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Nachdem das Lager Lipa geschlossen wurde, sind Busse für hunderte Migranten der einzige Schutz vor dem Winterwetter.
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Nachdem das Lager Lipa geschlossen wurde, sind Busse für hunderte Migranten der einzige Schutz vor dem Winterwetter.

Balkanroute

Busse einziger Schutz vor Winter: Flüchtlingslager Lipa ist um unmenschliche Episode reicher

  • vonAdelheid Wölfl
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Weil keine Stadt, kein Dorf sie aufnehmen will, müssen die ehemaligen Insassen des abgebrannten Lagers Lipa in Westbosnien mitten im Winter im Freien campieren. Eine Reportage.

  • In Bosnien-Herzegowina spielt sich derzeit die größte Flüchtlingskatastrophe in Europa ab.
  • 900 Migranten stecken im Niemandsland in der Nähe des abgebrannten Lagers Lipa fest.
  • Niemand erklärt sich bereit, die Afghanen und Pakistaner aufzunehmen, die im Winter im Freien nicht überleben können.

Von weitem glitzert es verheißungsvoll, fast weihnachtlich in der Landschaft. Doch wer sich der Lichterkette auf dem Feld nähert, blickt ins Elend der wohl größten Flüchtlingskatastrophe, die sich derzeit in Europa abspielt.

Die Männer sitzen dicht gedrängt in den Reisebussen, Reihe für Reihe ist besetzt. Hinter den angelaufenen Glasscheiben im schweren Regen sind schwarze Haarschöpfe zu sehen, darunter fragende Augen. Die 900 jungen Männer sind bereits seit vielen Stunden in den 20 Bussen eingesperrt. Sie wissen nicht, wohin die Reise gehen wird, nicht, ob sie irgendwann in eine Herberge kommen oder wieder in die Kälte hinaus geschickt werden. Aber auch die Polizisten, die die Busse bewachen, haben keine Ahnung, was passieren wird. Niemand hier in Bosnien-Herzegowina hat einen Plan für die Zukunft der Männer, die im Niemandsland in der Nähe des aufgelassenen und abgebrannten Lagers Lipa in Westbosnien feststecken.

Skandal um Camp Lipa: Niemand erklärt sich hilfsbereit

Die Regierung ist mit den Migranten in eine Krise geschlittert. Der Begriff aussichtslos wird hier zum Bild: Menschen sitzen Stunde um Stunde abfahrbereit im Bus, dürfen aber nicht losfahren. Denn bislang hat sich keine Stadt, kein Dorf bereit erklärt, die Afghanen und Pakistaner aufzunehmen, die im harten bosnischen Winter im Freien nicht überleben können. „Wir wissen von nichts“, sagen die Männer im Bus. „Wir brauchen Brot“, fügen manche hinzu.

Nach wochenlangen Verhandlungen war es am Dienstag zunächst zu einem politischen Durchbruch gekommen. Endlich fand man eine Kaserne in der Nähe der Stadt Konjic, wo man die Männer hinbringen wollte. Und diese dachten, dass sie nun nicht im Schlamm und im Regen das neue Jahr beginnen müssten.

Die Evakuierung begann plangemäß, doch dann stellten sich die bosnisch-kroatischen Minister quer, weil das Dorf Gradina, wo die Kaserne steht, in einem Kanton liegt, in dem die bosnisch-kroatische HDZ regiert. Ein paar Bürgerinnen und Bürger protestierten zudem vor der Kaserne, als sie Wind davon bekamen, dass die Migranten kommen sollten. Der bosnische Sicherheitsminister Selmo Cikotic konnte sich nicht gegen die Lokalfürsten durchsetzen. Und so bleiben die Migranten nun in den Bussen eingesperrt.

Camp Lipa: Die Migranten sind einem Machtspiel ausgeliefert

Sie sind einem Machtspiel ausgeliefert, das Tag für Tag an Absurdität und Ausweglosigkeit gewinnt. Für die Menschen hier, die zu den Leidtragenden dieser Politik werden, ist dies alles undurchschaubar. Schon seit Wochen verweigern bosnische Politiker, zu einer Lösung beizutragen und gefährden damit Menschenleben.

Die Polizei bewacht die Busse auf dem Feldweg, ab und zu werden die Männer hinausgelassen, etwa wenn sie in dem nahe gelegenen Feld ihre Notdurft verrichten, oder wenn Vertreter:innen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) jene Leute versorgen, die schwer krank sind. Viele Migranten haben die letzten Tage im Schnee und im Freien verbracht und sind sichtlich erschöpft. Unklar ist, ob einige auch an Covid-19 erkrankt sind.

Der IOM-Leiter in Bosnien-Herzegowina Peter Van der Auweraert ist sichtlich verzweifelt. Er versucht gemeinsam mit der EU-Kommission seit Wochen eine Lösung zu finden, um die Menschen vor dem Kältetod und Ansteckungen zu schützen.

