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IM BLICKPUNKT

London zweifelt am Kriegshelden

Offizier soll geprügelt haben

Von Peter Nonnenmacher (London)

Zwei separate Untersuchungen sind inzwischen angelaufen, die die schweren Vorwürfe gegen Collins prüfen sollen. Ein ehemaliger Militär-Kaplan hat bereits gegen Collins ausgesagt, und ein Sonderkommando der britischen Militärpolizei ermittelt. Das Londoner Verteidigungsministerium hält sich mit der Verteidigung des Beklagten auffällig zurück. Der Oberstleutnant, der für seine Dienste in Irak soeben zum Oberst ernannt werden sollte, droht steil vom Helden-Sockel zu stürzen.

Seine Freunde mögen zwar nicht glauben, was da gegen den 43-jährigen Ex-Kommandanten des 1. Bataillons des Königlich-Irischen Regiments vorgebracht wird. Rivalitäten im Offizierscorps und offenkundiger Neid der US-Armee hätten zu den Anschuldigungen geführt, meinen sie - einige der Vorwürfe gehen immerhin auf Beschwerden eines US-Majors gegen Collins zurück. Aus Militärkreisen selbst aber ist zu hören, dass die Anschuldigungen "sehr ernst" genommen würden.

Wenn Collins wirklich einen irakischen Schulrektor und seinen Sohn im südirakischen Rumailah an die Wand habe stellen lassen und - zum Schein - das Zeichen zum Feuern gegeben habe, und wenn er tatsächlich Hiebe mit der Pistole ausgeteilt und Zivilisten durch Schüsse vor die Füße eingeschüchtert habe, dann sehe es nicht gut für ihn aus, versichern hohe Armee-Angehörige.

Geprahlt hat Collins schon, in einem Interview mit dem Revolverblatt News of the World, dass im besetzten Irak "nur Drohgebärden" für Ordnung sorgen könnten. Derweil soll der Oberstleutnant bereits vor dem Krieg, als Truppenchef in Nordirland, Brutalitäten gegen Untergebene zugelassen haben. Die Eltern eines 18-jährigen Soldaten, der sich unter seinem Kommando das Leben nahm, verlangen eine neue Untersuchung. Mit einem Mal muss sich der Kriegsheld an mehreren Fronten gleichzeitig verteidigen.

Die Vorwürfe gegen Collins treffen das konservative Großbritannien umso härter, als es den schmucken Oberstleutnant zu Kriegsbeginn zur Ikone britischer Wehrhaftigkeit und Moral erkor. In seiner viel gefeierten Wüsten-Rede vor 600 Soldaten hatte der Belfaster Familienvater und tiefgläubige Presbyterianer erklärt: "Wir treten zur Befreiung an, nicht zur Eroberung." Im alten Irak, an den ehrwürdigen Stätten "des Gartens von Eden, der Sintflut und des Geburtsortes Abrahams", müsse man "leichten Fußes auftreten" - die Menschen, denen man "das Licht der Befreiung" bringe, gehörten immerhin "zu den anständigsten" und "gastfreundlichsten" Menschen der Welt.

"Wild wütend in der Schlacht und großmütig im Sieg" sollten seine Soldaten darum sein, verlangte Collins. Als "Nemesis", als strafende Gerechtigkeit, ziehe das Heer der Alliierten jedenfalls in Irak auf, und dem Feind dürfe "keine Gnade" gezeigt werden: "Vernichtet sie - wenn es das ist, was sie wollen." Saddam Husseins Kommandanten hätten "befleckte Seelen" und müssten "ausgemerzt" werden. "Sterbend" würden auch die irakischen Soldaten "begreifen, dass ihre bösen Taten sie an diesen Ort geführt haben".

Begeistert applaudierte noch im März US-Präsident Bush, der sich die Rede sogar ins Oval Office gehängt haben soll. Prinz Charles lobte überschwänglich den "göttlichen" Auftritt und dankte dem Offizier "zutiefst bewegt" für "die außergewöhnlich aufwühlenden, zivilisierten und humanen Worte" - nicht minder die gesamte Rechts-Presse der Insel. Inzwischen fragt man sich in London eher kleinlaut, an welcher Straßenecke wohl die Nemesis auf Tim Collins warte.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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