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Der Streit über den Literaturnobelpreis für Peter Handke weckt Deutschland aus dem kulturellen Schlaf auf.

Literaturnobelpreis für Peter Handke

Streit weckt Deutschland aus kulturellem Schlaf auf

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Literatur ist politisch. Der Streit über den Preis für Peter Handke weckt Deutschland aus dem kulturellen Schlaf auf. Eine Analyse vor der Übergabe des Preises am 10. Dezember.

Bitte lass den Autor nicht an noch einer Bäckerei vorbeikommen, sonst dauert das ganze ja noch länger.“ Christine Westermann machte im Literarischen Quartett im ZDF keinen Hehl aus ihrem Gelangweiltsein beim Lesen des neuen Buches von Peter Handke „Die Obstdiebin“. Das war 2017.

Deutschsprachige Literatur war zu dieser Zeit kaum Gesprächsthema, im Fernsehen erst recht nicht. Über die Erregung öffentlichen Ärgernisses oder den Anstoß von großen gesellschaftlichen Debatten durch – man erinnert sich kaum noch an diese Möglichkeit im 21. Jahrhundert – Bücher wurde nur im Kulturteil von Zeitungen oder in Deutschklassen des Goethe-Instituts berichtet und da nur im Tempus der abgeschlossenen Vergangenheit.

Max Frisch war 1991 gestorben. 2017 veröffentlichte der Schweizer „Tagesanzeiger“ eine Dokumentation, die belegte, wie stark der Autor von „Schweiz ohne Armee? Ein Palaver“ bis auf seine letzten Tage die Debatte der Eidgenossen über die Militarisierung geprägt und in die breite Öffentlichkeit getragen hatte. Der „Staatsfeind Nummer eins“, wie ihn ein Würdenträger nannte, verhandelte für seine Gesellschaft mit der Macht seiner Worte und der Kraft seiner Werte die Frage nach dem Frieden und seinen Feinden – berichtet wird es heute wie ein Stück Zeitgeschichte, aber nicht als fundamentale Frage in einer Zeit der Neuorientierung der weltweiten Verteidigungsbündnisse.

Literaturnobelpreis für Peter Handke: Zeit aufzuwachen

2018 ein weiterer Rückblick auf die Möglichkeit, was Hochkultur, was deutsche Literatur sein kann. Biografien zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll erinnerten – wieder in abgeschlossener Vergangenheitsform – an den Widerstand der Intellektuellen und die Widerständigkeit, die man aus Büchern lernen kann.

Dieser Rückblick zwingt einen anderen Vergleich auf. Auf der einen Seite eine Gesellschaft im Umbruch, 1985, als im Todesjahr des Literaturnobelpreisträgers die erste rot-grüne Koalition in Hessen etabliert wurde mit einer wilden Literaturszene drum herum. Auf der anderen Seite die ruhige Rautenhand der Ära Merkel, in der seit 2005 Langeweile Staatssehnsucht ist und seitdem keine literarische Debatte von gleicher Bedeutung und ähnlichem Gewicht mehr stattgefunden hat.

Und nun Handke.

1966 furios gestartet ins Bewusstsein der deutschsprachigen Öffentlichkeit. Sein Stück „Publikumsbeschimpfung“ von Claus Peymann in Frankfurt inszeniert. Diesen provozierenden Weg ging der jüngste Nobelpreisträger bekanntlich nicht weiter.

Literaturnobelpreis für Peter Handke: Saša Stanišic läutet mit seiner Kritik Generationenwechsel ein

Handke ist der umgekehrte Günter Grass. Der hatte maßgeblich zur Aufarbeitung der deutschen Nachkriegsgeschichte beigetragen und wurde dafür 1999 mit dem Literaturnobelpreis geehrt, als er sich noch nicht als Mitglied der Waffen-SS geoutet hatte. Handkes Entwicklungsrichtung stimmt dagegen nicht. Es ist ja nicht der Publikumsbeschimpfer in Jugoslawien gewandert, sondern die Obstdiebin, deren Ästhetik nicht nur das Literarische Quartett langweilt, sondern auch die breite Öffentlichkeit kaltlässt ob ihrer Nichtrelevanz für existenzielle Fragen.

Handke verwirrt, aber es geht in Wirklichkeit längst nicht mehr um ihn. Die Debatte über Handke, zu der der Buchpreisträger Saša Stanišic maßgeblich beigetragen hat, ist nur der Pin, auf dem die Kompassnadel einer größeren Diskussion sich neu einpendelt.

„Einen Umsturz konnte er so detailverliebt anschaulich erklären, und dazu mit einer Sehnsucht, dass es mir vorkam, als erzählte er Geschichten, deren Protagonist er gern selber gewesen wäre“, so nähert sich Saša Stanišic in seinem jüngsten Buch „Herkunft“ einem Geschichtslehrer. Stanišic fordert damit auch den Wert von Literatur zurück in einer eingeschlafenen Kultur – ihm sind die Geschichten und das Potenzial, eines zukünftigen Potenzials im tiefsten Kern ernst. Mit seiner Kritik an Handke läutet er auch einen Generationenwechsel ein.

Literatur in der Endphase der Ära Merkel, mit dem Aufkommen der neuen Rechten, scheint zurück im Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Das Hoffnungsvolle, was nach Handke übrig bleiben wird: Eine jüngere Schriftstellergeneration hat auch politisch wieder etwas zu sagen.

Von Thomas Kaspar

Der Schriftsteller Peter Handke kanzelt wieder Menschen ab, die ihn auf seine Haltung zu Verbrechen im Jugoslawienkrieg befragen.

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