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Szene in der Synagoge in Frankfurt/Oder.

Antisemitismus in Brandenburg

Lieber ohne Hut und Kippa

In Brandenburg beklagt der neue Landesrabbiner eine „antisemitische Stimmung“. Mit Kippa oder Hut geht er nicht mehr auf die Straße. Die Behörden reagieren mit Befremden.

Von Annett Heide, Katrin Bischoff und Andrea Beyerlein

Er ist der neue Landesrabbiner in Brandenburg. Shaul Nekrich betreut seit vier Wochen sechs jüdische Gemeinden im Land. Der 31-Jährige ist kein ängstlicher Mann, doch mit Kippa oder Hut geht er nicht mehr auf die Straße. Aus Sicherheitsgründen. Und auch seinen Studenten am Berliner Rabbinerseminar rät er, bei ihrer Arbeit in Brandenburg keine Kippa zu tragen.

Herrscht in Brandenburg eine antisemitische Stimmung? „Ich denke schon, auch wenn meine Erfahrung noch nicht sehr lang ist. Ich höre die Geschichten aus den Gemeinden. Die Leute trauen sich nicht, als Jude erkenntlich auf die Straße zu gehen. Auf Veranstaltungen weisen wir nur noch per E-Mail hin. In Bernau wurde das Gemeindehaus schon mehrmals mit Hakenkreuzen beschmiert“, sagt er.

Zwischenfall in der Bahn

Als Nekrich vor drei Jahren begann, am Berliner Rabbinerseminar jüdisches Recht zu lehren, hielt er einen Vortrag in der Jüdischen Gemeinde in Brandenburg. Abends um acht ging er zur Bahn. Die Kippa und den Hut trug er nicht, er hatte von Neonazis in der Zeitung gelesen. Das Abteil, in das er stieg, war fast leer, bis auf vier angetrunkene junge Männer mit kurzem Haar. „Ich sage nicht, dass es Neonazis waren“, sagt Nekrich, „aber sie hatten sehr kurzes Haar.“ Er setzte sich und schlug ein Gebetsbuch auf, das in Hebräisch geschrieben war. Einer der Männer stand auf und kam auf ihn zu. Er zog ihm das Buch aus der Hand. Hey, das ist ja Hebräisch, habe er den anderen zugerufen und das Buch auf den Boden geworfen. Nekrich wartete still bis zur nächsten Station, hob dann schnell sein Buch auf, stieg aus und fuhr per Taxi nach Hause.

Durch Berlin dagegen bewegt sich Nekrich mit Kippa und Hut, er fühlt sich sicher. Aber in Brandenburg sei das zu gefährlich, „wenn man keinen Kampfsport beherrscht“.

Ministerin sucht Gespräch

Im Land Brandenburg sorgen die Äußerungen des Rabbiners für Befremden. „Die Landesregierung tut alles dafür, dass jüdisches Leben wieder zum Alltag Brandenburgs gehört und Toleranz gegenüber jedermann geübt wird“, sagt die Sprecherin des für die Förderung von Religionsgemeinschaften zuständigen Kulturministeriums, Antje Grabley. Ministerin Martina Münch (SPD) werde das Gespräch mit dem Rabbiner suchen. Grabley verwies auf eine Studie aus dem Jahr 2009, derzufolge antisemitische Tendenzen im Vergleich aller Bundesländer in Brandenburg am geringsten ausgeprägt seien.

Nach Informationen aus dem Landeskriminalamt in Eberswalde gab es 2009 insgesamt 109 Delikte mit antisemitischem Motiv in Brandenburg. Im ersten Halbjahr 2010 waren es 42. Die Tendenz sei rückläufig, heißt es.

Der Politikwissenschaftler Gideon Botsch vom Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam sagt: „Juden, die die Kippa oder traditionelle Kleidung tragen, laufen leider immer Gefahr, angepöbelt zu werden. Dass ist kein Brandenburger Problem. Das kann einem auf dem Kudamm ebenso passieren wie in Bayern.“

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