„Jetzt wird alles noch schwieriger. Denn nun haben alle im Land gesehen, dass man nur dreißig, vierzig Demonstranten braucht, um zu verhindern, dass die Migranten untergebracht werden“, sagt er zu dieser Zeitung. „Jedes Dorf kann das nun nachahmen und die Umsiedlung der Migranten verhindern.“ Dabei gäbe es ausreichend Kasernen, um den Leuten Schutz zu bieten, moniert er. Doch der umkämpfte Zentralstaat in Bosnien-Herzegowina zeigt sich gerade in der Migrationskrise als viel zu schwach, um sich durchzusetzen.

Migranten könnten schwer krank werden oder sogar sterben

Die Umsiedlung war notwendig geworden, weil vor Weihnachten das Lager Lipa, etwa 25 Kilometer außerhalb von Bihac geschlossen werden musste, um es winterfest zu machen. Die großen Zelte können nämlich der Schneelast nicht standhalten. Doch die Behörden hatten sich geweigert, die Halle Bira in der Stadt, die jahrelang als Migrationszentrum gedient hatte, wieder für die obdachlos gewordenen Männer zu öffnen. Aus Verzweiflung zündeten einige Migranten die Zelte in Lipa an. Manche verblieben dicht gedrängt im letzten übrig gebliebenen Zelt.

Hilfsorganisationen warnen davor, dass Migranten in der Kälte und im Schnee schwer krank werden oder sogar sterben könnten. Doch viele Bürger:innen von Bihac, die seit Jahren unter der Migrationskrise leiden, wollen nicht, dass die Männer in die Stadt in die Halle Bira zurückkehren. Aber es gibt auch andere, die Herz zeigen.

Tödliche Fluchtroute über die Kanaren

Fast 2200 Menschen sind in diesem Jahr bei dem Versuch gestorben, Spanien von Afrika aus auf dem Seeweg zu erreichen. Die große Mehrheit sei auf dem Weg zu den Kanarischen Inseln tödlich verunglückt, teilte die Hilfsorganisation Caminando Fronteras am Dienstag mit. 2020 seien mehr Menschen auf der Inselgruppe angekommen als je zuvor. Verstärkte Patrouillen vor der südspanischen Mittelmeerküste ließen die Migrantinnen und Migranten nach alternativen Routen suchen, um Europa zu erreichen.

Insgesamt starben 2170 Menschen auf dem Seeweg nach Spanien. 2019 waren es laut Caminando Fronteras 893 Tote. Fünfundachtzig Prozent der Todesfälle im Jahr 2020 ereigneten sich laut dem Bericht bei 45 Schiffsunglücken auf der Route zu den Kanarischen Inseln. Die kürzeste Route zu den Inseln ist mehr als hundert Kilometer von der marokkanischen Küste entfernt. Wegen der starken Strömungen im Atlantik gilt sie jedoch als sehr gefährlich.

Zwischen dem 1. Januar und dem 30. November erreichten insgesamt 19.566 Menschen die Kanarischen Inseln, wie Zahlen des spanischen Innenministeriums zeigen. Ein Jahr zuvor waren es nur 1993. (afp)

Für die Migranten gibt es keine Unterkunft

Vor einem der Abbruchhäuser, gefährliche Betonskelette am Rande der Stadt, in denen Dutzende Pakistaner im Schutt, in der Nässe und im Dreck hausen, steckt eine Frau mit zwei kleinen Kindern den Männern zwanzig bosnische Mark zu - hierzulande viel Geld - und legt ihre Hand auf ihr Herz. „Wir sind Muslime und ihr auch“, sagt sie zu Nizra, einem 30-jährigen Mann, der vor wenigen Tagen aus dem Lager Lipa hierher gekommen ist.

„Ich weiß nicht, wo wir nun hingehen sollen. Es gibt kein Lager für uns, keine Unterkunft“, sagt Nizra. Die Männer, die in den Abbruchhäusern leben, schöpfen sich Wasser aus dem Fluss Una. Hunderte andere lagern außerhalb der Stadt auf den Feldern. „In der Nacht wird es jetzt schrecklich kalt“, erzählt etwa der 21-jährige Mohammed aus Peshawar. Um zu ihrem Lager zu gelangen, muss man durch Regenpfützen und Gestrüpp stapfen.

Mohammed und seine Freunde leiden unter juckenden Hautinfektionen. Weil die kroatische Grenzpolizei ihnen vor vier Tagen, als sie versuchten über die Grenze zu kommen, die Schuhe wegnahm, stehen sie nun mit nackten Füssen in Plastikschlappen im Schlamm. Sie bräuchten vor allem eine Powerbank, um ihr Handy aufzuladen und Mehl, um sich in dem verrußten Topf Brot zu machen, erzählen sie.

Die Migranten warten verzweifelt auf den Frühling

Neben den 900 Männern, die in Bussen eingepfercht sind, befinden sich mehr als 1000 weitere hier im Kanton Una-Sana im Freien oder in Abbruchhäusern. „Hier können wir nicht überwintern“, räumt der 26-jährige Ali ein, der schon seit 2016 versucht von Bosnien-Herzegowina aus nach Kroatien und in die EU zu gelangen. 50 Mal sei er bereits hinauf in die Berge gewandert, wurde aber immer von den Grenzern erwischt. Ali spricht mittlerweile ausgezeichnet Bosnisch. „Wir warten auf den Frühling“, antwortet er auf die Frage, wie es nun weitergehen könnte. (Adelheid Wölfl)

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