In Indien öffnen auch religiöse Stätten wieder.
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In Indien öffnen auch religiöse Stätten wieder.

Indien

Lockdown ohne Nutzen

  • vonAgnes Tandler
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Nach einem der striktesten Lockdowns weltweit will Indien zurück zur Normalität. Geschäfte und Schulen öffnen, Züge fahren wieder – doch die Fallzahlen steigen rasant weiter.

Wir können nur hoffen, dass andere nicht so leiden müssen wie wir“, sagt Vikas Jain im indischen Neu-Delhi. Fünf Krankenhäuser hatten seinen an Covid-19 erkrankten Bruder abgelehnt, weil keine Betten frei waren. Der 47-jährige Narender Jain starb ohne Behandlung, während er auf einen freien Platz wartete, wie die „Times of India“ am Montag berichtet. „Wir flehten die Ärzte an, Narender künstlich zu beatmen, aber sie sagten, das sei nicht nötig“, erzählt Vikas.

Indien hatte Ende März einen der striktesten Lockdowns der Welt erlassen. Nun will das Land nach mehr als zwei Monaten in die Normalität zurückkehren. Doch während Geschäfte und Schulen wieder den Betrieb aufnehmen und der Zug- und Flugverkehr anläuft, steigen die Covid-19-Fälle rasant. Mit rund 2,6 Millionen Infektionen liegt Indien nun weltweit auf Platz fünf - vor Italien und Spanien. Bis Montag sind in dem südasiatischen Land offiziell 7201 Menschen an Covid-19 gestorben.

Besonders schlimm betroffen ist Neu-Delhi, wo mehr als 28 000 Menschen infiziert sind. Neu-Delhis Regierungschef Arvind Kejriwal versicherte den Einwohnern der Hauptstadt in der vergangenen Woche, die Regierung sei „Corona um vier Schritte voraus“. Doch am Montag musste sich der Politiker selbst isolieren, nachdem er typische Corona-Symptome entwickelt hatte. Die 20-Millionen-Metropole hat derzeit mehr als 12 000 Covid-19-Patienten, die versorgt werden müssen. Die Zahl der Betten für Covid-19-Kranke liegt in der Hauptstadt jedoch nur bei 6700. Obwohl Neu-Delhi im Vergleich zu anderen Teiles des Landes über viele Krankenhäuser verfügt, ist die Lage verheerend.

Es fehlt an Intensivbetten, an geschultem Personal und an Schutzkleidung, was zu hohen Infektionsraten bei Ärzten und Pflegern führt. Allein in Indiens staatlichem Spitzenkrankenhaus AIMS (All India Institut for Medical Science) sind mehr als 350 Angestellte positiv getestet worden.

Der strenge Lockdown der Regierung von Premierminister Narendra Modi, der am 25. März begann, hat offenbar wenig dazu beigetragen, die Infektionskurve flach zu halten. Millionen Einwohner in Neu-Delhi leben auf engstem Raum in illegalen Siedlungen, wo Abstandhalten eine Illusion ist. Es fehlt an Wasser, sanitären Einrichtungen und Strom. Infektionen verbreiten sich dort in Windeseile. Viele der Bewohner haben zudem durch den Lockdown ihre Arbeit verloren. Die Menschen sind daher zum großen Teil auf Lebensmittelhilfen und Armenspeisungen von Tempeln und Hilfsorganisationen angewiesen, für die sie oft stundenlang anstehen müssen, ohne funktionierendes „social distancing“.

Der Lungenfacharzt Arvind Kumar vom Sri Ganga Ram Hospital hält es für verfrüht, Einkaufszentren und Tempel zu öffnen. Es gebe nicht genug Kontrollen, um sicherzustellen, dass sich die Leute an die Hygieneregeln hielten, sagte Kumar der indischen Nachrichtenagentur PTI.

Der Unternehmer Rajiv Bajaj ist einer der vielen, die Kritik an den Maßnahmen der Regierung üben. Indien habe sich für einen „drakonischen“ Lockdown entschlossen, der jedoch so „porös“ gewesen sei, dass er einerseits die Wirtschaft schwer in Mitleidenschaft gezogen habe, andererseits aber die Verbreitung des Virus nicht gestoppt habe. „Ich glaube, wir haben das Schlechteste beider Welten erreicht“, so Bajaj.

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