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Warum sind so viele Linke antisemitisch? „Weil sie das Gefühl haben, nach oben zu treten“

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Journalist Nicholas Potter hat zwei Jahre vermeintlich progressive Szenen durchleuchtet. Herausgekommen ist ein alarmierendes Buch über den dunklen Fleck der Linken: Antisemitismus.

Viele sprechen gerade über Antisemitismus von links. Seit dem 7. Oktober, dem Tag, als die Hamas 1.400 Menschen in Israel ermordete, wird an einigen Stellen deutlich, wie israelkritisch und bisweilen antisemitisch Teile der Linken sind. An zahlreichen US-amerikanischen Universitäten riefen Studenten zu Pro-Palästina-Demonstrationen auf, auf denen auch antisemitische Parolen zu hören sind. In Deutschland hat das Bundeskriminalamt letzte Woche bekannt gegeben, dass es seit dem Angriff der Hamas über 2.000 Straftaten mit Bezug zum Krieg registriert hat. Viele davon stehen im Zusammenhang mit propalästinensischen Veranstaltungen in Berlin, berichtete Report Mainz.

Nicholas Potter, 33 Jahre alt, ist ein britisch-deutscher Journalist und arbeitet bei der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin. Er recherchiert schon lange zur Frage, wie antisemitisch Linke sind.

Palästina-Anhänger versammeln sich am 14. Oktober bei einer Kundgebung an der Harvard-Universität.
Palästina-Anhänger versammeln sich am 14. Oktober bei einer Kundgebung an der Harvard-Universität. © Joseph Preziosa/afp

Nicholas Potter zu linkem Antisemitismus: „Ich bin komplett desillusioniert“

Herr Potter, Ihr Buch „Judenhass Underground“ ist vor dem 7. Oktober erschienen. Sie sezieren darin den Antisemitismus in der linken Szene. Haben Sie mit der Reaktion gerechnet, wie man sie nach dem 7. Oktober beobachten kann?

In diesem Fall habe ich ungern recht. Mein Co-Autor Stefan Lauer und ich haben eher linksgeprägte Subkulturen und Bewegungen analysiert. Unser Ergebnis: Es zeigt sich jetzt nochmal deutlicher, dass auch die Linke nicht frei von Antisemitismus ist. Einige Szenen haben sogar ein großes Problem damit.

Wer zählt dazu?

Zum Beispiel Fridays for Future – wohlgemerkt die Social-Media-Kanäle von „Fridays for Future International“. Auf deren Twitter-Kanal heißt es, dass pro-israelische Medien eine Gehirnwäsche an uns vollziehen. Die Rhetorik ist kaum von rechten Organisationen zu unterscheiden. Ein anderes Beispiel: Die Technoszene geriert sich als sehr politisch, aufgeklärt und fortschrittlich. Am 7. Oktober gab es den größten Angriff aller Zeiten auf ein Technofestival. Doch große Teile der Clubs und DJs schweigen oder feiern den Hamasterror als Freiheitskampf. Das kann man auf ihren Social-Media-Accounts nachlesen.

Sie bezeichnen sich selbst als links und progressiv. Was macht das mit Ihnen ganz persönlich?

Ich bin komplett desillusioniert. Von vielen Bekannten, von denen ich dachte, dass sie sich auch für Demokratie und Menschlichkeit einsetzen, bin ich schwer enttäuscht. Das geht nicht nur mir so und offen gestanden weiß ich nicht, ob und wie sich das wieder kitten lässt. Mir ist in den letzten Wochen klar geworden, dass viele Linke echt schwer antisemitisch sind und überall nur noch Unterdrücker und Unterdrückte wittern. Sie argumentieren, dass Israel kolonialisiert und die Hamas befreit. Das ist absurd!

Werden Sie angefeindet?

Ja.

Nicholas Potter beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus.
Nicholas Potter beschäftigt sich in seiner Arbeit mit Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus. © Olga Blackbird

„Gerade in der linken Szene beobachten wir da doppelte Standards“

Viele Linke positionieren sich zu jedem politischen Thema, gerade schweigen sie. Wie werten Sie das?

