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Lügner: Das Urteil der Demonstranten über Tony Blair steht fest.
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Lügner: Das Urteil der Demonstranten über Tony Blair steht fest.

Vor dem Lord-Richter

Mit der Vernehmung Tony Blairs erreicht das Hutton-Tribunal zum Fall Kelly seinen ersten Höhepunkt

Von Peter Nonnenmacher (London)

Die eine Frage, die dem britischen Premierminister niemand stellen wollte, schien die natürlichste der Welt: Wie sich Tony Blair nur in einen solchen Sumpf hat verirren können. Vor ein Tribunal gestellt, das er selbst einberufen hatte, mit Dutzenden von Anschuldigungen konfrontiert, denen er eigentlich hatte entgehen wollen, ins Scheinwerferlicht einer Untersuchung gerückt, die immer neue Bruchstücke unschöner Realitäten aufstöberte: Schlimmer hätte sich Blair, der früher so trittsichere Stratege, nicht verlieren können, als er es im gefährlichen Terrain seines Nachkriegs-Chaos, in den Sumpflöchern dieses britischen Sommers, tat.

Draußen vor Londons Royal Courts, den Königlichen Gerichtshöfen, drängten sich die Neugierigen wie Fliegen, die vom süßen Geruch einer Hinrichtung angezogen wurden. Schon in der Nacht hatten sich lange Schlangen gebildet, die Einlass zum Tribunal des Lord-Richters Hutton begehrten, vor dem Blair zu erscheinen hatte. In der Tat war dies erst das zweite Mal in der britischen Geschichte, dass ein Premierminister sich in aller Öffentlichkeit vor einem Tribunal verantworten musste. Wer in No. 10 Downing Street residiert, ist es nicht gewohnt, sich von einem Richter zur Rechenschaft rufen zu lassen.

Blair aber hatte keine andere Wahl. Er glaubte schon, keine andere Wahl zu haben, als er, im Flug zurück aus Fernost im vorigen Monat, in einer instinktiven Entscheidung das Tribunal einsetzte und so sich selbst den Weg zu Lord Hutton und zum Gerichtssaal Nummer 73 vorgab. Unter Entscheidungszwang hatte sich der Premier gefunden, nachdem der führende Waffeninspektor und Irak-Kenner der Regierung, David Kelly, sich wenige Tage zuvor in einem Wäldchen in Oxfordshire die Adern aufgeschlitzt hatte.

Kelly, der sich gegenüber der BBC - als anonyme Quelle - kritisch über das "Irak-Waffen-Dossier" vom vorigen September geäußert hatte, auf das Blair seine Überzeugung von der Notwendigkeit eines Kriegs gegen Saddam Hussein baute, war von der Regierung mehrfach vernommen, danach an die Öffentlichkeit "verraten" und schließlich zum Auftritt vor zwei Parlamentsausschüssen gezwungen worden. Den Ereignissen psychisch nicht mehr gewachsen, hatte der Experte offenkundig nur die Flucht in den Tod als Ausweg gesehen. Kellys Tod rührte Blairs Administration wie ein Donnerschlag. Das Hutton-Tribunal wurde eingesetzt, um "die Umstände dieses Todes auszuleuchten", vor allem aber, um Spekulationen und Anschuldigungen ein Ende zu setzen. Mit einer auf Kellys persönliches Schicksal begrenzten Untersuchung hofften Blair und seine Berater, ein umfassendes Tribunal, über die spezifischen Kriegsgründe Londons und mögliche Manipulationen der Öffentlichkeit, überflüssig zu machen.

Doch das Kalkül erwies sich als irrig. Statt rettender Pfade aus dem Morast taten sich immer neue, riskante Abzweige in unwegsames Gelände auf. Dokumente und E-Mails tauchten bei Hutton auf, die Downing Street lieber nicht veröffentlicht gesehen hätte. Zeugenaussagen verstärkten den Verdacht, dass etwas oberfaul sei in der britischen Regierungszentrale.

Mehr und mehr schälte sich, bei politischen Beobachtern und generell in der Bevölkerung, der Eindruck heraus, die Blair-Regierung habe um jeden Preis gegen Irak Krieg führen wollen; sie sei bereit gewesen, Fakten zu verdrehen, um Parlament und britische Öffentlichkeit mit in den Krieg zu ziehen; und sie habe sich nicht gescheut, auf unwillfährige Individuen (wie Kelly) und Institutionen (wie die BBC) rücksichtslos Druck auszuüben. Kelly selbst bekannte kurz vor seinem Tod einem Freund gegenüber, seine Oberen hätten ihn "durch die Mangel gedreht". Dabei brauchte es keiner Hocker unter nackten Glühbirnen im Keller des Verteidigungsministeriums und keiner vermummten Urkundenfälscher in dunklen Winkeln Downing Streets. Was aus dem bisher bekannt gewordenen Material des Hutton-Tribunals hervorgeht, deutet auf eher diskrete Machenschaften, auf kleine Fingerzeige Tony Blairs, auf stille Botengänge und "hilfsbereite" Einschaltungen seiner engsten Mitarbeiter, vor allem seines Kommunikations-Direktors Alastair Campbell und seines Personal-Chefs Jonathan Powell, hin.

