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Von: Martin Benninghoff

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Ende August 1992 demonstrieren zahlreiche Menschen in Lichtenhagen gegen Rassismus.
Ende August 1992 demonstrieren zahlreiche Menschen in Lichtenhagen gegen Rassismus. © Stock&people/Imago

Es könnte so schön sein: Rostock, die altehrwürdige Hanse- und Ostseestadt mit exklusivem Meerblick. Doch seit dem 22. August 1992 steht die Hafenstadt auch für das Hässlichste, das Deutschland hervorbringen kann: für Hass, Brandstiftung und die Hatz auf Einwanderinnen und Einwanderer. Die Ausschreitungen im Stadtteil Lichtenhagen gegen die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerberinnen und Asylbewerber und ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter:innen bleiben ein Fanal für den entfesselten Rechtsradikalismus im wiedervereinigten Deutschland.

Rostock steht in einer Reihe mit Hoyerswerda, Mölln und Solingen, wo sich ebenfalls der Hass entlud, und hat sich doch besonders tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt - auch wegen der Fernsehbilder, die die Menschenjagd dokumentierten. Mehrere hundert Randalierer und Randalierinnen zogen durch die Plattenbausiedlung und steckten ein Wohnhaus an, in dem sich noch mehr als 100 Menschen befanden. Wie durch ein Wunder starb niemand, doch der Schock über die entfesselte Gewalt und die Ohnmacht angesichts der Vielzahl applaudierender Zaungäste sitzt bei den Betroffenen tief, bis heute.

Rostock reicht nicht nur deshalb über die Tage im August 1992 hinaus. Rostock steht auch für Politikerinnen und Politiker, die beschwichtigten und sich in erster Linie um das Ansehen Deutschlands in der Welt sorgten, aber kaum um das Wohl der Opfer. Rostock steht für eine politische Debatte, in der nicht vor allem dem Rechtsextremismus der Kampf angesagt wurde, sondern dem Asylrecht. Und Rostock steht für das Versagen der Polizei, die sich angesichts des marodierenden Mobs zurückzog. Die Linie der rechtsextremen Gewalt und des Elitenversagens lässt sich bis in die Gegenwart, zu den NSU-Morden und den tödlichen Schüssen auf den Politiker Walter Lübcke oder den Menschen in Hanau weiterziehen.

Es wäre dennoch nicht fair, so zu tun, als habe sich nichts geändert. Während die Geschädigten von Rostock nahezu namenlos blieben und von der Politik kaum Empathie erwarten konnten, so stehen die Namen der Hanauer Opfer rechten Terrors in der Öffentlichkeit und dem Mittelpunkt der Aufarbeitung. Der Diskurs seitens der Politik hat sich spürbar vermenschlicht, dennoch braucht es nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, was heutzutage in den sozialen Netzwerken, den rechtsradikalen Blogs und den Chats rechter Parteien los wäre. 30 Jahre nach Rostock sitzt mit der AfD eine solche Partei im Bundestag, die im Osten der Republik besonders stark ist - in Mecklenburg-Vorpommern zweitstärkste Kraft.

Für Entwarnung gibt es keinen Grund. Der Jahrestag der Ausschreitungen gibt vielmehr Anlass, über die geschichtliche Betrachtung hinaus die Frage nach der Gegenwart zu stellen - ob wir aus den Ereignissen gelernt haben. Auf dieser und den folgenden Seiten lesen Sie eine Reportage aus Rostock, geschrieben von unserer Autorin Bascha Mika, die vor 30 Jahren aus der Stadt berichtete und nun wieder dorthingefahren ist. Der Verlauf der Ausschreitungen wird in einer ausführlichen Chronik dargestellt. In den kommenden Ausgaben widmen wir uns der politischen Verantwortung und gehen unter anderem der Frage nach, wie weit der Kampf gegen den Rechtsextremismus Lehren aus Rostock beherzigt.

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