, um Lukaschenko immer abhängiger zu machen“, sagt der belarussische Politologe Andrei Kasakewitsch.

Ende September stattete Lukaschenko der prorussischen georgischen Rebellenrepublik Abchasien, die er früher nicht anerkannt hatte, einen offiziellen Besuch ab. Und Belarus gehörte zu den fünf Staaten, die am Mittwoch (12. Oktober) in der UN-Vollversammlung gegen die Verurteilung der neuen Annexionen Russlands stimmten. Lukaschenko kuscht. „Die Bildung der ,gemeinsamen Gruppierung‘ erlaubt es Russland künftig, unbefristet seine Streitkräfte in unbegrenzter Zahl in Belarus zu halten“, sagt Kasakewitsch.

Lukaschenkos Armee auf etwa 40.000 Einsatzkräfte beziffert

Belarussische Sicherheitsexperten beziffern die Armee Lukaschenkos auf 6000 bis 8000 Spezialeinsatzkräfte und 30.000 halbwegs einsatzfähige Wehrpflichtige. Aber ein Großteil der Einheiten sei in Alarmbereitschaft versetzt worden, sagt Waleri Sachastschyk, Leiter der Abteilung für nationale Sicherheit der Exilregierung unter Swetlana Tichanowskaja.

„Es finden ständig Übungen an den südlichen und westlichen Grenzen statt. Wehrpflichtige werden regelmäßig zur Ausbildung einberufen.“ Andere Exilanalytiker:innen sagen, Russland bemühe sich, in Belarus ein neues Invasionskorps von etwa 100.000 Mann aufzustellen – und Lukaschenko mache demonstrativ mit mobil.

Laut Sachastschyk hat Lukaschenko starke Bedenken am Einsatz der belarussischen Armee gegen die Ukraine. „Er weiß, dass ihm und seinem Gefolge in diesem Fall große militärische und innenpolitische Gefahren drohen.“ (Stefan Scholl)

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