+
Mit Bildern der Verschwundenen fordern Demonstranten in Mexiko Stadt im April Aufklärung.

Mexiko

López Obrador verspricht Gerechtigkeit

  • schließen

Im Fall Ayotzinapa hoffen die Familien der ermordeten Studenten jetzt auf Mexikos neuen Präsidenten.

Doña Minerva Bello starb, ohne ihren Sohn wiederzusehen. Die Mutter von Everardo Bello erlag im Februar einem Krebsleiden. Der Kummer über den Verlust ihres Sohnes habe sie ins Grab gebracht, sagen Freunde und andere Angehörige der 43 Lehramtsstudenten von Ayotzinapa, die vor vier Jahren in einer langen, dunklen Nacht im Kampf mit staatlichen Sicherheitskräften und Drogenbanden verschleppt wurden und bis heute unauffindbar sind. 

„Doña Minerva ist die erste Angehörige, die verstorben ist“, sagt der Menschenrechtsanwalt Santiago Aguirre, zugleich Vize-Direktor des Menschenrechtszentrums Agustín Pro in Mexiko-Stadt. Aber alle Eltern, Geschwister und Freunde der 43 seien nach vier Jahren vergeblicher Suche, nach Lügen, Desinformation und Verschleierung von Seiten der mexikanischen Regierung seelisch erschöpft und körperlich erkrankt. Zudem seien einige der zumeist armen Bauernfamilien auseinandergebrochen, weil die trauernden Eltern bei ihrer Suche ihre anderen Kinder vernachlässigt hätten.

Immer mehr Eltern geben die Suche nach ihren Söhnen auf, kehren in ihre Dörfer zurück, um ihre Lebensgrundlage nicht gänzlich zu verlieren. Eines aber macht den Angehörigen jetzt noch einmal Mut: der Regierungswechsel Anfang Dezember. Der künftige Präsident Andrés Manuel López Obrador hat angekündigt, den Fall aufzurollen und die fünf internationalen Experten der Interamerikanischen Menschenrechtskommission zurück ins Land zu holen. 

Treffen am Jahrestag 

Er wolle endlich Gerechtigkeit für dieses Verbrechen, sagte der Linkspolitiker vor wenigen Tagen. Die internationalen Experten hatten in einer einjährigen Untersuchung mit wissenschaftlicher Genauigkeit die Version widerlegt, die von mexikanischer Justiz und Regierung rund um das Verbrechen in der Nacht von 26. auf den 27. September 2014 in der Stadt Iguala konstruiert worden war. 

Mit dem Amtsantritt von López Obrador verbänden die Eltern große Hoffnung, betont Santiago Aguirre im Gespräch mit der FR. Aber sie seien auch skeptisch. „Sie stellen dem künftigen Präsidenten keinen Blanko-Scheck aus.“ Dafür seien die Erfahrungen mit staatlichen Institutionen in Mexiko zu schlecht. „Die Eltern erwarten schnelle und spürbare Ergebnisse nach dem Amtsantritt.“ Als ein gutes Zeichen wertet Aguirre das für Mittwoch geplante Treffen zwischen den Angehörigen und dem designierten Staatschef am Jahrestag des Verbrechens.

Weitere Hilfe für die Eltern kam von unerwarteter Seite: Ein Bundesgericht im Bundesstaat Tamaulipas entschied bereits im Mai, dass die Regierung eine Untersuchungskommission einrichten müsse, um die Vorkommnisse in der todbringenden Nacht von Iguala zu beleuchten. Zudem dürfe die Justiz den Fall nicht zu den Akten legen, sondern müsse weiter ermitteln. Dieser Entscheidung verlieh das Gericht vor wenigen Tagen Nachdruck und ermahnte die Regierung, endlich tätig zu werden und die Anweisung umzusetzen. 

„Aber Peña Nieto wehrt sich mit Händen und Füßen dagegen“, sagt Anwalt Aguirre. Mehr als 200 Widersprüche und Anordnungen auf einstweilige Verfügungen gegen den Beschluss des Bundesgerichts habe die Regierung seit Mai eingelegt. „In meiner ganzen Zeit als Anwalt habe ich noch nie ein solches juristisches Gewitter einer Streitpartei erlebt.“ Es sei offenkundig, dass Peña Nieto dem Gerichtsentscheid nicht Folge leisten wolle. 

Dazu passt, dass der Präsident in Interviews noch immer an der offiziellen Version der Geschehnisse aus der verhängnisvollen Nacht von Iguala festhält. Diese vermeintliche „historische Wahrheit“ präsentierte der damalige Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam wenige Wochen nach der Tat, um den Fall möglichst schnell abschließen zu können. 

Verbrechen verschleiert

Demnach wurden die 43 Studenten der Berufsschule in Ayotzinapa in der Nacht auf den 27. September 2014 von einem kleinen lokalen Drogenkartell in der Stadt Iguala in Komplizenschaft mit der örtlichen Polizei und dem korrupten Bürgermeister verschleppt und getötet. Anschließend seien die Leichen auf einer Müllkippe in der Nähe verbrannt worden. 

Diese Version ist später durch die Juristen, Ärzte und Psychologen der internationalen Expertenkommission als frei erfunden widerlegt worden. Amnesty International bezeichnete diese offizielle Darstellung sogar als „historische Lüge“. Diese Lüge und das Verbrechen von Ayotzinapa, das in der ganzen Welt Entsetzen auslöste, war der Wendepunkt in der Amtszeit Peña Nietos. Bis dahin galt der Politiker der Partei PRI als reformorientierter Staatschef, der Mexiko ein neues, sauberes Image verpassen könnte. Aber durch das Verbrechen und die Verschleierung des Tathergangs durch Justiz und Regierung sowie die mögliche Mittäterschaft von Militär und Bundespolizei fiel dieses Bild in sich zusammen. Peña Nietos Amtszeit wird auf immer mit dem Fall Ayotzinapa verbunden bleiben. 

Santiago Aguirre vom Menschenrechtszentrum Agustín Pro fürchtet daher, dass die scheidende Administration noch vor dem Machtwechsel Beweismaterial vernichtet. „Die Angst der Regierung muss immens sein, dass die Wahrheit ans Licht kommt.“ 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion