Lira stürzt ab

Notenbank-Chef muss gehen: Erdogan reagiert auf anhaltende Währungskrise in der Türkei

  • Luisa Ebbrecht
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Die Lage in der Türkei wird angespannter: Erst entlässt Präsident Erdogan den Notenbankchef, dann tritt auch der Finanzminister zurück. Die Lira-Währung stürzt weiter ab.

  • Die Währung Lira in der Türkei wird immer unstabiler.
  • Nun hat Präsident Erdogan den Notenbankchef entlassen.
  • Auch der Finanzminister der Türkei ist daraufhin zurückgetreten.

Istanbul/Ankara - Die türkische Währung Lira fällt auf ein Rekordtief. Außerdem stagniert die Inflation weit über dem Ziel der Zentralbank der Türkei. Grund für die Währungsprobleme könnte die Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sein. Erst am letzten Wochenende entließ er den Notenbankchef Murat Uysal. Kurz darauf trat auch überraschend der Finanzminister des Landes zurück.

Naci Agbal soll die turbulente Situation in der Türkei nun wieder unter Kontrolle bekommen. Der ehemalige Finanzminister des Landes übernimmt ab sofort die Geschäfte der Notenbank des Landes (CBT). Gegen die erneute Herabstufung der Lira sollen „notwendige geldpolitische Entscheidungen“ fallen und alle Instrumente „entschlossen eingesetzt“ werden, so Agbal am Montag (09. November 2020).

Lira-Absturz in der Türkei: Erdogan entlässt Notenbankchef

Schon vor Entlassung des letzten Notenbankchefs ging es bei der CBT hitzig zu. Murat Uysal war gerade einmal anderthalb Jahre im Amt. Auch dessen Vorgänger, Murat Cetinkaya, wurde von Erdogan nach drei Jahren entlassen. Ein offizieller Grund dafür wurde nie bekannt. Normalerweise wird ein CBT-Gouverneur auf vier Jahre ernannt. Eine bis mehrere Amtszeiten sind ebenfalls nicht unüblich. Umso mehr ist der erneute Wechsel in der Führung der Notenbank beunruhigend - und verheißt nichts Gutes.

Erst zuletzt stürzte die türkische Lira ab und brach sogar Negativrekorde. Nach dem turbulenten Wochenende erholte sie sich etwas. Noch am vergangenen Freitag fiel die Lira bis auf einen Kurs von 10,1779 Lira je Euro und 8,5662 Lira je US-Dollar. Günstiger war die Lira somit nie, erstmals kostete ein Euro mehr als zehn Lira.

Nach Absturz der Lira-Währung: Hohe Erwartungen an neuen Notenbankchef

Nun lasten hohe Erwartungen auf dem neuen Notenbankchef der Türkei. „Obwohl die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik extrem niedrig ist, weshalb der Kurs weiter fällt, haben Anleger immerhin die Aussicht darauf, dass wir uns dem Ende einer ungerechtfertigt lockeren Politik nähern“, zitierte die Nachrichtenagentur Bloomberg einen Anlagestrategen aus Dubai.

Ebenfalls meldet sich laut Bloomberg der Stratege des schwedischen Finanzdienstleisters SEB zu Wort: „Wir erwarten, dass der neue Gouverneur der türkischen Zentralbank unmittelbar Maßnahmen ergreifen wird, um die Geldpolitik zu straffen, die Lira damit zu stabilisieren und langsam wieder Reserven aufzubauen.“

Lira in der Türkei: Will Ergogan die Kontrolle über die Zentralbank?

Agbals Aussagen lassen nun eine striktere Geldpolitik vermuten. Allerdings gibt es mehrere Gründe, um an diesen Aussagen zu zweifeln. Agbal war zuvor Chef einer Behörde für wirtschaftliche Entwicklung und berichtete dort direkt an den Präsidenten Erdogan. Auch in seinem neuen Job könnte er also dieser Linie treu bleiben und durch den Präsidenten der Türkei stark beeinflusst werden. Diesen Eindruck hat auch Tatha Ghose, Devisenspezialist der Commerzbank. Sein Fazit: „Erdogan will mehr direkte Kontrolle über die Zentralbank.“

Recep Tayyip Erdoğan redet nach einer Kabinettssitzung mit der Presse.

Die zweite Neuerung des Wochenendes ist der plötzliche Rücktritt des Finanzministers der Türkei. Obwohl Berat Albayrak gesundheitliche Gründe für seinen Rücktritt angab, sehen Beobachter die Ernennung des neuen Notenbankchefs Naci Agbal als Grund. Er gilt in Expertenkreisen als Kritiker und Rivale Albayraks.

Türkei: Lira-Stabilisierung nur kurzweilig?

Die aktuelle Stabilisierung der Lira könnte nur kurzweilig sein. Es ist zu erwarten, dass die Inflation durch den Personalwechsel in der Notenbank angetrieben wird. Dabei sind eine erneute Lira-Abwertung und die daraus resultierende hohe Inflation zwei grundlegende Probleme der Türkei. Ob und wie der neue Notenbankchef Agbal diese Probleme angeht, bleibt offen. Schon am 19. November 2020 steht die erste Sitzung unter dem neuen CBT-Gouverneur an. (Luisa Ebbrecht)

Rubriklistenbild: © Adem Altan/AFP

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