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Wie gelingt der Exit aus den Corona-Einschränkungen? Vier Exit-Strategien mit unterschiedlichen Meinungen.

Corona-Krise

Wie locker wird es?

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Wissenschaftler und Politiker entwickeln Strategien für eine schrittweise Rückkehr zur Normalität. Vier Exit-Papiere im Vergleich.

Dreieinhalb Wochen sind verstrichen, seit Bund und Länder die strengen Kontaktbeschränkungen erließen. Um über weitere Maßnahmen oder mögliche Lockerungen zu entscheiden, berät sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) heute mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer. Im Mittelpunkt steht dabei, wie es mit der Wirtschaft sowie den Schulen und Kitas weitergeht. Grundlage für die Beratungen sind Experten-Einschätzungen über einen Ausstieg aus dem „Lockdown“. Als wichtigstes Papier gilt die Stellungnahme der nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina in Halle, zudem haben auch das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, ein Expertenrat im Auftrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung sowie die Grünen ihre Strategien vorgelegt.

Leopoldina

Prioritäten:  Die Forscher fordern, zuerst die Schulen zu öffnen. „Im Bildungsbereich hat die Krise zum massiven Rückgang der Betreuungs-, Lehr- und Lernleistungen sowie zur Verschärfung sozialer Ungleichheit geführt“, schreiben die Wissenschaftler. Das öffentliche Leben soll schrittweise normalisiert werden. Der Einzelhandel und das Gastgewerbe könnten demnach bald wieder öffnen. Auch dienstliche sowie private Reisen und gesellschaftliche, kulturelle sowie sportliche Veranstaltungen sollen möglich werden.

Bedingungen:  Voraussetzung für die Lockerungen sei, dass die Neuinfektionen sich auf einem niedrigen Niveau stabilisieren müssten, die medizinische Versorgung von Patienten ohne Corona-Infektion wieder regulär aufgenommen sowie notwendige klinische Reservekapazitäten aufgebaut und die bekannten Schutzmaßnahmen – wie Abstandsregeln oder das Tragen eines Mundschutzes – streng eingehalten werden.

Schulen und Kitas:  Als erstes sollen Grundschulen wieder öffnen und der Unterricht in der Sekundarstufe I aufgenommen werden, weil jüngere Schüler „mehr auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen“ seien. Außerdem regen die Forscher die Verknüpfung von „Präsenzphasen und Unterricht auf Distanz mithilfe digitaler Medien“ an. Prüfungen sollen – wenn möglich – stattfinden. Eine Öffnung von Kitas empfehlen die Wissenschaftler „nur sehr eingeschränkt“, weil kleinere Kinder sich nicht an die Schutzmaßnahmen halten könnten.

Gut geschützt: Gesundheitsminister Jens Spahn besuchte am Dienstag die Gießener Uni-Klinik.  

Prioritäten:  Die Autoren des Exit-Papiers vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) sehen als oberstes Gebot, vor möglichen Lockerungen zunächst „die notwendigen Maßnahmen zur Infektionsbegrenzung“ auf den Weg zu bringen. Dann könnten der Einzelhandel, Schulen, Kindertagesstätten und die Gastronomie schrittweise wieder öffnen – zunächst in Regionen mit geringen Infektionszahlen und niedriger Infektionsdynamik oder weit vorangeschrittenen Schutzmaßnahmen. Wichtig sei zudem die Reaktivierung der grenzüberschreitenden Lieferketten.

Bedingungen:  Die IMK-Ökonomen plädieren dafür, dass lediglich Menschen mit Wohnsitz in entsprechenden Städten, Orten und Landkreisen „in Einzelhandel und Gastronomie dort bedient werden, um neue interregionale Infektionsketten zu vermeiden“. Zudem könnte der Zugang etwa zu Restaurants zunächst nur denen ermöglicht werden, die über Handy-Apps ihre Daten zur Verfügung stellen.

Schulen und Kitas:  Hier soll der Betrieb teils wieder aufgenommen werden. Notwendig sei die „Separation und Kohortierung bestimmter Gruppen“: Jede Klasse wird nur noch an jedem zweiten Tag unterrichtet – bei „klarer räumlicher Trennung“. Zudem fordern die Ökonomen eine Verbesserung der digitalen Infrastruktur, etwa die Versorgung wirtschaftlich benachteiligter Schüler mit Laptops oder Tablets und Internetzugängen.

Prioritäten:  Der von der nordrhein-westfälischen Landesregierung eingesetzte Expertenrat will die Einschränkungen zuerst für Schulen, Universitäten und den Einzelhandel lockern. Später könnten nach und nach erst Läden öffnen, dann Diskotheken und auch Restaurants.

Bedingungen:  Eine wichtige Voraussetzung für die Lockerungen ist, die medizinischen Kapazitäten schnellstmöglich auszubauen und freie Intensivbetten in Echtzeit zu erfassen. Zudem müsse die Erreichbarkeit der Gesundheitsämter verbessert werden. Die Testkapazität soll auf bis zu 500 000 mögliche Testungen pro Tag erhöht werden. In der Gastronomie sollen Tische in großer Entfernung voneinander stehen und nur eine geringe Anzahl an Gästen zugelassen werden.

Schulen und Kitas:  Der Expertenrat empfiehlt, in den Schulen einen zeitversetzten Unterricht einzuführen. Dabei soll es auch Unterschiede je nach Alter geben. In Kitas und im Präsenzunterricht sollen zuerst solche Lehrkräfte arbeiten, die nicht zu einer Risikogruppe zählen.

Grüne

Prioritäten:  Als erste politische Partei haben die Grünen in Hamburg eine Strategie vorgelegt, nach der zunächst Kitas und Schulen sowie kleine Betriebe und der Einzelhandel wieder öffnen sollen. Auch Sport in Kleingruppen unter freiem Himmel und der Einhaltung vorgeschriebener Abstände könnte ermöglicht werden.

Bedingungen:  Die Zahl der täglichen Tests in Hamburg soll von 3500 auf 5000 erhöht werden. Zudem sollen die Bürger „flächendeckend und fachgerecht“ einen Mund-Nasen-Schutz tragen, Risikogruppen sollen besonders geschützt werden.

Schulen und Kitas:  Zur Wiederaufnahme des Betriebs haben die Grünen-Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck in einem Brief an die Parteimitglieder geschrieben: „Abschlussklassen sollten als Erste wieder in die Schulen.“ Die Klassen eins bis sechs hätten ebenfalls Priorität, weil die Betreuung der jüngeren Schüler besonders wichtig sei. Kitas sollen schrittweise öffnen: erst für Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen, dann auch für andere – besonders an Orten mit geringen Infektionszahlen.

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