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Die Angeklagten Mario S. (links) und Andreas V. (mit Aktenordner) sind zu hohen Haftstrafen verurteilt worden.

Justiz

Hohe Haftstrafen und Sicherungsverwahrung im Lügde-Prozess

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Zwei Männer fügen auf einem Campingplatz in Ostwestfalen vielen Kindern jahrelang schweres Leid zu. Dafür müssen sie nun viele Jahre ins Gefängnis. 

Update, 05. September, 9.30 Uhr: Im Prozess um den massenhaften Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde ist nun das Urteil gefallen. Das Landgericht Detmold verhängte eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren gegen den 56-jährigen Andreas V. wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs in mehr als 200 Fällen. Der 34-jährige Mario S. erhielt 12 Jahre. Das Gericht ordnete außerdem die anschließende Sicherungsverwahrung für die beiden Deutschen an.

Der Fall Lügde: Missbrauch mit System

Erstmeldung, 27. Juni, 10.45 Uhr: Etwas stimmte nicht bei diesem Addy, das war ihr klar. Jedenfalls sagt sie das heute, an einem dieser ersten früh heißen Junitage, eine Frau Mitte 50, während sie vor ihrem Wohnwagen mit dem mächtigen Vorzelt steht, an jenem Zaun, der ihre Parzelle von dem Weg davor scheidet. Sie zögert kurz. Weil es hier die schwierigste Frage ist, auf dem Grundstück am Hang mit seinen Zelten und Wohnwagen: Was konnte man wissen? Was musste man vielleicht sogar merken von dem, was nur ein paar Meter weiter geschah?

„Dass ein älterer, arbeitsloser Mann in einem Wohnwagen eine Pflegetochter zugesprochen bekam, das kam uns natürlich komisch vor. Normal war das nicht“, sagt die Frau. „Aber nachdem die Behörden da waren und fanden, es sei alles in Ordnung, da waren auch wir beruhigt“, sagt sie dann. Klüger zu sein als das Jugendamt, findet die Frau, das könne niemand verlangen. Damit hätte sie sich zufriedengegeben. Alle hätten das, sagt die Frau.

Nur übersah das Jugendamt leider, dass überhaupt nichts in Ordnung war bei dem Mann, den auf diesem Platz alle nur Addy nannten, und seiner Pflegetochter. Und auch nicht mit den anderen Kindern, die immer wieder bei ihm waren. Dass hier, ganz im Gegenteil, sogar schwerste Verbrechen geschahen. Und dass selbst die Polizei keine Hilfe war, als sie von all dem erfuhr. Dass nicht mal sie verstand, was hier geschah. Oder es nicht verstehen wollte.

Es gibt wenig, das die Ermittler im Fall Lügde heute wirklich ausschließen können. Der Campingplatz Eichwald, gelegen an einem Hang am Rand von Elbrinxen, einem Ortsteil der Stadt Lügde, ist jetzt wieder ein fast idyllischer Ort. Die Gäste sind zurück, sie sitzen auf Klappstühlen vor ihren Wohnwagen, mähen Rasen oder befeuern schon mal den Grill.

Ermittler: Lüdge ist die schwerste Missbrauchserie in NRW

18 der Opfer im Missbrauchsfall Lüdge treten im Preozess als Nebenkläger auf.

Im Winter, als fast niemand hier war, kam die Polizei und nahm Addy fest, den 56-jährigen Andreas V., der seit mehr als 20 Jahren auf dem Campingplatz lebte und als eine Art Hilfsplatzwart auch arbeitete. Ebenso lange hat er hier in seiner Baracke am unteren Teil des Platzes offenbar systematisch Kinder vergewaltigt und auf andere Weise schwer missbraucht – zusammen mit dem 34-jährigen Mario S., der oben, am anderen Ende des Platzes, wohnte. An diesem Donnerstag beginnt vor dem Landgericht Detmold der Prozess gegen sie. Mitangeklagt ist ein Dritter, Heiko V. aus Stade, der die Verbrechen offenbar zum Teil per Video verfolgte und beauftragte. Mehr als 450 Taten wirft die Staatsanwaltschaft ihnen vor, insgesamt 34 Kinder listet die Anklage derzeit als Opfer auf. Die Jüngsten gehen noch nicht zur Schule. Wobei derzeit niemand weiß, ob diese Liste vollständig ist. Weder aufseiten der Täter noch aufseiten der Opfer.

