London sucht nach kriegswilligen Europäern

Premierminister Blair müht sich, ein Gegenbündnis zu den "Bremsern" aus Paris und Berlin zu schmieden

Von Peter Nonnenmacher (London)

Vor dem britischen Unterhaus sagte Blair am Mittwoch, er wolle "die internationale Gemeinschaft vereinen". Als einziges europäisches Land hat Großbritannien bisher Truppen an den Golf beordert. Die Aussicht auf einen britisch-amerikanischen Alleingang löst in London allerdings Besorgnis aus, weshalb man sich zurzeit um ein britisch-spanisch-italienisches Bündnis zur militärischen Unterstützung Washingtons müht.

Eine solche Allianz, glaubt man in London, würde auch den Druck auf den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac verstärken, seine derzeitigen Vorbehalte aufzugeben. Beim jüngsten Telefongespräch erklärte der Präsident dem Premier erneut, er halte einen Krieg zum jetzigen Zeitpunkt "nicht für gerechtfertigt".

Mit mehr Verständnis konnte Blair beim italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi rechnen, mit dem er sich am Mittwochabend treffen wollte und der eine Bush-freundlichere Position vertritt als Chirac. Vor seinem Flug zum Wochenend-Gipfel mit Bush, den man in London bereits als "Kriegsrat der Alliierten" bezeichnet, will Blair außerdem am heutigen Donnerstag in Madrid zwischenlanden, um sich mit dem spanischen Regierungschef José Maria Aznar zu bereden. Zuvor stand der Brite schon telefonisch in Kontakt mit den Regierungschefs Griechenlands, der Türkei, Australiens sowie Kanadas. Das nächste Treffen mit Chirac ist für kommenden Dienstag vorgesehen.

Nicht jedes EU-Land teile natürlich die britische Haltung zu Irak, so Blair. Aber die "Intensivierung der diplomatischen Bemühungen" sei zur Abklärung der Lage äußerst nützlich. Am "Ernst der Lage" könne nach dem "Besorgnis erregenden" Blix-Report vom Montag niemand mehr zweifeln.

Erstmals wies Blair in diesem Zusammenhang auf eine Verbindung zwischen Irak und der Terrororganisation Al Qaeda hin. Von einer Verbindung Bagdads zu den Attentätern des 11. Septembers sei zwar nichts bekannt, sagte er, doch hätten Al-Qaeda-Aktivisten "mit Wissen Saddams" in Irak Unterschlupf gefunden.

Mit der Aufwertung des in Kürze bevorstehenden London-Besuchs des iranischen Außenministers Kamal Kharrazi setzte Blair zudem seine "Charme-Offensive" bei Iraks Nachbarn fort. Kharrazi sollte ursprünglich Außenminister Jack Straw treffen, wird nun aber überraschend auch vom Premier empfangen - eine Geste, die den Besuch zur ranghöchsten britisch-iranischen Begegnung seit 1979 macht. Damit will Blair offenbar unterstreichen, dass London - anders als Washington - Iran nicht einer "Achse des Bösen" zuschlägt, sondern als politischen Partner betrachtet. Vor Weihnachten hatte Blair bereits, zum Ärger Israels, Syriens Präsidenten Baschar al-Assad empfangen.

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