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Feierlichkeiten während des Arabischen Frühlings in Libyen im Jahr 2011.
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Feierlichkeiten während des Arabischen Frühlings in Libyen im Jahr 2011.

Nachruf

Liebhaber der arabischen Welt

  • Karin Dalka
    vonKarin Dalka
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Der Nahost-Korrespondent Martin Gehlen ist gestorben – ein Nachruf von Karin Dalka.

Für Libyen könnte dieser Februar zum historischen Monat werden“, schrieb Martin Gehlen vor einigen Tagen in einem Leitartikel der Frankfurter Rundschau. Es gebe erstmals eine realistische Chance, unter das blutige Chaos, das die nordafrikanische Nation seit ihrem Versuch der Selbstbefreiung plage, einen Schlussstrich zu ziehen. Und tatsächlich einigten sich die Kriegsparteien kurz darauf unter Vermittlung der Vereinten Nationen auf eine Übergangsregierung.

Ob das Land tatsächlich die Wende schafft, das wird Martin Gehlen nicht mehr erleben. Es war sein letzter Leitartikel für die FR. Der Journalist, der als Nahost-Korrespondent für viele deutschsprachige Medien die Entwicklung des Landes wie der ganzen Region viele Jahre lang beobachtet und fundiert analysiert hatte, ist im Alter von 64 Jahren überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. Ein Jahr vor seiner Pensionierung, wie seine Frau, die Fotografin Katharina Eglau, der FR berichtete.

Gehlen war einer der besten Kenner der arabischen Welt – und, wenn man so sagen darf, einer ihrer Liebhaber. 2008 war er mit Eglau nach Kairo gezogen. Den Beginn des Arabischen Frühlings im Dezember 2010 erlebte er vom ersten Tag an mit. „Fasziniert verfolgte die Welt, wie ein arabisches Volk nach dem anderen versuchte, ihre Diktatoren abzuschütteln“, schrieb Gehlen kürzlich in seiner Zehn-Jahres-Bilanz. Von dem kollektiven Aufbegehren fasziniert – das war er offenbar auch selbst. Und ebenso ernüchtert wie alle, die das Scheitern der Bewegung erleben mussten: „Zehn Jahre später ist alle Euphorie verflogen.“

Martin Gehlen.

Messerscharf kommentierte Gehlen die Gründe dafür: die Macht skrupelloser arabischer Autokraten, die sich die Gefolgschaft ihrer Landsleute „mit staatlichen Wohltaten aus der Gießkanne“ erkaufen, und die überdimensionierten Sicherheitsapparate. Aber auch Europas Nahost- und Nordafrikapolitik, die mit Milliardengaben die politischen Strukturen zementiert. Dabei prangerte er wieder und wieder die Rüstungsgeschäfte des Westens und die üppigen Infrastrukturhilfen für Ägypten an – „trotz brutalster Tyrannei“. Die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit trieb ihn fort aus Kairo: Seit 2017 berichtete er aus Tunis.

Bei aller Ernüchterung - sein Elan nahm keinen Schaden. Im Gegenteil. „Jeden Morgen hat er überlegt, was er den Redaktionen in Deutschland als Text anbieten soll“, erzählt Eglau - in Zeiten, in denen Corona alle Nachrichten zu dominieren scheint. Tatsächlich war er einer der seltenen Vielschreiber, bei denen Quantität und Qualität kein Widerspruch sind. Ob schnelle Nachricht, Reportage oder Kommentar - er beherrschte alle Formate.

Gehlen wurde 1956 in Düsseldorf geboren. Er studierte in Münster Biologie, katholische Theologie und Nordamerikawissenschaften. Während Studienaufenthalten an der Harvard-Universität, der Hebräischen Universität Jerusalem und bei Science Po in Paris widmete er sich dem Verhältnis von Religion und Politik und promovierte 2004 am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt. In seiner Dissertation untersuchte er den Einfluss von privaten Thinktanks auf die US-Sozialpolitik.

Gehlen arbeitete nach seinem Volontariat an der Deutschen Journalistenschule bei der „Südwest Presse“ in Ulm und beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Als Nahost-Korrespondent war er für mehrere deutsche Qualitätsmedien und auch für österreichische und Schweizer Zeitungen tätig.

Gefragt war aber nicht nur Gehlens Expertise. Geschätzt wurde er auch als sympathischer Kollege. Alle, die ihn näher kannten, beschreiben ihn als integer, uneitel, herzlich und humorvoll. Auch der Redaktion der Frankfurter Rundschau wird er schmerzlich fehlen.

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