Es ist ein Verbrechen von erschreckenden Dimensionen. Die Ermittler sprechen von der schwersten Missbrauchsserie in Nordrhein-Westfalen. Wegen der extrem langen Dauer von wohl mindestens zwei Jahrzehnten, über die sich die Taten erstreckten. Und weil Mitarbeiter von Jugendämtern und Polizisten immer wieder schlampten, zauderten, schliefen und Hinweise versanden ließen. Was, wenn die Schilderungen und Vorwürfe stimmen, ein mitentscheidender Grund war, dass alles so lange unentdeckt blieb. Die wohlwollende Interpretation lautet, dass sie aus Fahrlässigkeit und Überforderung handelten, nicht mit Vorsatz. Auch gegen mehr als ein Dutzend Jugendamtsmitarbeiter und Polizisten laufen Ermittlungen.

Wo auf dem Campingplatz Eichwald die Baracke von Andreas V. stand, ist jetzt leere Fläche, die Reste sind weggerissen. Äußerlich sind die Spuren getilgt. Doch zumindest an manchen Stellen scheint die Schicht der Normalität, die sich hier über die Taten gelegt hat, ziemlich dünn. Der Betreiber des Platzes, der Andreas V. gut kannte, ihn beschäftigte, ihn fast täglich traf, weist Journalisten an diesem Nachmittag vom Platz, wenn sie nach den Taten fragen. Die Camperin, die sich auf das Jugendamt verließ, kommt, erzählt sie, seit 20 Jahren auf den Platz, seit zehn Jahren haben sie und ihr Mann einen eigenen Wohnwagen hier, eine halbe Autostunde von ihrem Wohnort entfernt. Anfangs kamen sie mit ihrer Tochter. „Wir sind nur froh, dass sie offenbar schon zu alt für ihn war“, sagt sie. Und wohl auch alt genug, um das System zu durchschauen, mit dem er die Kinder gefügig machte.

Was über Andreas V. bekannt ist

Andreas V. stammt aus Duisburg. Hauptschulabschluss, abgebrochene Lehre, Jobs als Lkw-Fahrer und am Hochofen, das war sein Weg. Die Parzelle in Lügde übernahm er nach deren Tod von seinen Eltern, so heißt es auf dem Platz. Den ersten Missbrauch datiert die Anklage auf das Jahr 1998. Das Mädchen war vier.

Addy, wie er auf dem Platz heißt, war stark übergewichtig, erst nach einer Magenoperation verlor er etwas Gewicht. Er war krank, lebte seit 20 Jahren von Hartz IV. Mit der Zeit, so schildern es andere Platzbewohner, verwahrloste seine Parzelle immer stärker. Warum Kinder dennoch immer wieder zu ihm kamen, zumindest nach außen scheinbar gerne bei ihm waren? V. errichtete etwas, das der Anwalt Peter Wüller, der zwei Kinder als Nebenkläger vor Gericht vertritt, ein „System von Belohnung und Bedrohung“ nennt. Mit den Kindern, die zu ihm kamen, ging er reiten, machte Ausflüge zum See oder zum Shoppen, die kleineren Kinder durften sich etwas aus dem Katalog aussuchen. Dafür mussten sie ihm zu Willen sein. Wer etwas von dem, was er mit ihnen tat, den Eltern erzählte, zu dem kämen böse Geister, drohte er.

Die Eltern seiner Opfer lernte er im Schwimmbad kennen, auf dem Platz oder über Kontaktanzeigen. Es waren oft Alleinerziehende, die selbst nicht das Geld oder die Zeit hatten, sich um die Kinder zu kümmern. Die überfordert waren. Die froh waren über Addys Angebot, sich ein wenig um sie zu kümmern.

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Endgültig am Ziel muss er sich gefühlt haben, als ihm eine Mutter 2016 das Aufenthaltsbestimmungsrecht für ihre siebenjährige Tochter übertrug. Über eine „Schenkungsurkunde“ soll er gegenüber der Mitarbeiterin des Jobcenters triumphiert haben. Er musste sich sehr sicher gefühlt haben.

In den Vernehmungen sollten Ermittler die Jugendamtsmitarbeiterin, die V. betreute, ungläubig fragen, ob ihr das Chaos, die Umstände, das Hausen auf dem Campingplatz, nicht unpassend vorgekommen seien. Wenn sie kam, sei immer alles aufgeräumt gewesen, antwortete sie den Beamten. Das Mädchen M. jedenfalls wurde von V. gleich doppelt missbraucht. Als Vergewaltigungsopfer. Und als Lockmittel für andere Kinder.

