+
Wie einst hierzulande: Stockholm zu Wochenbeginn. 

Schweden

Locker durch die Krise?

  • schließen

Schweden vermittelt diesen Eindruck, doch die Zweifel mehren sich.

Teenager sitzen im Park beisammen, Paare genießen ein Bier in der Sonne, Frisöre schneiden Haare: Die Bilder aus Schweden muten an wie Grüße aus einer heiteren Parallelwelt. Während in weiten Teilen Europas Ausgangssperren zur Virus-Eindämmung herrschen und das öffentliche Leben zum Erliegen bringen, bleiben die Schweden ihrem liberalen Lebensstil treu.

Oder etwa nicht? „Es ist ein Ammenmärchen, dass sich das Leben in Schweden nicht geändert hat. Das stimmt einfach nicht“, sagt Schwedens Außenministerin Ann Linde am Freitag. Die Sozialdemokratin hatte zuvor mit Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) per Videoschalte gesprochen, nun halten Sie per Livestream eine gemeinsame Pressekonferenz ab. Linde zufolge ist ein Zerrbild von Schwedens vermeintlich lockerem und dennoch erfolgreichem Umgang mit der Pandemie im Umlauf.

Die Ministerin betont, dass es auch in Schweden darum gehe, das Virus an der Ausbreitung zu hindern und die wirtschaftlichen Folgeschäden einzudämmen. Jedes Land gehe dabei entsprechend der Erfordernisse vor Ort vor. Linde widerspricht dem Eindruck, wonach Deutschland und Schweden gegensätzliche Strategien verfolgten. „Wir haben rechtlich verbindliche Maßnahmen und Empfehlungen. Diese Empfehlungen werden aber als etwas wahrgenommen, was man beachten sollte“, sagt Linde. Der Unterschied zwischen den Strategien liege demnach nicht so sehr in den Maßnahmen als solchen begründet, sondern in der Frage, ob die Bürger diese freiwillig befolgen oder dies tun, weil die Politik sie dazu verpflichtet.

So haben in Schweden Cafés und Restaurants zwar geöffnet. Wirte sind aber aufgerufen, hohe Abstands- und Hygienestandards zu ermöglichen. Und Gäste sollen von sich aus auf den Besuch verzichten. Doch die Philosophie der Freiwilligkeit gerät unter Druck, denn Zahlen widersprechen dem Eindruck vom schwedischen Erfolgsmodell. Am Freitagmittag wies die Johns-Hopkins-Universität für Schweden 2021 Todesopfer auf – bei einer Gesamtbevölkerung von 10,3 Millionen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 5575 Todesopfer – bei achtmal so vielen Einwohnern. Nun steht die schwedische Gesundheitsbehörde im Verdacht, die Wucht des Virus unterschätzt zu haben.

Die Ausbreitung des Virus befördert jetzt offenbar ein Umdenken der rot-grünen Minderheitsregierung von Ministerpräsident Stefan Löfven. Innenminister Mikael Damberg drohte am Freitag mit der Schließung von Bars und Gaststätten. Es gebe besorgniserregende Berichte über überfüllte Restaurants. Viele Schweden scheinen den Ernst der Lage zu verkennen.

So war Außenministerin Linde am Freitag bemüht, den faktisch verbindlichen Charakter des formell unverbindlichen Abstandsgebotes zu unterstreichen. Eine Mahnung ging auch an Deutsche, die die Hoffnung auf einen Sommerurlaub in Schweden noch nicht aufgegeben haben. „Diesen Sommer wird es sehr schwierig sein mit dem Reisen.“ Auch Maas hoffe, dass Deutsche und Schweden sich so schnell wie möglich wieder in die Arme fallen können, wie er sagte. Den gewohnten Sommerurlaub aber werde es in diesem Jahr nicht geben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion