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Rund 1200 Menschen demonstrieren nach dem Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke gegen Rechtsextremismus und Gewalt.

Bedrohte Politiker

Von Bedrohungen und Beleidigungen, über rassistische Erfahrungen mit der Polizei, bis zu körperlichen Angriffen

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Olivia Sarma von der Beratungsstelle „Response“ spricht über rassistische Bedrohungen im Alltag und die Folgen für die Betroffenen.

Olivia Sarma (37) leitet die Beratungsstelle Response an der Bildungsstätte Anne Frank. Das Team beschäftigt sieben Mitarbeiter in Frankfurt und Kassel und berät Betroffene rechter und rassistischer Gewalt. Response wird aus Bundes- und Landesmitteln finanziert. 

Frau Sarma, seit dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wird viel über Drohungen gegen Politiker gesprochen. Sie beraten normale Bürger, die bedroht werden. Was sind das für Leute?
In unsere Beratungsstelle kommen Menschen jedes Alters und jeder Herkunft, meistens wegen rassistischer Angriffe. Was Bedrohungen angeht, sind es häufig Menschen, die im Netz bedroht werden, etwa auf Twitter oder Facebook. Oder sie erleben Angriffe im Alltag, im öffentlichen Raum oder im Arbeitsumfeld.

Und die Spannbreite reicht von Drohungen im Netz bis zu körperlichen Übergriffen?
Genau. Es geht von Bedrohungen und Beleidigungen auch im Internet über Alltagsanfeindungen, die wir als Mikroaggressionen bezeichnen, über rassistische Erfahrungen mit der Polizei bis hin zu körperlichen Angriffen.

„Mehr Menschen, die nach massiven Körperverletzungen zu uns kommen“

Wie viele Leute betreuen Sie?
Wir hatten in diesem Jahr bisher 65 neue Anfragen. Wir merken einen deutlichen Anstieg. Im letzten Jahr haben wir 102 Fälle beraten, im Jahr davor 40. Das kann natürlich damit zusammenhängen, dass wir als Beratungsstelle bekannter werden. Aber wir nehmen auch wahr, dass die Qualität der Angriffe sich verändert. Es gibt mehr Menschen, die nach massiven Körperverletzungen zu uns kommen, auch nach Fällen, in die rechtsextreme Akteure involviert waren.

Zuletzt war viel von Drohungen gegen Politiker die Rede, die sich etwa für Flüchtlinge einsetzen. Wie sieht ein klassischer Beratungsfall bei Ihnen aus?
Einen klassischen Fall gibt es so nicht. Menschen kommen nach schweren körperlichen Angriffen zu uns und suchen einen geschützten Raum, um zu sprechen, andere haben Beleidigungen erlebt und suchen strafrechtliche Handlungsmöglichkeiten. Menschen, die Hass im Netz erleben, möchten sich über Strategien informieren oder einfach ihren Fall dokumentiert wissen.

Motivation für Angriffe rührt aus einer rechten Ideologie her

Wenn es in der Mehrheit der Fälle um Rassismus geht: Kommen die Täter überwiegend aus dem rechten Spektrum?
Die Täter und Täterinnen sind nicht immer organisierte Neonazis oder Rechtsextremisten. Viele Menschen, die wir beraten, werden von Leuten angefeindet, die man in der sogenannten Mitte der Gesellschaft verorten würde. Aber der Kontext der Angriffe macht deutlich, dass die Motivation aus einer rechten Ideologie herrührt. Wir haben auch immer mehr Anfragen, weil Leute von älteren Personen angegangen werden.

Sie machen also die Erfahrung, dass Versatzstücke rechter Ideologie sich in der Gesellschaft immer weiter ausbreiten?
Ja, genau. Darin liegt ein großes Problem. Wir haben in Hessen eine aktive Neonaziszene, die bundesweit vernetzt und sehr gewaltbereit ist, die aus unserer Sicht meistens auch unterschätzt wird. Das wurde durch den Mord an Walter Lübcke ja gerade noch einmal schmerzlich deutlich. Aber wenn man die Erfahrungen der Betroffenen anhört, sind diese rechtsextremen Akteure nicht das vorrangige Problem. Die Bedrohung im Alltag geht vor allem von ganz normalen Bürgern aus, die rassistische und antisemitische Einstellungen haben.

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Was machen derartige Übergriffe mit den Betroffenen?
Das ist sehr unterschiedlich. Uns wird oft erzählt, dass die Menschen sehr erschüttert sind, auch wenn viele von ihnen fast täglich Ausgrenzung erfahren. Die größte Erschütterung kommt aber meistens daher, dass das soziale Umfeld so wenig reagiert. Etwa wenn jemand in der Öffentlichkeit angegriffen wird und sich niemand solidarisiert. Dieses Erleben von Schutzlosigkeit verursacht häufig die größte Verunsicherung. Menschen, die viel Unterstützung erfahren haben und Anerkennung für ihre Perspektive erfahren, fühlen sich handlungsfähiger.

Eine wichtige Frage bei Drohungen ist ja, wie ernst man sie nehmen muss. Wie schätzen Sie das in Ihrer täglichen Arbeit ein?
Wir wissen, dass es eine Verrohung im Internet gibt und dass dort Drohungen leicht von der Hand gehen. Nach den meisten Bedrohungen folgt ja auch erst mal keine Tat. Der Fall Lübcke zeigt, dass die Person, die im Internet Drohungen ausstößt, gar nicht die sein muss, die zur Tat schreitet. Aber die Normalisierung von verbaler Brutalität trägt dazu bei, dass Rechtsextremisten sich legitimiert fühlen, aktiv zu werden. Es ist ein großes Problem, dass es so wenig Ermittlungserfolge gegen Hassrede im Internet gibt. Dass so viele Vorfälle ohne Konsequenzen bleiben.

Mehr Sensibilisierung für Rassismus und Antisemitismus vonnöten

Was können Sie für die Betroffenen tun?
In der Beratung finden wir meistens erst einmal heraus, was die Betroffenen selbst wollen. Es kann sein, dass es erst einmal darum geht, über das Erlebte zu sprechen. Dann geht es natürlich auch darum, bei Anzeigen zu unterstützen, die Betroffenen zur Polizei oder anderen Behörden zu begleiten, Zugänge zu Anwälten oder auf Wunsch auch Therapeuten zu erleichtern. Und wir stellen Informationen zur Verfügung, was es für Möglichkeiten gibt, sich zu wehren. Da hören wir oft, dass Betroffene sich eigentlich mehr Hilfe von der Polizei wünschen. Und wenn die Betroffenen das wollen, machen wir auch Öffentlichkeitsarbeit. Viele sagen uns, dass sie nicht alleine auf ihren Erlebnissen sitzen bleiben wollen. Der Alltag von Menschen, die von Rassismus oder Antisemitismus betroffen sind, ist ja in der Öffentlichkeit allgemein nicht besonders sichtbar.

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Was kann man über die Beratung hinaus gesellschaftlich gegen diese Übergriffe tun?
Zum einen ist es wichtig, eine Sichtbarkeit für die Perspektive von Betroffenen zu schaffen. Wir werden ab Herbst dieses Jahres eine Onlinemeldestelle zur Verfügung stellen, um die Dimensionen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt besser abzubilden. Dann braucht es Medien, die das berichten, und Menschen, die zuhören. Und wir brauchen in den Sicherheitsbehörden mehr Sensibilisierung für Rassismus, Antisemitismus und die Perspektive der Betroffenen, wenn es zum Beispiel darum geht, vor Gericht eine Tat und ihren Hintergrund einzuordnen. Und die Zivilgesellschaft sollte sich mehr positionieren, rassistischen Aussagen widersprechen und der Normalisierung von rechtem Gedankengut entgegenwirken.

Interview: Hanning Voigts

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