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Einsame Kommunistin: Linkenchefin Gesine Lötzsch.

Gesine Lötzsch und der Kommunismus

Die Linke und das K-Wort

Mit einem wolkigen Traktat in der marxistischen Tageszeitung Junge Welt bringt sich nun auch Parteichefin Lötzsch in die Bredouille. Dabei findet sich in ihrem Text im Grunde wenig Neues.

Von Jörg Schindler

In den Kommentarspalten etlicher Online-Medien ist am Mittwoch der Kalte Krieg neu ausgebrochen. Hunderte User ventilierten im Internet ihre Angst vor dem Kommunismus, wild durcheinander war die Rede von Stalin, Gulag, Lenin und Mao – und von einer „durchtriebenen“ Linkspartei, die nun, endlich, „die Katze aus dem Sack“ gelassen habe. So heftig sind die Angriffe auf die zuletzt ohnehin gebeutelte Partei und ihre Vorsitzende Gesine Lötzsch, dass man sich fragen muss: Was ist denn da nun wieder los?

Die Antwort findet sich in der marxistischen Tageszeitung Junge Welt. Die lädt am Wochenende wieder zu ihrer Rosa-Luxemburg-Konferenz nach Berlin, auf der sich die ganz Linken unter den internationalen Linken der Frage widmen werden: „Wo bitte geht’s zum Kommunismus?“ Mit dabei auf dem Podium: die DKP-Vorsitzende Bettina Jürgensen, das ehemalige RAF-Mitglied Inge Viett und eben Linken-Chefin Lötzsch. Deren Debattenbeitrag stand am Montag vorab in der Jungen Welt. Seither ist die Hölle los. Genüsslich etwa pickte sich Spiegel Online einige Sätze aus dem fünfseitigen Manuskript, warf Lötzsch vor, sie erkläre „Kommunismus zum Ziel der Partei“ und fragte spitz: „Wo bitte treibt diese Linke hin?“ Nicht nur Leser, auch die politische Konkurrenz schäumte sogleich und erklärte die Linkenchefin flugs zur Verfassungsfeindin.

Dabei findet sich in Lötzschs Text im Grunde wenig Neues und kaum Aufregendes – sieht man einmal davon ab, dass sie für eine führende Linken-Vertreterin recht ungeniert das K-Wort im Munde führt. Den Begriff „Kommunismus“ scheuen die Mitglieder der Ex-PDS und erst recht der Ex-WASG normalerweise wie der Teufel das Weihwasser, wissen sie doch, dass die damit verbundene Assoziationskette geradewegs in die düstere Sowjet-Diktatur zurückführt. In mehreren schmerzhaften Häutungsprozessen haben sich die Genossen seit 1990 glaubhaft zu demokratischen Sozialisten gewandelt. Reden sie vom Kommunismus, dann eigentlich nie, ohne sich von den im 20. Jahrhundert begangenen Verbrechen zu distanzieren. So gesehen ist Lötzschs Traktat – Überschrift „Wege zum Kommunismus“ – in mancher Hinsicht merkwürdig. „Die Wege zum Kommunismus“, schreibt sie, „können wir nur finden, wenn wir uns auf den Weg machen und sie ausprobieren.“ Und: Es sei wichtig, der „Entfesselung des Kapitalismus“ mit seinem „Übergang in die offene Barbarei“ eine menschlichere Vision entgegenzustellen. Wer nun allerdings erwartet, dass Lötzsch sich als Wegweiserin in den Kommunismus outet, wird enttäuscht. Alles, was folgt, sind sattsam bekannte Linken-Positionen und eine Eloge auf Rosa Luxemburgs Kampf für Freiheit und Demokratie. Weil Lötzsch aber eben auch jede Distanzierung vom Totalitarismus vermissen lässt und den Kommunismus wolkig als eine Art Endvision preist, fühlen sich die Kritiker der Linken mal wieder bestätigt: Diese Partei, so der Vorwurf, meint etwas ganz anderes, als sie seit 20 Jahren sagt.

In der Parteiführung herrschte am Mittwoch Frust. „Ich hätte das Wort Kommunismus nicht benutzt“, sagte Thüringens Linksfraktionschef Bodo Ramelow. Offenbar wisse die Ostdeutsche Lötzsch nicht, „welche Emotionen sie im Westen mit diesem Schlüsselbegriff auslöst“. Aber immerhin habe sie damit einen Beitrag zur aktuellen Programmdebatte geliefert.

Kein intellektuelles Highlight

„Der Weg zum Kommunismus ist nicht Teil der Programmdebatte“, sagte dagegen der Bundestagsabgeordnete Stefan Liebich. Er frage sich schon, wieso die Vorsitzende das Thema aus heiterem Himmel setze, „ohne wenigstens einen Satz zu verlieren über die Verbrechen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden“. Die Linke habe zuletzt genug Scherereien gehabt, so Liebich, „das macht es nicht einfacher“.

Andere in der Parteiführung sprechen hinter vorgehaltener Hand davon, Lötzsch habe „kein intellektuelles Highlight“ abgeliefert. Es sei seltsam, wieso sie überhaupt auf eine Konferenz gehe, „wo nicht unbedingt Vertreter des modernen Sozialismus versammelt sind“. Das sei auch eine „Frage der politischen Sensibilität“. Lötzsch selbst wollte sich am Mittwoch nicht äußern. Eines immerhin hat sie mit ihren Ausführungen zum Kommunismus erreicht: Ihr Ko-Vorsitzender Klaus Ernst ist zum Jahresbeginn nicht mehr der Einzige, über dessen Führungsqualitäten intern gerätselt wird.

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