Es gibt Leute, die haben zu jedem Thema was zu sagen, zum Hamas-Terror aber nicht. Das konnte ich in meiner eigenen Timeline beobachten. Menschen werfen Israel einen Genozid vor, während sie zu ganz vielen anderen Konflikte schweigen. Gerade in der linken Szene beobachten wir da doppelte Standards. Man muss sich ganz bestimmt nicht zu allem äußern. Aber vor einem Jahr die ukrainische Flagge als Profilbild einstellen und jetzt nichts zum schlimmsten Terror gegen Juden seit der Shoah nichts sagen – das kann nicht sein.

Woher kommt der Antisemitismus in der linken Szene? 

Linke Bewegungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Politische Strömungen sind immer nur so antisemitisch, wie die Gesellschaft, aus der sie kommen. Es gibt aber auch eine linke Tradition des Antisemitismus. Die KPD warnte in Deutschland vor jüdischem Kapital, in der DDR war Anti-Zionismus Staatsdoktrin und westdeutsche Linke planten sogar Anschläge gegen Jüdinnen und Juden.

Warum sind so viele Linke antisemitisch?

Weil sie das Gefühl haben, nach oben zu treten. Dabei ist es der Kern antisemitischer Verschwörungserzählungen, Juden würden im Hintergrund die Fäden zielen, mit Heimtücke und List arbeiten – klassischer Nazi-Sprech. Gegen Rassismus können sich Linke hingegen prima einsetzen, weil sie da überzeugt sind, man setze sich für „die da unten“ ein.

Wie unterscheidet sich linker und rechter Antisemitismus?

Antisemitismus ist Antisemitismus. Inhaltlich gibt es wenig Unterschiede. Und Judenhass wird nicht besser, nur weil er von links kommt. Der Antisemitismus hat sogar die perfide Eigenschaft, dass er spektrumübergreifend vereint – ob Nazis, Aluhutträger oder Hippies. Die Gewaltbereitschaft von rechts ist allerdings deutlich größer, man denke nur an die Anschläge in Pittsburgh oder Halle. Nazis verfolgen eine völkische Ideologie, die Juden ausschließt und schließlich auslöschen will.

„Um Hamas-Terror zu verurteilen, muss man kein Historiker sein“

Viele Menschen trauen sich eine Positionierung nicht zu. Sie sagen: Es ist halt kompliziert. Ein vertretbarer Standpunkt?

Der Nahostkonflikt ist sehr kompliziert. Ich begrüße es deswegen auch, wenn Leute damit offen umgehen und zugeben, dass sie keine Ahnung haben. Jetzt kommt allerdings das große Aber. Um Enthauptungen, Vergewaltigungen und Leichenschändung zu verurteilen, muss man kein Historiker sein. Das werfe ich vielen Linken vor. Die Gräueltaten des Islamischen Staates zu benennen und verurteilen, fiel ja auch keinem schwer.

Gibt es positive Gegenbeispiele aus der linken Szene? 

Ja, die gibt es, zum Beispiel das Statement von Fridays for Future Deutschland, die ihr Mitgefühl mit den leidenden Palästinensern ausgedrückt haben, aber eben auch auf israelische Opfer eingegangen sind und auf das nicht zu verhandelnde Existenzrecht hingewiesen haben.

So richtig überzeugt klingen Sie nicht.

Nein, denn sowas geht aktuell völlig unter. Die pro-palästinensischen Demonstrationen in London, Paris, Berlin und an amerikanischen Universitäten sind wesentlich präsenter. Es gibt die Vorstellung in linken Kreisen, dass man gegen Israel sein muss, um sich überhaupt links nennen zu dürfen. Für viele Linke ist Israel schon immer das Böse und deswegen waren sie auch nicht in der Lage, empathisch zu sein nach dem Hamas-Terror. Als Israel dann mit Gegenoffensiven begonnen hat, war für viele das alte Feindbild wieder hergestellt.

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