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Analog statt digital: Der Deutschunterricht an der Max-Beckmann-Schule findet seit Montag für rund 200 Jugendliche wieder im Klassenraum statt. 

Schulstart in Hessen

So lief der erste Schultag in der Max-Beckmann-Schule in Frankfurt

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Nach sechs Wochen Corona-Zwangspause fängt in dieser Woche für rund 110 000 Schülerinnen und Schüler in Hessen der Präsenzunterricht wieder an.

Ben ärgert sich .Er steht am Montagvormittag pünktlich um 11.30 Uhr auf dem Schulhof der Max-Beckmann-Schule im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Der Oberstufenschüler ist dem zweiten Unterrichtsblock zugeteilt. Doch Ben ist zu früh. Seine Unterrichtseinheit fängt erst eine halbe Stunde später an. „Es gab ein Missverständnis“, sagt er. „Im Internet standen die Zeiten falsch, deswegen dachte ich, dass es jetzt schon losgeht.“

Es ruckelt noch etwas bei der Organisation an diesem ersten Schultag in Hessen. Für alle Schüler, die wie Ben im nächsten Jahr ihren Abschluss machen werden, fängt nach sechs Wochen Corona-Pause der Präsenzunterricht wieder an. Doch Rückkehr zur Normalität bedeutet das für die Jugendlichen nur bedingt. Zahlreiche Hygienevorschriften müssen eingehalten werden, der Unterricht findet nur in abgespeckter Form statt und die Schüler sind aufgefordert, das Schulgelände unmittelbar nach dem Unterricht zu verlassen.

Auch wenn es keine Pflicht ist, tragen viele im Unterricht Masken. 

Um die Vorschriften, die das Land Hessen in der vergangenen Woche veröffentlicht hat, umsetzen zu können, musste das Kollegium der Max-Beckmann-Schule im Frankfurter Stadtteil Bockenheim umfangreiche Vorbereitungen treffen: Rund 200 Schüler der Phase Q2 sind nach Wochen des Homeschoolings an das Oberstufengymnasium zurückgekehrt. „Der kurzfristige organisatorische Aufwand war enorm“, sagt Schulleiter Harald Stripp.

Dass der Unterrichtsbeginn falsch kommuniziert wurde, findet Ben fahrlässig. Denn so käme es zwangsläufig dazu, dass sich mehr Schüler als eigentlich vorgesehen zur gleichen Zeit in der Schule aufhielten. Dass Ben sich Sorgen macht, kommt nicht von ungefähr. „Mein Vater wurde am Herz operiert und ich selbst habe Asthma“, erzählt er. Warum er nicht lieber zu Hause bleibt? „Ich bekomme zu Hause nicht viel auf die Reihe, deswegen bin ich hier.“ Zwar könne man auch im Homeschooling in Kontakt mit den Lehrern bleiben, aber man erreiche sie nicht immer, sagt Ben. Dass zunächst nur diejenigen, die im kommenden Jahr ihren Abschluss machen werden, wieder unterrichtet werden, findet er nachvollziehbar.

Insgesamt hat die Schulleitung aber viele Anstrengungen unternommen, um das Einhalten der Abstandsregeln möglich zu machen. Läuft man durch das Schulgebäude, stößt man auf gelb-schwarze Markierungen auf dem Fußboden, die an das Einhalten des Mindestabstands erinnern sollen. Im Eingangsbereich der Schule steht ein Flipchart, auf dem eingezeichnet ist, welches Treppenhaus zum Gang in die Klassenräume, und welches zum Verlassen der Klassenräume genutzt werden darf. Damit sich nicht zu viele Schüler gleichzeitig im Gebäude aufhalten, wurde der Jahrgang in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Hälfte wird von 9 Uhr bis 11.30 Uhr unterrichtet, die andere Hälfte von 13 Uhr bis 15.30 Uhr. Durch die Pause dazwischen soll verhindert werden, dass sich die Schüler der beiden Blöcke auf dem Schulhof begegnen.

Zwischendrin mit der Sitznachbarin quatschen? Fehlanzeige. 

„Während der zweieinhalbstündigen Unterrichtsblöcke machen wir nur eine beaufsichtigte Pause, in der die Schüler im Raum bleiben“, erklärt Stripp. Die Pausen würden zu unterschiedlichen Zeiten abgehalten, damit nicht zu viele Schüler gleichzeitig die Toiletten aufsuchen. Raumwechsel gibt es keine, die Klassen bleiben zusammen. Die Räume verteilen sich über drei Stockwerke, pro Stockwerk werden zwei bis drei Räume genutzt. Vor dem Betreten der Klassenräume sowie vor und nach dem Toilettengang muss Desinfektionsmittel benutzt werden.

