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Räumung von Lützerath: Das Ende eines Dorfes

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Von: Barbara Schnell

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Einige Teilnehmende der Demo gelangen bis an die Kante des Tagebaus.
Einige Teilnehmende der Demo gelangen bis an die Kante des Tagebaus. © dpa

Während im Nachbarort Tausende demonstrieren, schafft RWE in Lützerath Tatsachen. Initiativen kündigen weitere Demonstrationen an.

Lützerath – Noch bevor die Polizei am ersten Tag der Räumung von Lützerath am Mittwoch ihr Fazit zieht, hört man überall im Ort, wie sich Polizist:innen gegenseitig erzählen, solche Fortschritte hätte man im Hambacher Wald niemals an einem Tag gemacht. Die wortwitzigen Sitzblockaden des Wochenanfangs sind fort, viele Strukturen geräumt, es wird stiller im Dorf.

Zumindest sind weniger Menschenstimmen zu hören, denn wo die Aktivist:innen verschwunden sind, rücken sofort die Maschinen nach. Er sei „erschrocken“ gewesen, was der Konzern zur Zerstörung des Ortes aufgefahren habe, hatte Einsatzleiter Willi Sauer noch am Dienstag bei der Pressekonferenz der Aachener Polizei gesagt.

Lützerath: Abriss geht voran

Jetzt wird sichtbar, was er damit gemeint hat. Als Erstes hat RWE die „Eibenkapelle“ geräumt, einen Andachtsort am südöstlichen Ortseingang, der auf dem Papier bis heute der katholischen Kirche gehört, danach die daneben liegende Bushaltestelle, zuletzt ausgebaut zum südlichen Spähposten der Aktivist:innen. Sofort wurde von Konzernmitarbeiter:innen das viel fotografierte Ortsschild entfernt, dann folgten die Baumfällmaschinen, um den Ortseingang dem Erdboden gleichzumachen.

Und so soll es weitergehen. Mit jeder geräumten Struktur rücken mehr Maschinen vor und setzen die Zerstörung fort. Zwar werden „draußen“ prominente Stimmen lauter, die ein Moratorium fordern, sich gegen den Abriss von Lützerath einsetzen. Doch macht ab dem zweiten Räumungstag allein der Wandel der Geräuschkulisse klar, dass es hier kein Zurück mehr gibt. Überall ertönen Kettensägen und das Fiepen schwerer Fahrzeuge im Rückwärtsgang. Bauteile scheppern in Stahlcontainer, Bäume bersten.

Polizei verstärkt ihr Aufgebot und räumt Lützerath

Die Rufe der Buchfinken, die zu halbzahmen Begleitern der Besetzung geworden sind, klingen jetzt schrill. In den Geruch der in Massen sterbenden Bäume mischt sich der Diesel unzähliger Generatoren. Zwischendurch immer wieder Sprechchöre: „Du bist nicht allein“, rufen die Menschen in den Strukturen jedem Aktivisten nach, der abgeführt wird.

Inmitten des Getöses geht die Polizei unbeirrt und zielstrebig vor; die meisten Besetzer:innen lassen sich widerstandslos aus dem Ort führen und dürfen dann gehen; manche lassen sich tragen, es gibt so gut wie keine Rangeleien mehr. RWE vollendet den Bau einer anderthalb Kilometer langen doppelten Umzäunung von der nördlichen zur südlichen Tagebaukante. Da alles Material schon im Tagebau lagerte und von dort herangefahren wird, gibt es keine Blockaden.

Schon früh am Samstagmorgen ist der gesamte Bauzaun um eine dritte Reihe verstärkt worden: Sie besteht aus Stoßstange an Stoßstange geparkten Polizeifahrzeugen. Menschen, die vier Jahre zuvor das Polizeiaufgebot im Hambacher Wald kaum fassen konnten, stehen davor und schlucken.

