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Rätselhafte Corona-Langzeitfolgen – Ein Medikament macht bei Long Covid Hoffnung

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Von: Pamela Dörhöfer

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 gehen die Komplikationen tatsächlich immer auf die Infektion zurück? Mit Sicherheit lässt sich das oft nicht sagen.
Gehen die Komplikationen auf die Infektion zurück? Mit Sicherheit lässt sich das oft nicht sagen. © istock

Manche Menschen leiden noch Monate nach einer überstandenen Corona-Erkrankung unter Nachwirkungen – dem Long Covid-Syndrom – doch ein Medikament macht Hoffnung.

Frankfurt – Unter den vielen unerquicklichen Eigenschaften des Corona-Virus gehört diese zu den besonders unangenehmen: Eine Infektion kann auch noch nach der akuten Erkrankung langwierige Beschwerden nach sich ziehen – selbst dann, wenn sie eher mild verlaufen ist. Viele Menschen, die Covid-19 überstanden haben – die Weltgesundheitsorganisation WHO geht allein für Europa von bis zu 17 Millionen aus – fühlen sich über Wochen, Monate oder Jahre nicht mehr richtig gesund.

Und manche werden es möglicherweise auch nie mehr; so genau weiß man das nicht, die Erfahrungen reichen schließlich nur bis 2020 zurück. Die WHO warnt bereits vor den enormen Belastungen, die durch Long Covid auf die Gesundheitssysteme weltweit zukommen könnten. Mehr als 200 Symptome werden mittlerweile mit Long Covid in Verbindung gebracht.

Long Covid nach Corona-Infektion – Diabetes und Herzmuskelentzündungen

Die Betroffenen kommen leicht außer Atem, leiden unter hartnäckigem Husten oder unter Kopf- und Gliederschmerzen, diffusen Symptomen wie Schlafstörungen, Abgeschlagenheit und Schwäche bis hin zu bleierner Müdigkeit, manche auch unter depressiven Verstimmungen oder Konzentrations- und Gedächtnisproblemen, dem sogenannten „Brain Fog“.

Andere entwickeln in der Folge Erkrankungen wie Diabetes, Herzmuskelentzündungen oder gar einen Schlaganfall, auch wurde bereits diskutiert, ob Covid-19 das Entstehen von Alzheimer und Parkinson begünstigt. Zuweilen könne man meinen, diese Virusinfektion wäre in der Lage, scheinbar alle verbreiteten Krankheiten zu verursachen.

Long-Covid: Komplikationen tatsächlich immer durch Corona-Infektion?

Aber gehen die Komplikationen tatsächlich immer auf die Infektion zurück? Mit Sicherheit lässt sich das oft nicht sagen. Weil etliche Beschwerden auch unabhängig von Corona häufig vorkommen, fällt eine eindeutige Zuordnung schwer. So viel Forschung es zu Long Covid gibt, so fehlt doch nach wie vor das umfassende Verständnis, die Einschätzungen liegen oft weit auseinander.

Das zieht sich durch nahezu alle Aspekte der Krankheit und fängt bereits bei der Häufigkeit an. Die Angaben bewegen sich zwischen fünf Prozent und bis zu 50 Prozent nach durchgemachter Covid-Erkrankung. Die WHO schätzt, dass in den ersten beiden Pandemiejahren in Europa mehr als 16 Prozent unter Langzeitfolgen gelitten haben oder noch leiden.

Long Covid nach Corona: Bei Omikron offenbar seltener

Studien deuten darauf hin, dass Long Covid nach einer Infektion mit einer Omikron-Variante seltener auftritt als nach einer mit früheren Varianten. Die nächste schwierige Frage ist die, wer ein erhöhtes Risiko hat. Gesundheitliche Probleme in der Vorgeschichte könnten Faktoren sein – und am Ende doch die Schwere des Verlaufs. So kommt eine Studie aus Schottland auf der Basis der Daten von knapp 100.000 Menschen zu dem Ergebnis, dass Menschen, die wegen ihrer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden mussten, am heftigsten unter Long Covid litten.

Der Neurowissenschaftler David Putrino vom Mount Sinai Health System New York erklärt dazu in der „Washington Post“: „Es war schon immer so, dass diejenigen, die kränker sind, eher langfristige Folgeerscheinungen haben.“ Aber selbst wenn nur ein kleiner Prozentsatz der leichten Fälle Long Covid entwickle, stelle das „ein massives Problem für die öffentliche Gesundheit“ dar, sagt der Mediziner – schlicht angesichts der großen Zahl der Infektionen.