Zu den Schülern, die ab Montag wieder vor Ort unterrichtet werden, gehört Finn. Obwohl Finns Schwester eine potenzielle Risikopatientin ist, hat er sich entschieden, zu kommen. „Ich fand Homeschooling schwierig, denn es mangelt mir an Selbstdisziplin“, gibt er zu. „Ich schaue mir mal an, wie es so ist und entscheide dann, was ich mache.“

Denn zum Unterricht gezwungen wird niemand: Sowohl Lehrer als auch Schüler, die selbst zur Risikogruppe zählen oder mit einer betroffenen Person in einem Haushalt leben, sind vom Unterricht befreit. Schulleiter Stripp rechnet damit, dass etwa ein Fünftel der Schüler weiterhin zu Hause unterrichtet werden müssen. Ein ähnliches Verhältnis erlebe er bei den Lehrern: Von 50 Kollegen seien etwa zehn vom Unterricht befreit. Lehrkräfte über 60 Jahren können laut Verordnung freiwillig unterrichten. An der Max-Beckmann-Schule habe sich kein Lehrer aus Altergründen abgemeldet.

„Ich fühle mich sicher, aber der ganze Spaß geht verloren“, sagt Jenny. Sie und ihre Freundinnen hatten im ersten Block Unterricht und sind für heute fertig. Sie sehen sich auf dem fast leeren Schulgelände um. „Wir sind die Einzigen hier“, sagt Julia R. Trotzdem befürworten die Schülerinnen, dass der Unterricht für sie nun wieder anfängt: „In der Schule ist man einfach motivierter als zu Hause“, sagt Julia. „Man bekommt mehr mit und hat wieder ein Stück von seinem Alltag zurück.“

Viele Schüler seien erstmal enttäuscht gewesen, als sie über die umfassenden Einschränkungen informiert wurde, sagt Schulleiter Stripp. „Denn Schule bedeutet ja unter normalen Umständen auch, dass man sich mit seinen Kumpels und Freundinnen trifft. Vieles geht momentan nicht.“ Doch Stripp ist überzeugt, dass selbst diese eingeschränkte Form des Unterrichts den Schülern gut tue. Anders als im Homeschooling könne man sich nun in einem begrenzten Rahmen austauschen. Das werde sowohl von den Lehrern als auch von den Schülern begrüßt. „Das Modell ist eine gute Idee“, findet Stripp. Auch sei es für die Schüler wichtig, keinen zu großen Lernrückstand zu bekommen.

An der Max-Beckmann-Schule werden zunächst vier Fächer – Deutsch, Mathematik und die Leistungskurse 1 und 2 – unterrichtet. Im Einsatz sind acht Lehrer für acht Klassen, sie unterrichten sowohl vor- als auch nachmittags. „Zu Unterrichtsbeginn wurden die Schüler von ihren jeweiligen Tutoren über die aktuelle Situation aufgeklärt“, sagt Stripp. „Sie wurden nochmals darauf hingewiesen, warum das Einhalten der Hygienevorschriften für sie selbst und insbesondere auch ihr Umfeld so wichtig ist.“ Im Zuge dessen hätten die Schüler auch die Möglichkeit, über eventuell vorhandene Sorgen zu sprechen.

In Gängen und Treppenhäusern fällt es schwerer, Abstand zu halten.

Während die Schüler in den Klassenräumen maximal zu zwölft und mit einem Abstand von 1,50 Metern zueinander sitzen, kommen sie sich in den Gängen und vor dem Schulgelände näher. Schulleiter Stripp glaubt, dass die Schüler der Phase Q2, die überwiegend 17 und 18 Jahre alt sind, zwar mehr Verständnis für die Maßnahmen aufbringen als jüngere Kinder. „Im Unterricht klappt das Einhalten des Sicherheitsabstands wunderbar. Aber sobald die Jugendlichen im Schulgebäude unterwegs sind, wird es schwierig.“ Das lasse sich auch vom Kollegium nur schwer kontrollieren, zumal es an der Max-Beckmann-Schule keine Pausenaufsichten gibt.

Auch wenn keine Maskenpflicht herrscht, hat das Hessische Schulamt die Schulen mit Masken versorgt. Viele Schüler der Max-Beckmann-Schule tragen eine Mund-Nasen-Bedeckung. Schulleiter Stripp betont aber, dass das, insbesondere wenn man viel rede, anstrengend werden könne. „Das muss man erstmal durchhalten“, findet er. Der Sicherheitsabstand in den Klassenräumen würde in der normalen Unterrichtssituation genügen. Finden Lehrergespräche statt, ist eine Mund-Nasen-Bedeckung verpflichtend. Ansonsten könnten die Masken, die in der Schule ausgegeben werden, in den öffentlichen Verkehrsmitteln verwendet werden.

In einem kleinen Lagerraum der Schule sind nicht nur die Masken und das Desinfektionsmittel vom Schulamt untergebracht. Daneben lagern 1400 chirurgische Masken, die die Max-Beckmann-Schule von ihrer Partnerschule aus China zugeschickt bekommen hat. Die Spende habe Stripp gemeldet, denn die Masken sollen da zum Einsatz kommen, wo sie am meisten gebraucht werden. Sie seien aber noch nicht abgeholt worden.

Die Stundenpläne für die Q2 sind bis zum 8. Mai ausgearbeitet. Bis dahin gilt die aktuelle Verordnung. Dass danach auch die anderen Jahrgänge in die Schule zurückkehren, findet der Schulleiter problematisch. Mit mehr Schülern könne man den Sicherheitsabstand nicht einhalten. „Für die Zeit danach ist alles sehr spekulativ“, sagt er. Nur so viel stehe fest: „Die mündlichen Abiturprüfungen werden definitiv stattfinden.“

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