„Wir müssen die Zerstörung dieses Planeten stoppen“, sagt Greta Thunberg auf der Kundgebung.
„Wir müssen die Zerstörung dieses Planeten stoppen“, sagt Greta Thunberg auf der Kundgebung. © dpa

Greta Thunberg zu Lützerath-Protesten: „Die Menschen an der Macht handeln nicht“

Im Nachbarort Keyenberg versammeln sich währenddessen die Menschen. Die Polizei spricht von 15 000 Teilnehmenden, „Fridays for Future“ von mindestens 35 000. „Wir müssen die Zerstörung dieses Planeten stoppen“, ruft die eigens angereiste Greta Thunberg auf der Kundgebung zum Handeln gegen die Klimakrise auf. „Die Menschen an der Macht handeln jedoch nicht“, kritisierte sie. Dies sei „Verrat an den künftigen und gegenwärtigen Generationen“. Am Rand der Demo versuchen laut Polizei rund 1000 Menschen, auf das Gelände von Lützerath zu gelangen. Um sie davon abzuhalten, setzt die Polizei Wasserwerfer, Schlagstöcke und Pfefferspray ein.

Unterdessen setzt RWE alles daran, vor der Ankunft der Proteste die Landmarken zu beseitigen, die Lützerath in der verwüsteten Landschaft weithin sichtbar machten: das in Regenbogenfarben bemalte Eingangstor des „Paulahofs“. Den Hof des Landwirts Eckardt Heukamp. Und die markante Reihe dreißig Meter hoher Pappeln an der nördlichen Ortsgrenze. An diesen Bäumen sind mehrere Seile und Traversen befestigt, die zu einem mehrstöckigen Holzturm, dem Tower, führen und diesen stützen. In den vergangenen Tagen war viel Presse vor Ort, doch am Samstag ist das mediale Augenmerk fast vollständig auf die Demo draußen gerichtet. Noch einmal ändert sich die Atmosphäre im Ort. „Sicherheit vor Geschwindigkeit“ war gestern; heute wütet der Maschinenpark ungebremst – und gefährdet Menschenleben. In einer Traverse an den Pappeln hängt eine Hängematte mit einem Menschen.

Räumung Lützeraths: Polizei droht mit gewaltsamer Räumung

Ohne die in der Baumpflege üblichen Sicherheitsabstände zu wahren, kappt ein Harvester Seile. Umstehende werden nervös, sprechen Polizist:innen auf die akut gefährdete Person in der Hängematte an. Die zucken mit den Schultern, hier habe jetzt nur noch RWE das Sagen. Dann passiert, was zu befürchten war, und ein vom Harvester abgetrennter Ast fällt auf die Traverse. Die Hängematte schaukelt heftig, doch zum Glück reißt das Seil nicht. Der Harvester setzt seine Fällarbeiten fort, bis klar wird: Den Tower bekommen sie nicht so schnell geräumt, einige Pappeln werden stehen bleiben müssen. Die Baumfällmaschine schweigt, doch das Lärmen der Generatoren geht genau so weiter wie die Abbruchgeräusche.

Irgendwann dann ein neuer Ton. Das Handynetz ist so gut wie zusammengebrochen, deshalb werden Nachrichten von der Demo draußen nur noch mündlich weitergegeben. In den noch besetzten Baumhäusern ertönt plötzlich Jubel; dort oben können sie die Demonstrant:innen sehen, die jetzt über den Acker auf den Bauzaun zustürmen. Die Stimmen der Menschenmenge mischen sich unter den tosenden Wind. Dann beginnt ein Polizeimegafon die Allgemeinverfügung zu verlesen, droht den Protestierenden sowie auch ausdrücklich der Presse Gewalt an, wenn sie das Feld nicht räumen. Die Durchsagen wiederholen sich, dann sind vom Camp aus die Fontänen der Wasserwerfer zu sehen. Der Ton der Menschenmasse klingt jetzt empört, doch immer wieder singen sie auch.

Widerstand der Aktivisten in Lützerath neigt sich dem Ende zu

Unterdessen wird im ohrenbetäubenden Lärm der Maschinen der letzte Mensch auf dem Tower aus seinem Lock-on geflext. Er wehrt sich nicht, er weint nicht, doch als er dann umringt von Polizist:innen am Boden sitzt, spricht sein leeres Gesicht Bände.

