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Liz Truss auf den letzten Metern zur Downing Street

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Von: Sebastian Borger

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Laut Umfragen schon Siegerin: Liz Truss.
Liz Truss © Susannah Ireland/afp

Am Montag verkündet die konservative Regierungspartei Großbritanniens die Nachfolge von Boris Johnson

Zwei Monate nach dem angekündigten Rücktritt von Premierminister Boris Johnson hat die konservative Regierungspartei Großbritanniens die Nachfolgesuche beendet. Bis Freitagnachmittag mussten die Stimmen der rund 160 000 wahlberechtigen Tory-Parteimitglieder in der Londoner Parteizentrale eingegangen sein, am Montag soll der siegreiche Name öffentlich verkündet werden. Den Umfragen zufolge steht Außenministerin Elizabeth Truss schon seit Wochen als Gewinnerin des langwierigen Auswahlverfahrens fest.

Im Nord-Londoner Stadtteil Wembley kamen Tausende von Torys diese Woche zum letzten Wahlkampf-Treffen, dem sogenannten „hustings“, zusammen. Wie zuvor schon in mehr als einem Dutzend Städte im Land hielten Truss und ihr Rivale, Ex-Finanzminister Rishi Sunak, je eine kurze Rede, unterzogen sich dann separat den Fragen eines Moderators sowie des Publikums – ein direkter Schlagabtausch war nicht vorgesehen.

Acht Frauen und Männer traten gegen einander an

Das Format stellte eine Reaktion dar auf die erste Phase des Ausleseprozesses, als die ursprünglich acht Frauen und Männer mit ungebremster Aggressivität aufeinander losgegangen waren. Dass sämtliche vier Frauen sowie insgesamt drei Angehörige ethnischer Minderheiten den ersten Wahlgang in der Tory-Fraktion überstanden, gehörte zu den bemerkenswerten Aspekten einer jung und bunt wirkenden Partei. Am Ende der fünften Abstimmung schickten die Parlamentarier:innen die weiße Truss, 47, und den indischstämmigen Sunak, 42, ins sechswöchige Schaulaufen vor den Parteimitgliedern.

Weil man unter sich blieb, ähnelten die Veranstaltungen mehr der Beschwörung konservativer Wunschträume als einer ernsthaften Bestandsaufnahme der krisengebeutelten Nation. Diese sorgt sich um den raketengleichen Anstieg der Energiepreise und der Lebenshaltungskosten; reihenweise kündigen Läden und Pubs ihre Schließung an, bereiten sich Museen und Bibliotheken darauf vor, im Winter frierenden Bürger:innen Schutz zu gewähren, die sich die Heizung zu Hause nicht leisten können. Der dringende Appell des früheren Labour-Premiers Gordon Brown, die amtierende Regierung solle sich mit den Kandidat:innen auf ein Hilfspaket einigen, verhallte ungehört.

Sunak sei wegen der ökonomischen Krise gescheitert, so das Thinktank „British Future“

Dass die Torys sich anschicken, zum dritten Mal eine Frau in die Downing Street Nummer Zehn zu schicken, hat laut Sunder Katwala vom Thinktank „British Future“ nichts mit Rassismus zu tun: Sunak sei „weder seine Hautfarbe noch seine Hindu-Religion, sondern die ökonomische Krise“ zum Verhängnis geworden. Tatsächlich war der damalige Finanzminister noch im vergangenen Jahr der bei weitem populärste, durch großzügige Corona-Hilfen bekanntgewordene britische Politiker; wäre der Chefsessel damals vakant geworden, hätte ihm kaum jemand die Johnson-Nachfolge streitig machen können.

Im Frühjahr aber erlitt Sunak harte Rückschläge. Als einziges Kabinettsmitglied außer Johnson erhielt er einen Strafbefehl der Londoner Kripo, weil er kurzzeitig an der Überraschungsfeier zum Geburtstag des Premiers im Juni 2020 teilgenommen hatte. Vor allem aber wurden zwei peinliche Tatsachen bekannt: Aus seiner Zeit als Investmentbanker bei JP Morgan besaß Millionär Sunak eine Green Card, hatte diese auch nach seinem Einzug ins Unterhaus und in die Regierung beibehalten. Und seine indische Frau Akshata Murthy, eine Modedesignerin und Milliarden-Erbin, hatte den hochumstrittenen Status als Steuer-Ausländerin („non-dom“) wahrgenommen und damit dem britischen Fiskus hohe Summen vorenthalten.

Die Labour-Opposition liegt vor der Regierungspartei

Der enorme Rufschaden verfestigte den Eindruck von Sunak als einem brillanten Technokraten mit einem Mangel an politischem Fingerspitzengefühl. Gnadenlos haben Truss’ Gefolgsleute diese Schwäche ausgenutzt. Kulturministerin Nadine Dorries entblödete sich beispielsweise nicht, den billigen Modeschmuck ihrer Favoritin mit den teuren Maßanzügen des Ex-Bankers zu vergleichen. Zudem wurde der zurückhaltende Sunak fälschlich als Chef einer Gruppe identifiziert, die den makellosen Premier angeblich „von hinten erdolcht“ hatte.

Sunak hatte dieser auf glatten Unwahrheiten und bösartigen Anspielungen beruhenden Kampagne nichts Adäquates entgegenzusetzen. Statt Johnsons erwiesene Unfähigkeit zu zielstrebigem Regierungshandeln zum Thema zu machen, beschränkte sich der Kandidat auf höfliche Zweifel an Truss’ ökonomischen Vorstellungen. Die Reihe haltloser Versprechen der Außenministerin und mutmaßlichen Siegerin werde die Berührung mit der Realität „nicht sehr lang“ überleben, prophezeit die konservative „Times“, die sich wie die meisten früheren Parteichefs für Sunak aussprach. In den Umfragen liegt die Labour-Opposition (43 Prozent) deutlich vor der Regierungspartei (28).

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