DIE ANALYSE

Londons Erklärungsnöte

Blair brauchte Kriegsgründe - jetzt hat er ein Problem

Von Reinhart Häcker (London)

In der Londoner Downing Street 10 wie im amerikanischen Weißen Haus meint man, endlich wieder Anlass zur Freude zu haben. Nachdem die schlimmen Söhne Saddam Husseins im Kugelhagel endeten, scheint sich der umstrittene Krieg in Irak endlich "gelohnt" zu haben. "Eine großartige Nachricht", unterstrich der Premier und sah in Irak gleich eine ganze Ära des Friedens heraufziehen. Sprach's und wandte sich der Vorbereitung seines Urlaubs in Barbados in der Villa des Popsängers Cliff Richards zu - jedenfalls vorerst. Er wird ihn nämlich wohl unterbrechen müssen.

Blair versprach, er sei zur Aussage vor jenem Rechtsausschuss Lord Huttons bereit, der die Wirrnisse um den Selbstmord des Waffenexperten David Kelly und damit auch um die Ursachen des Irak-Kriegs aufklären soll. Kelly hat sich offenbar umgebracht, weil er das aggressive Vorgehen des Verteidigungsministeriums und der Labour-Abgeordneten im Außenpolitischen Ausschuss gegen den "Maulwurf" nicht mehr ertrug - oder weil er sein Wissen über die ominöse Begründung des Kriegs im Regierungs-Dossier nicht länger aushielt.

In Großbritannien kann die Schießerei von Mosul die Regierung allenfalls kurzfristig ein bisschen entlasten. Schon jetzt erscheinen alle die Probleme wieder, die sich um Blairs einsame Entschlüsse ranken - um seine allerengste Anlehnung an George W. Bushs Vereinigte Staaten, um die umstrittene Kriegsbegründung im eigenen Land und um David Kelly. Nach dem Tod des Wissenschaftlers schwanken Minister und Mitarbeiter Blairs wie Strohhalme im Wind. Und Lordrichters Hutton leitet eine weit über das Umfeld des Toten hinausreichende Untersuchungskommission. Ihre Sitzungen werden öffentlich sein. Schon dies sorgt dafür, dass sich Blair vom Stress nicht erholt.

Wie ernst die Situation ist, lässt sich am Verhalten zweier Hauptbeteiligter ablesen. Der eine ist Alastair Campbell, Blairs oberster Pressechef und wohl sein allerengster Berater. Er hat keine Lust mehr und will eigentlich gehen; doch nun muss er Lord Huttons Schlussbericht abwarten. Nach einem Schuldbekenntnis darf sein Abgang nämlich nicht aussehen.

Der andere ist Geoff Hoon, der Verteidigungsminister. Der saß am Donnerstag in einer Pressekonferenz und beantwortete keine einzige Frage zum Fall Kelly. Es war peinlich. Weder Campbell noch Hoon werden wohl nach dem Herbst noch im Amt sein.

Vor anderthalb Wochen wurde der Premierminister in Washington nach seiner Rede vor den beiden Häusern des Kongresses umjubelt, als sei er der wahre Führer des demokratischen Westens und nicht der wenig sprachgewandte George W. Bush. Doch klopft man den Inhalt ab, dann bleiben nur ein paar schöne Floskeln. Neunzehn Mal erhoben sich die US-Politiker zum Applaus - immer dann, wenn er die Größe des amerikanischen Volks zu neuen Höhen anzutreiben verstand. Die wenigen kritischen Mahnungen an die einzige verbliebene Weltmacht verblassten hingegen.

Auch in Irak sah und sieht es so aus, als handelten nur die Amerikaner - obwohl Großbritannien als einziger wirklicher Alliierter der USA mehrere zehntausend Soldaten dorthin geschickt hatte. Auf den Inseln hat sich längst das bissige Wort breitgemacht, Blair sei zu Bushs "Pudel" geworden. Das zerstört das Selbstbewusstsein der Nation. Die Erklärungsnot des Premierministers macht also deutlich, warum es für Blair - viel mehr als für Bush - so wichtig war, die von Saddam Hussein angeblich ausgehende Massenvernichtungs-Gefahr aufzubauschen: Präventivkriege kann man nur führen, wenn sich die Angriffsabsichten des Gegners nachweisen lassen.

So kam es im September zu der in Blairs Umkreis entstandenen Erfindung, Saddam Hussein könne sein Vernichtungspotenzial "binnen 45 Minuten" aktivieren. Damit hatte Blair seinen Kriegsgrund, dem im Februar auch das Parlament zustimmen konnte. Heute ist jedoch bekannt, dass dies alles auf Informationsfehlern und Intrigen beruhte. Und Blair sitzt mitten in der schwersten Regierungskrise, die er in seiner sechsjährigen Amtszeit jemals erlebt hat.

Trotzdem dürfte er kaum gleich darüber stürzen: Bis zur nächsten Wahl hat er noch über zwei Jahre Zeit - und bei der konservativen Opposition ist weit und breit kein gefährlicher Herausforderer zu sehen.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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