Bei Anbruch der Dunkelheit kommt aus dem „Lütziwald“ ein Hilferuf. Zwei Menschen, denen oben in den Bäumen die Kräfte ausgehen, wollen herunterkommen und bitten um Beobachtung durch Parlamentarier:innen und Presse. Unter den beiden letzten Besetzer:innen des kleinen Hains sammeln sich jetzt die, die in den vergangenen Tagen das Räumungsgeschehen aus unterschiedlicher Perspektive begleitet haben. Die Kontaktpolizist:innen, die noch fokussiert arbeiten, denen aber anzumerken ist, wie sehr sie diese Räumung berührt. Die Grüne Bundestagsabgeordnete Kathrin Henneberger, die in Lützerath seit Tagen Kilometer um Kilometer läuft, um mit Rat, Tat und manchmal Medikamenten zu helfen. Und eine Handvoll Journalist:innen, für die dieser Einsatz alles andere als alltäglich war.

Polizeikräfte tragen einen verletzten Demonstranten während der Demonstration.
Polizeikräfte tragen einen verletzten Demonstranten während der Demonstration. © dpa

Räumung Lützeraths: Kritik an Polizeigewalt

Seit Beginn der Räumung von Lützerath am Mittwoch seien insgesamt mehr als 70 Polizisten verletzt worden, die meisten davon bei der Demo am Samstag, sagt am Sonntag ein Polizeisprecher. Die Verletzungen gingen aber nur zum Teil auf Gewalt durch Demonstranten zurück.

Die Veranstalter der Demo werfen der Polizei Gewalt-Exzesse vor. Bei der Demo habe es „ein unglaubliches Maß an Polizeigewalt“ gegeben, sagt eine Sprecherin von „Lützerath lebt“. Eine Sprecherin des Sanitätsdienstes der Demonstrant:innen sagt, es sei am Samstag eine „hohe zweistellige bis dreistellige Zahl“ von Teilnehmer:innen verletzt worden. Ein Video zeigt, wie auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, die deutsche Aktivistin Luisa Neubauer von Polizist:innen abgedrängt werden.

Kritik kommt auch von der Journalistengewerkschaft dju in ver.di NRW: Zwar sei es trotz zahlreicher Konflikte gelungen, immer im Dialog mit den Verantwortlichen des Energiekonzerns RWE und der Polizei zu bleiben, erklärt die Gewerkschaft am Sonntag. Dennoch habe die dju, die nach eigenen Angaben mit einem Beobachter und Unterstützer vor Ort war, Übergriffe auf Medienvertreter durch von RWE beauftragte Security-Firmen, die Polizei und Demonstrierende dokumentiert.

Lützerath: Räumung beendet – Aktivist:innen kündigen weitere Aktionen an

Am Sonntag verkündet die Polizei, alle verbliebenen Aktivist:innen aus den Baumhäusern geholt zu haben. Am Montag meldet RWE, die Räumung sei mit dem Abzug der letzten Klimaaktivist:innen beendet worden. Zwei Aktivisten, die seit Tagen in einem selbstgegrabenen unterirdischen Tunnel ausgeharrt hatten, verließen diesen am Montag. Dazu hätten sich die Aktivisten „nach intensiven Gesprächen“ freiwillig entschlossen, erklärte RWE. Der Abriss der Siedlung wird laut einem Sprecher des Energiekonzerns fortgesetzt. „In den kommenden Tagen“ sei er voraussichtlich abgeschlossen, teilte der Konzern mit.

Den Protest gegen die Räumung der Siedlung setzten Aktivisten am Montag andernorts fort. In dem etwa 20 Kilometer von Lützerath entfernten Tagebau Hambach hielten Aktivisten einen Kohlebagger besetzt. Laut einem Unternehmenssprecher ketteten sich die Aktivisten in 50 Metern Höhe an dem Fahrzeug fest. Die Aktivisten verließen den Bagger später freiwillig, wie sie selbst mitteilten.

Es dürften nicht die letzten Blockaden gewesen sein: Aktivist:innen von „Ende Gelände“, „Alle Dörfer bleiben“ und „Fridays for Future“ kündigen am Sonntag weitere Aktionen „mit der ganzen Bandbreite des zivilen Ungehorsams“ an, unter anderem einen Aktionstag am 17. Januar. (Barbara Schnell mit Agenturen)

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