„Wir haben hier keine Party gefeiert", beteuert der Wirt des Restaurants in Leer, in dem sich 18 Menschen infizierten.
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„Wir haben hier keine Party gefeiert", beteuert der Wirt des Restaurants in Leer, in dem sich 18 Menschen infizierten.

Corona-Ausbrüche

Aerosole - die unterschätzte Gefahr

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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  • Thorsten Fuchs
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Die Rekonstruktion der Corona-Infektionen in Leer und Frankfurt zeigt, wie labil die Rückkehr zur Normalität ist.

Die Erleichterung wird groß gewesen sein. Endlich mal wieder zusammen sein. Endlich mal wieder miteinander reden, von Angesicht zu Angesicht, nach diesen bedrückenden Wochen. So war es wohl, in Leer wie auch in Frankfurt. In dem Restaurant in Ostfriesland, wo sich bei einer Feier zur Wiedereröffnung nach einem Jahr Pause Mitte Mai 18 Menschen mit dem Virus infizierten. Und in der Baptistengemeinde im Frankfurter Stadtteil Rödelheim, wo sich nach einemGottesdienst mehr als 100 Menschen mit dem neuartigen Coronavirus ansteckten.

Beide Fälle zeigen, wie präsent das Virus in scheinbar unverdächtigen Gegenden noch immer ist. Sie zeigen, welche Bedeutung lokale Infektionsherde im weiteren Verlauf der Pandemie noch spielen könnten. Und sie zeigen auch, im Lichte des neuen Wissens über Übertragungswege betrachtet, welches Risiko gerade geschlossene Räume bergen können. Doch wie konnte es nun so weit kommen?

In Leer jedenfalls betont der Wirt des Restaurants, er habe sich an alle Vorschriften gehalten. Das würde bedeuten: zwei Meter Abstand zwischen den Tischen, 1,50 Meter zwischen den Gästen, Mundschutz beim Personal. „Wir haben hier keine Party gefeiert“, sagte er der „Ostfriesen-Zeitung“. Das könnte auf zweierlei hindeuten: Entweder reichen die Regeln nicht aus. Oder der Leichtsinn und der Überdruss sind auch bei denen groß, die es eigentlich besser wissen müssten. Beide Schlüsse wären wenig beruhigend.

Der Auslöser an jenem Abend, der Patient null von Leer sozusagen, soll ausgerechnet ein Arzt gewesen sein, der unwissentlich mit dem Virus infiziert war. Zu den Gästen an jenem Abend wiederum gehörte auch ein Mitglied der Geschäftsführung der Meyer-Werft in Papenburg. Auch dieses soll sich an dem Abend angesteckt haben. Das Unternehmen legt nach eigenem Bekunden äußerst großen Wert auf die Corona-Schutzmaßnahmen: „Wir haben die Regeln von Anfang an etwas strenger als vorgeschrieben angewendet“, betont ein Sprecher Anfang der Woche.

Umso irritierter, sagt Betriebsratschef Nico Bloem, sei er, sollten Gäste und Gastgeber an jenem Abend die Regeln tatsächlich missachtet haben. Bloem ist seit Samstag in Quarantäne – genau wie 20 weitere Mitglieder des Betriebsrats der Werft. Sie alle hatten sich am Dienstag mit Mitgliedern der Geschäftsführung zu einer Besprechung getroffen, insgesamt rund 50 Personen, „in einem großen Raum“, wie Bloem betont, „mit wahrscheinlich eher fünf Metern Abstand“. Dennoch befinden sich nun alle in Isolation, vorsorglich.

Bloem versichert, er wolle niemanden verurteilen. Noch sei nicht klar, wer wann welche Regeln verletzt habe. Aber er sagt auch: „Jeder steht in der Verantwortung, sich auch im Privaten voll an die Regeln zu halten.“

Allerdings mehren sich die Hinweise, dass es nicht jeder an diesem Abend mit den Regeln gar zu genau nahm. „Deutliche Hinweise auf Verstöße“ hat der Kreis laut einem Sprecher erhalten. Gegen den Betreiber läuft nun ein Ordnungswidrigkeitsverfahren, ihm drohen bis zu 25.000 Euro Strafe, wenn sich der Verdacht bestätigt. Wo in Leer noch ein Fragezeichen steht, da ist in Frankfurt schon mal eines klar: Die freie, überwiegend von Zuwanderern aus Russland besuchte Baptistengemeinde hatte zunächst noch beteuert, sich ebenfalls an alle Auflagen gehalten zu haben. Am Montag räumte die Gemeinde aber in einer Erklärung auf ihrer Homepage ein, dass es besser gewesen wäre, „beim Gottesdienst Mund-Nasen-Schutzbedeckungen zu tragen und auf den gemeinsamen Gesang zu verzichten“. Abstandsregeln hätten sie eingehalten, betonen die Gemeindevorsteher noch. Auch habe Desinfektionsmittel bereitgestanden. Aber an diesen beiden Punkten hätten sie gefehlt.