Leyla und Ben, wie sie hier heißen sollen, Geschwister, waren im Kindergartenalter, als sie im Jahr 2016 alle zwei Wochen mit ihren Eltern auf den Campingplatz kamen, um ihren Großvater zu besuchen. Dort lernten sie M. kennen, das Pflegekind. Es führte sie zu Onkel Addy. Die zwei, sagt Peter Wüller, ihr Anwalt, seien von beiden Hauptangeklagten „auf jede erdenkliche Weise vergewaltigt“ worden.

Ein Geständnis könnte Leyla vor der Zeugenaussage bewahren

Nachdem sich ein Mädchen im Oktober 2018 ihrer Mutter anvertraut hatte und Andreas V. Anfang Dezember festgenommen worden war, kamen die Ermittler auch zu Leyla. „Jetzt kann der Addy keine Kinder mehr schnappen“, sagt sie zu den Ermittlern. Sie und ihr Bruder sind derzeit in einer therapeutischen Einrichtung untergebracht, in einem anderen Bundesland. Es gehe ihnen, laut Aussage der Kinderpsychologin, glücklicherweise erstaunlich gut, versichert Wüller. Aber es ist mit Sicherheit ein sehr brüchiger innerer Friede, zu dem die beiden da gefunden haben. Es sind die Erinnerungen, die ihn bedrohen, weil sie sich jederzeit wieder nach vorne drängen können. Und da ist die Gefahr, dass die beiden in diesem Prozess tatsächlich noch einmal schildern müssen, was sie durchlitten haben.

Die Angeklagten könnten ihnen das ersparen, wenn sie im Prozess einräumen würden, was sie getan haben. Sie sind auf Fotos und Videos selbst zu sehen, es dürfte schwer sein zu leugnen. Aber bislang schweigen sie. Und es gibt kein Signal, dass sie es von diesem Donnerstag an in Saal 165 des Landgerichts Detmold anders handhaben werden. „Wenn die beiden und alle anderen Opfer aussagen müssten, wäre das eine Vollkatastrophe“, sagt Wüller. Etwas, dessen Schaden noch gar nicht absehbar wäre.

Der Campingplatz Eichwald liegt nahe der Stadt Lügde. Die Ermittlungen in dem Missbrauchsfall richten sich auch gegen Polizisten und Mitarbeiter des Jugendamts.

2016, das ist das Jahr, in dem das Leiden seiner jungen Mandanten begann. Und 2016, das ist auch das Jahr, in dem gleich drei Personen das Jugendamt auf Andreas V. hinwiesen, ihn verdächtigten. Es war ein Vater, der beim Abholen seiner Tochter sah, dass die Mädchen im Kleid ohne Schlüpfer auf der Schulter von Andreas V. saßen. Es waren eine Vertreterin des Kinderschutzbundes und eine Mitarbeiterin des Jobcenters, die ebenfalls Bedenken gegen V. vorbrachten. Doch alle Hinweise blieben letztlich folgenlos. Die Polizei nahm keine Ermittlungen auf, informierte auch nicht die Staatsanwaltschaft. V. konnte weitermachen.

Wüller will deshalb nach dem Strafprozess die Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen auf Schadensersatz verklagen. „Die Taten hätten verhindert werden können, wenn mit gebotener Ernsthaftigkeit ermittelt worden wäre“, sagt der Anwalt. Es geht um zahlreiche schwere Vergewaltigungen. Um viel Geld für die Opfer.

Auf dem Campingplatz am Rand von Lügde läuft derweil weiter der ganz normale Sommerbetrieb. Es ist ein ruhiger Ort. So ruhig, dass man jedes Geräusch deutlich wahrnimmt. Gespräche der Nachbarn. Rasenmäher. Ist es denkbar, dass es niemand hört, wenn hier, in einem Wohnwagen, Kinder vor Schmerzen weinen? Die Camperin vom Anfang, die auf das Jugendamt vertraute, versichert, dass es so gewesen ist. Ob sie noch uneingeschränkt gerne herkommt, auf diesen Platz? Vielleicht, sagt sie, würde sie tatsächlich gerne diesen Platz verlassen. „Aber wir können ja nicht einfach abhauen und an die Ostsee fahren.“ Dazu fehle ihnen das Geld. Außerdem, fügt sie dann noch hinzu, „ist das hier ja ein schöner Flecken Erde.“

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