Dass aber die Fäden in No. 10 zusammenlaufen, für die Behandlung Kellys ebenso wie für das angeblich auf "Wunsch von oben" mehrfach revidierte "Waffen-Dossier", daran ließ diese Woche nicht einmal mehr Verteidigungsminister Geoff Hoon - bis dahin ein getreuer Gefolgsmann Blairs - irgendwelche Zweifel. Tony, legte Hoon nahe, habe nämlich alles gewusst, habe die Finger überall im Spiel gehabt. Tonys Leute hätten die wesentlichen Entscheidungen getroffen. Kein Wunder, fügte die jüngst ausgeschiedene Entwicklungsministerin Clare Short bitter an: Blair habe durch seinen zunehmend "präsidentiellen Stil" alle Macht an sich gezogen und regiere selbstherrlich mit seinem Beraterstab statt mit dem Kabinetts-Kollegium.

Ein wenig irritiert, aber nichtsdestotrotz mit gewohnter Ruhe und Selbstbewusstsein, setzte sich der Premier denn auch mit den geballten Vorwürfen an seine Adresse auseinander. "Genau nach den Regeln" habe man sich in Downing Street verhalten, versicherte Blair in den Royal Courts Lord Hutton. Von Unregelmäßigkeiten könne keine Rede sein. Hohe Beamte seien zu Rate gezogen, Entscheidungen gemeinsam getroffen worden. Das "Waffen-Dossier" sei Sache der Geheimdienste gewesen - Alastair Campbell habe lediglich "bei der Präsentation geholfen".

Selbst ein gelernter Anwalt und durch jahrelange Erfahrung in Pressekonferenzen und parlamentarischen Fragestunden geschult, fiel es Blair nicht schwer, auch diese ganz besondere Fragestunde zu bewältigen - mit dem gebührenden Ernst, im dunklen Anzug mit rot-goldener Krawatte, die schmale Brille auf dem Nasenrücken.

Nein, niemand habe wissen können, dass David Kelly nicht "robust" genug war, um nach seinen privaten Presseerklärungen gefragt zu werden, meinte der Regierungschef. Mit dem Verfahren zur öffentlichen Identifizierung Kellys habe er, Blair, nichts zu tun gehabt. "Ganz sicher" könne er nicht sein, dass er entsprechende Notizen seiner Mitarbeiter zu Gesicht bekommen habe. Im Übrigen übernehme er aber natürlich die volle Verantwortung für die zentralen Entscheidungen.

Besonderes Gewicht legte Blair noch einmal darauf, dass das von den Geheimdiensten angeforderte und erstellte "Waffen-Dossier" nicht den Zweck gehabt habe, die Nation unmittelbar zum Kriegseintritt zu bewegen, sondern schlicht die der Regierung zur Verfügung stehenden Informationen über die Massenvernichtungswaffen des irakischen Diktators Saddam Hussein bekannt zu machen. Die Publikation des Dossiers - das unter anderem von der Fähigkeit Saddams sprach, Massenvernichtungswaffen binnen 45 Minuten einsatzbereit zu haben - sei auf allgemeines Drängen hin, und nach Rücksprache mit dem US-Präsidenten, zu Stande gekommen.

Den Vorwurf freilich, bei den vier Überarbeitungen des Dossiers habe Downing Street mit finsteren Motiven die Hand im Spiel gehabt, wies der Premier erneut entschieden zurück. Auch von Bedenken einzelner Geheimdienstleute gegen das Dossier wollte Blair nichts gewusst haben. Die spätere Behauptung der BBC, Alastair Campbell habe in Blairs Auftrag das Dossier "sexier" gemacht, habe indes die Glaubwürdigkeit der Regierung in Frage gestellt: Weshalb man in No. 10 auf diesen BBC-Bericht so empfindlich reagiert und nach dessen Quelle so energisch geforscht hatte.

Tat der wie immer elegant argumentierende Regierungschef genug, um sich, wenn Lord Hutton im Herbst die Vernehmungs-Akten schließt, ein harsches Richterurteil zu ersparen? Scharfe Kritik des Richters könnte der Premier nur schwer überstehen. Auf eine Rüge, seine Mitarbeiter betreffend, könnte Blair dagegen mit Reue und demonstrativen Reformwillen reagieren.

Dass es, wie in England üblich, auf einen solchen Tribunalsausgang zulaufe, glauben die meisten Augenzeugen nach dem Auftritt des Premierministers im Gerichtssaal 73. Sich auch im öffentlichen Bewusstsein aus dem Sumpf der Verdächtigungen wieder auf festen Boden zu retten, dürfte Tony Blair, nach diesem Sommer, allerdings um einiges schwerer fallen.

Die Kelly-Affäre im Dossier: Irak nach dem Krieg

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