So geht es auch: Freiluftgottesdienst in Thüringen. 

Es braucht also nicht viel, um dem Virus eine Chance zu bieten. Einen entspannten Abend nur. Ein bisschen gemeinsames Singen. Und das, wenn man Leer betrachtet, sogar in einem Gebiet, das zuvor als fast coronafrei galt. Das klingt ernüchternd. Aber es deckt sich leider mit dem, was man inzwischen über das Virus weiß.

Schon seit längerem ist klar, dass es häufig besondere Ereignisse, Bedingungen und Zusammenkünfte sind, bei denen das Virus massenhaft weitergegeben wird und sich danach in alle Richtungen verteilt, sogenannte Superspreading-Events oder auch: Virenschleudern. Am Anfang waren das die Abende in der Après-Ski-Bar in Ischgl, das Champions-League-Spiel von Bergamo oder das Karnevalstreffen von Heinsberg. Insofern – darauf weist der Virologe und Epidemiologe Alexander Kekulé hin – sei weniger die viel zitierte zweite Welle das Problem der nächsten Woche und Monate, es seien die lokalen Ausbrüche, die nun gleichsam überall drohen – und bei denen Leer, Frankfurt und all die Masseninfektionen in Schlachtbetrieben in Coesfeld oder Dissen in einer Reihe stehen. Begünstigt werden diese heftigen lokalen Ausbrüche offenbar durch eine Eigenschaft des Virus, die lange unterschätzt wurde: die Übertragung durch die Luft. Lange haben sich die Deutschen darauf konzentriert, wie lange sich Viren zum Beispiel auf Griffen von Einkaufswagen oder Spielgeräten halten. Diese sogenannte Kontaktübertragung sei nach wie vor „nicht auszuschließen“, erklärt das Robert-Koch-Institut. In der Praxis spielt sie jedoch eine offenbar eher kleine Rolle.

Wichtiger sind nach Ansicht der Experten die beiden anderen Wege: die Tröpfchen, die Infizierte beim Husten oder Niesen in die Luft schleudern – gegen sie schützt man sich durch Abstand, eineinhalb Meter gelten als ausreichend. Und die Übertragung über die Luft, durch Aerosole. Dabei handelt es sich um kleinste, manchmal nur einen Tausendstelmillimeter winzige Tröpfchen, die wir bei praktisch jeder Gelegenheit von uns geben, beim Atmen, beim Sprechen. Während die größeren Tröpfchen nach kurzer Strecke zu Boden fallen, stehen die Aerosole bis zu drei Stunden regelrecht in der Luft und können andere so anstecken. Untersuchungen bisheriger Infektionsketten auf Schiffen und in der Gastronomie, Tierversuche ebenso wie Laserpartikelmessungen deuten darauf hin, dass die Luftübertragung eine große Rolle spielt. Auf rund 50 Prozent taxiert sie der Charité-Virologe Christian Drosten inzwischen – in so vielen Fällen also laufe die Ansteckung über diese winzigen Partikel.

Was das alles bedeutet? „Im Alltag“, rät Drosten im Deutschlandfunk, „sollte man sich eher vielleicht aufs Lüften konzentrieren und weniger auf das ständige Wischen und Desinfizieren.“ Denn Lüften verteilt und verdünnt die Aerosole, die frische Luft ist ihr ärgster Feind.

Doch neben der praktischen gibt es auch eine politisch-regulatorische Folge dieser Erkenntnisse. „Ab irgendeinem Zeitpunkt“, sagte Drosten auch, „brauchen wir einfach vielleicht auch eine große Überarbeitung unserer jetzigen Richtlinien anhand neu aufkommender Vorstellungen zum Infektionsmechanismus.“

Diese müssten dann wohl zum Beispiel berücksichtigen, dass eineinhalb Meter Abstand in geschlossenen Räumen allein keine Gewähr gegen eine Infektion sind, dass Masken auch die Gefahr einer Aerosolinfektion verringern – und dass die Gefahr einer Infektion im Freien dann deutlich geringer wäre.

Für den Moment bedeutet das für die Mitarbeiter der Gesundheitsämter in Leer und Frankfurt zunächst, dass sie mit der Detektivarbeit der Nachverfolgung schwerstbeschäftigt sind. Die Baptistengemeinde in Frankfurt hat erklärt, erst mal wieder auf Onlinegottesdienste umzusteigen. Die Meyer-Werft hat ihre Corona-Maßnahmen nochmals verschärft. Es herrsche, so sagte es ein Sprecher am Montag dem RND, nun gleichsam „überall Maskenpflicht, wenn mehr als zwei Menschen zusammenkommen“. Das ist, nach einem einzigen unbeschwerten Abend, die Konsequenz dieses Unternehmens in Zeiten der allgemeinen Lockerung.

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