Long Covid Syndrom: Langzeitfolgen sind kein exklusives Merkmal von Corona

Dass sich die Genesung nach einer Infektion zum Teil monatelang hinziehen kann, ist kein exklusives Merkmal von Sars-CoV-2. Auch eine Influenza kann mit wochenlanger Mattigkeit einhergehen, eine Herzmuskelentzündung oder Diabetes nach sich ziehen. Eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus kann wie Covid-19 zu dauerhafter Erschöpfung führen; der Fachbegriff dafür heißt Myalgische Enzephalomyelitis/chronisches Fatique Syndrom (ME/CFS). Einige Fachleute vermuten sogar, dass sich Long Covid auf eine Reaktivierung schlummernder Epstein-Barr-Viren im Körper zurückführen lässt.

Eine Besonderheit bei den langfristigen Folgen einer Infektion mit Sars-CoV-2 ist allerdings, dass sie so viele Gesichter haben. Zunehmend neigt man in der Wissenschaft deshalb zu der Annahme, dass es mehrere Arten von Long Covid gibt. „Wir müssen verstehen, dass Long Covid nicht nur eine Sache ist“, sagt David Putrino.

Long Covid – Chronisches Erschöpfungssyndrom nach Corona-Infektion

Grob einteilen lassen sich diese Formen in schwere Erschöpfungszustände, in Konzentrations- und Gedächtnisprobleme, in durch Blutgerinnsel ausgelöste Erkrankungen, in Lungenschäden sowie in Folgeerkrankungen, etwa Diabetes. Als eine der häufigsten Formen von Long Covid hat sich das chronische Erschöpfungssyndrom ME/CFS herauskristallisiert, das bei Covid eher nach milden bis moderaten Verläufen auftritt.

Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen zwischen 20 und 60 Jahren. Lungenschäden dagegen können eine Folge sein, wenn Menschen mit schweren Verläufen in einer Klinik behandelt werden mussten; für die gleiche Gruppe soll auch das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche deutlich erhöht sein, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie eines Teams der Queen Mary University London ergab.

Long Covid: Abwehrzellen werden dauerhaft stimuliert

Das große Problem bei der Diagnostik von Long Covid ist bisher allerdings das Fehlen von Biomarkern – Werten im Blut oder bestimmten Strukturen, die etwa bei einer Gewebeuntersuchung Gewissheit geben könnten. Nicht selten lässt sich bei Long Covid körperlich gar nichts nachweisen. Deshalb wird intensiv nach solchen Biomarkern geforscht, sie könnten dann auch als Basis für die Entwicklung gezielt wirkender Medikamente genutzt werden.

Einer scheint mittlerweile aufgespürt worden zu sein: Forschende der Yale University (USA) entdeckten im Blut von Betroffenen erschöpfte T-Zellen, was dafür spricht, dass diese Abwehrzellen dauerhaft stimuliert werden, zum Beispiel durch vorhandene Coronaviren oder reaktivierte andere Viren wie Epstein Barr oder Herpes.

Abgeschlagenheit und Müdigkeit sind häufige Symptome von Long Covid. panthermedia
Abgeschlagenheit und Müdigkeit sind häufige Symptome von Long Covid. © PantherMedia

Long Covid nach Corona-Infektion: Verschiedene Ursachen führen zu verschiedenen Symptomen

Grundlegend für eine gezielte Therapie ist es zudem, die der Krankheit zugrundeliegenden Mechanismen zu finden. Dazu gibt es bereits mehrere Ansätze, wobei sich abzeichnet, dass die verschiedenen Formen von Long Covid auch verschiedene Ursachen haben. Die harmloseste: Beschwerden, die nur wenige Wochen anhalten, könnten davon herrühren, dass der Körper einfach noch Zeit braucht, sich zu erholen.

Länger andauernde Symptome lassen sich damit allerdings nicht erklären. Bei einem Teil der Betroffenen dürften Entzündungsprozesse der Grund sein – die wiederum verschiedene Ursachen haben können: etwa eine überschießende Immunreaktion, die auch mit der Bildung von Autoantikörpern einhergehen kann, die dann eigenes Gewebe attackieren.

Long Covid: Viele verschiedene Gewebe und Organe können leiden

Eine weitere Theorie lautet, dass es zur Aktivierung von Mastzellen – Zellen der Körperabwehr – kommt, die dann Botenstoffe wie Histamin freisetzen, was eine Vielzahl von Symptomen auslösen kann. Ebenfalls als Entzündungsauslöser im Gespräch ist frei zirkulierende Virus-RNA, also Bruchstücke des Erbguts von Sars-CoV-2 im Blutkreislauf.

Forschende aus China stellen in einer Ende September veröffentlichten Studie die These auf, dass die innerste Schicht der Blutgefäße – das Endothel – durch eine überschießende Immunreaktion geschädigt wird; so ließe sich auch erklären, warum viele verschiedene Gewebe und Organe in Mitleidenschaft gezogen werden können. Als weiterer möglicher Mechanismus wird die Bildung winziger Gerinnsel diskutiert, die den Blutfluss stören und dem Gewebe im Körper Sauerstoff entziehen.

Long Covid: Auswirkungen auf das Gehirn?

Auch die besonders naheliegend erscheinende Erklärung steht auf der Liste möglicher Long-Covid-Ursachen: eine chronische Infektion, verursacht durch Viren, die im Körper verbleiben, weil dieser sie nicht beseitigen kann. Vor diesem Hintergrund wird auch die Impfung als Mittel zur Linderung diskutiert. Einen Schutz vor Long Covid bietet sie nicht, Studien deuten aber auf eine Verringerung des Risikos hin.

Als „therapeutische“ Impfung allerdings sind die Erfolge durchwachsen. Die Ärztin Claudia Ellert, die selbst seit zwei Jahren an Long Covid leidet, erläutert im Medizinportal DocCheck: „Es geht eher in die Richtung, dass bei 50 Prozent nichts passiert, bei 20 Prozent wird es schlechter und bei 30 Prozent besser.“ Zu erwähnen ist auch, dass die Impfung selbst Beschwerden auslösen kann, die denen von Long Covid ähneln.

Long Covid: Gehirn von Corona-Langzeitfolgen beeinträchtigt?

Die Auswirkungen auf das Gehirn nehmen eine Sonderstellung ein. Eine der zentralen Fragen hierbei ist, ob die Probleme vom Virus direkt herrühren; möglich wäre auch eine starke Aktivierung von Immunzellen im Gehirn. Carl Samudyata vom schwedischen Karolinska-Institut schreibt im Magazin The Conversation von einer Studie seines Teams, wonach das Virus im Laborversuch mit Gehirn-Organoiden (künstlich erzeugten Strukturen, die denen in den Gehirnen kleiner Kinder ähneln) Synapsen zwischen Gehirnzellen zerschnitt.

Andere Studien hingegen betonen eher die psychische Komponente. Eine davon stammt von der Universitätsmedizin Essen; hier stellten die Forschenden fest, dass bei 80 Prozent der untersuchten Patientinnen und Patienten die neurologische Untersuchung unauffällig gewesen sei, dafür psychiatrische Vorerkrankungen wie eine Depression oder eine Angststörung das Risiko deutlich für Long Covid erhöht haben sollen.

Long Covid: Hoffnungen auf Medikament gegen Corona-Langzeitfolgen

Auch seien Menschen mit „akademisch qualifizierten Berufen oder aus dem Verwaltungs- und Lehrbereich“ in „unserer Kohorte“ häufiger vertreten gewesen als Berufe mit körperlicher Aktivität. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen zwei ganz aktuelle Studien aus den USA und aus Hamburg – letztere erkannte in der Erwartung von Symptomen einen Risikofaktor für Long Covid.

Da die Suche nach den Mechanismen zwar plausible Erklärungen, aber noch wenig handfeste Belege und Biomarker geliefert hat, fehlen bislang spezifische Medikamente, mit denen die Beschwerden gezielt behandelt werden können. Deshalb wird derzeit ein wahres Potpourri an Arzneimitteln ausprobiert. Dazu zählen unter anderem Medikamente, die gegen Entzündungen und übermäßige Reaktionen des Immunsystems wirken wie Antihistaminika oder Kortison, antivirale Mittel oder Blutverdünner gegen Mikrothrombosen, auch Blutwäsche wird als Therapie getestet.

Corona-Spätfolgen – Mehr als ein Behandlungsansatz für Long Covid gesucht

Hoffnungen ruhen zudem auf dem Einsatz des noch nicht zugelassenen Medikaments BC007, das eigentlich zur Behandlung von Herzinsuffizienz entwickelt wurde und an der Uniklinik Erlangen bei einem Patienten mit Glaukom getestet wurde – wo sich dann herausstellte, dass es gegen Long Covid wirkt. Die Forschenden vermuten, dass das Mittel in der Lage ist, bestimmte Autoantikörper im Blut zu neutralisieren.

Doch auch hier gilt: Vermutlich gibt es nicht die eine Therapie. David Putrino vom Mount Sinai Health System New York sagt dazu: „Die Suche nach einer Heilung für Long Covid ist dasselbe wie die Suche nach einer Heilung für Krebs. Wir haben keine einzigartige Heilung für Krebs, wir haben viele gezielte Behandlungen.“ (Pamela Dörhöfer)

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