Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagen Bruno D. vor, sich weggeduckt zu haben.
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Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagen Bruno D. vor, sich weggeduckt zu haben.

Stutthof-Prozess

Loyalität mit Verbrechern

  • vonJoachim F. Tornau
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Der Staatsanwalt fordert drei Jahre Jugendstrafe für einstigen SS-Wachmann Bruno D.

Vor den Juristen kamen ein letztes Mal die Überlebenden zu Wort. Bevor im Hamburger Stutthof-Prozess am Montag die Plädoyers begannen, verlas die Strafkammervorsitzende Anne Meier-Göring eindringliche Worte, die einstige Insassinnen des Konzentrationslagers bei Danzig für das Landgericht der Hansestadt aufgeschrieben hatten. Von Hunger und unerträglichem Durst, von Misshandlungen und der täglichen Angst, ermordet zu werden, berichtete die 92-jährige Jüdin Marga Griesbach, aus dem nordhessischen Witzenhausen stammend und heute in den USA lebend. „Stutthof“, schrieb sie, „war die Hölle auf Erden.“

Eine Hölle, die es nach Überzeugung von Oberstaatsanwalt Lars Mahnke nur geben konnte, weil es Menschen wie Bruno D. gab, den 93-jährigen Angeklagten. Menschen, die zwar nicht selbst misshandelten und mordeten, die aber als SS-Wachleute auf den Lagertürmen das Morden und Misshandeln mit ermöglichten. „Die SS war eine Bande von Mördern oder Verbrechern, die genau wussten, was passiert, und die sich ihre Schandtaten deshalb gegenseitig zurechnen lassen müssen“, sagte der Anklagevertreter.

Wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen forderte er für Bruno D. eine Jugendstrafe von drei Jahren. Der Greis auf der Anklagebank war zur Tatzeit erst 17 und 18 Jahre alt. Und 5230 Morde: Das war die Zahl der vor allem jüdischen Gefangenen, die laut Anklageschrift während der Dienstzeit von Bruno D. zwischen August 1944 und April 1945 in Stutthof mindestens ermordet wurden, in der Gaskammer, auf einer Genickschussanlage oder durch die „Schaffung und Aufrechterhaltung lebensfeindlicher Bedingungen“, wie Mahnke sagte. In Wahrheit, ergänzte er, dürften es noch weit mehr Tote gewesen sein.

Sollte das Landgericht Mahnkes Forderung folgen und den ehemaligen KZ-Wachmann verurteilen, wäre das ein Novum im Umgang der bundesdeutschen Justiz mit den NS-Verbrechen: Erstmals würde anerkannt, dass sich auch schuldig gemacht hat, wer, wie es der Oberstaatsanwalt ausdrückte, „als letztes Glied in der Kette“ am nationalsozialistischen Massenmord beteiligt war. Jahrzehntelang war nur verurteilt worden, wem eine konkrete Mordhandlung nachgewiesen werden konnte – was nur selten gelang. Erst mit den Urteilen gegen den ehemaligen Sobibor-Wachmann John Demjanjuk in München 2011 und gegen Oskar Gröning, den „Buchhalter von Auschwitz“, in Lüneburg 2015 setzte ein spätes Umdenken ein.

SS-Mann blieb in Stutthof

Auf einen „Befehlsnotstand“, wie er NS-Tätern von der Justiz früher bereitwillig zugestanden wurde, könne sich Bruno D. nicht berufen, betonte Mahnke. Der junge SS-Mann habe die dafür nötige „innere Zerrissenheit“ gar nicht gespürt. „Er entschied sich, dem Morden durch Wegschauen und Wegducken und im Übrigen durch Weitermachen zu begegnen.“ Und das, obwohl ihm bewusst gewesen sei, dass sich vor seinen Augen ein Menschheitsverbrechen abspielte: „Dass er den Genozid nicht als Verbrechen erkannt hat, wäre nur denkbar, wenn er glühender Nationalsozialist oder Antisemit gewesen wäre. Aber genau das ist nicht der Fall.“

Bruno D. hätte sich dem Dienst entziehen müssen, folgerte Mahnke. Das wäre auch gefahrlos möglich gewesen: Er hätte psychische Überlastung geltend machen oder eine Versetzung zur Front beantragen können. Doch das habe der Angeklagte nicht getan. „Wir bestrafen nicht fehlenden Widerstand“, unterstrich der Mahnke. Sondern die fortgesetzte „Loyalität mit Verbrechern“.

Der Prozess wird fortgesetzt mit den Plädoyers der Nebenklage und der Verteidigung. Am 23. Juli wird das Urteil erwartet.

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