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Lieber Christian Lindner!

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Von: Stephan Hebel

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Hat seltsame Anekdoten auf Lager: FDP-Chef Lindner.
Hat seltsame Anekdoten auf Lager: FDP-Chef Lindner. © afp

FR-Autor Stephan Hebel neigt zur Hysterie. Deshalb möchte er FDP-Chef Christian Lindner Danke sagen für seine Bäckerei-Anekdote vom illegalen Ausländer. Ein Brief.

Lieber Christian Lindner,

es ist Zeit, Danke zu sagen, und ich möchte meinen Dank mit einem Geständnis verbinden: Ich neige zur Hysterie. Ich habe quasi keine ruhige Minute, wenn ich nicht hysterisch bin.

Gerade habe ich wieder ein schweres Wochenende hinter mir: Beim Bäcker alles freundlich, warmes Wetter, vor Gewittern habe ich dummerweise keine Angst, und sich vor Ausländern fürchten, wenn weit und breit keiner zu sehen ist, das wird auf die Dauer langweilig. Aber das Schlimmste war mein eigener Fehler: Ich habe Ihre Rede beim FDP-Parteitag nicht gehört.

Hochqualifizierter Bayer oder Alexander Dobrindt?

Hätte ich am Sonntagmorgen schon gewusst, was einem beim Brötchenkaufen alles passieren kann – ich hätte einen wunderbaren Hysterie-Anfall bekommen. Erst dieser Typ mit der Managerdarsteller-Brille, der unbedingt „Semmeln“ wollte: Sie sagen ja zu Recht, jeder normale Mensch in der Schlange wolle sicher sein, dass der Kunde neben ihm „rechtschaffen ist und sich legal hier aufhält“. Und prompt werde ich noch nachträglich aufs Angenehmste hysterisch: Vielleicht war das ja doch kein hochqualifizierter Bayer, sondern der Dobrindt!

Dann noch der Kerl mit dem Bauch und der Glatze, offenbar noch ungewaschen, Jogginghose: Vielleicht pädophil? Nein, das war ich, im Bäckerei-Spiegel, aber erschrocken bin ich natürlich trotzdem. Tat gut!

Ja, ich weiß, das meinten Sie alles nicht. Sie wollen, dass ich mich nur vor Ausländern fürchte. Genau genommen nur vor unqualifizierten, also illegalen Ausländern. Aber an dieser Stelle müssen Sie mir ein kritisches Wort gestatten.

Ich nehme mal ein Beispiel: Wenn ich als Fußgänger am Zebrastreifen stehe und es kommen Autos, dann kann ich nicht unterscheiden, welches halten wird und welches nicht. Also fürchte ich mich lieber vor allen Autos und taste mich ganz vorsichtig auf die Straße.

Warum, bitte, soll das mit den Ausländern anders sein: Was soll ich lang überlegen, ob der Dunkle IT-Spezialist oder nur geduldet ist, also Terrorist? Da fürchte ich mich lieber gleich vor allen, und ehrlich gesagt: Ich glaube, das war es auch, was Sie meinten.

Was mich ein bisschen enttäuscht: Sie sagen, wer Ihnen Rechtspopulismus oder Rassismus unterstelle, sei „ein bisschen hysterisch unterwegs“. Sind Sie jetzt plötzlich doch gegen Hysterie?

Mit den besten Grüßen aus der FR-Redaktion

Ihr Stephan Hebel

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