Libysche Pathologen öffnen Massengräber im vormaligen Kampfgebiet bei Tripolis.
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Libysche Pathologen öffnen Massengräber im vormaligen Kampfgebiet bei Tripolis.

Nordafrika

Libyens viele Schlachtfelder

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Was braut sich in Libyen zusammen? Von Paris bis Moskau, von Kairo bis Rom scheint die halbe Welt von dem grausamen Bürgerkrieg rund um die Große Syrte zu profitieren.

  • Die strategischen Karten in Libyen werden neu gemischt
  • Eine direkte Konfrontation nahöstlicher Regionalmächte scheint nicht mehr ausgeschlossen
  • Welche Länder welche Rollen in Libyen spielen

Nach dem Scheitern des Feldzugs von Chalifa Haftar gegen Tripolis werden die strategischen Karten in Libyen neu gemischt. Der Ton zwischen den externen Verbündeten der libyschen Kriegsparteien wird immer schriller. Eine direkte Konfrontation nahöstlicher Regionalmächte scheint nicht mehr ausgeschlossen. Was braut sich in Libyen – vor den Toren Europas – zusammen? Fragen und Antworten zur Lage:

Wie ist die Kriegssituation in Libyen?

Haftars sogenannte Libysche Nationalarmee (LNA) hat sich nach ihrer Niederlage vor Tripolis nach Osten zurückgezogen. Auf dem Vormarsch sind nun die Milizen und Söldner der „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ (GNA) aus Tripolis. Die Front verläuft derzeit zwischen der Küstenstadt Sirte und der Oase Al-Jufra im Süden. Damit befinden sich die wichtigsten Ölfelder und Exportpipelines Libyens weiterhin in der Hand Haftars.

Libyen: Welche Strategie verfolgt die Türkei als Verbündete von Tripolis?

Recep Tayyip Erdogan hat mehrere Ziele im Auge: Im Westen Libyens will er zwei permanente Militärbasen etablieren, in Mittellibyen den Öl-Halbmond unter seine Kontrolle bringen und im Mittelmeer sich mit Hilfe von Tripolis einen Korridor zur Förderung von Gasvorkommen sichern. Den Fliegerhorst Al-Watiyah nahe der Grenze zu Tunesien möchte Ankara künftig als festen Luftwaffenstandort nutzen und Misrata als Marinestützpunkt. Durch eine Eroberung von Sirte und Al-Jufra kämen auch die wichtigsten Ölanlagen Libyens in Reichweite Ankaras, was Ägyptens Militärherrscher Abdel Fattah al-Sisi in der vorigen Woche zur „roten Linie“ erklärte, deren Überschreitung unabsehbare Folgen haben kann. Wo auch immer diese Linie tatsächlich gezogen wird – „die Türkei ist zur dominierenden Macht in Westlibyen geworden und Russland zum wichtigsten Schutzherrn Haftars“, schreibt der Libyen-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Wolfram Lacher. Damit eröffne sich für Russland und die Türkei die Möglichkeit, „Libyen unter sich in Einflusszonen aufzuteilen“.

Libyen: Wie reagieren Ägypten, die Emirate und Frankreich als Verbündete Haftars?

Al-Sisi stimmte seine Armee kürzlich erstmals auf einen möglichen Kriegseinsatz in Libyen ein, auch um sein Land in dem regionalen Machtpoker im Spiel zu halten. „Seid bereit für jegliche Mission innerhalb unserer Grenzen – oder wenn nötig außerhalb unserer Grenzen“, sagte der Ex-Feldmarschall beim Besuch einer Kaserne unweit der libyschen Grenze. Als Anlass für eine „direkte Intervention“ nannte Sisi den Fall von Sirte und Al-Jufra. Ihm geht es vor allem darum, die poröse, 1200 Kilometer lange Westgrenze zu Libyen zu sichern und das Einsickern von Terrorgruppen zu verhindern. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dessen Land als einzige europäische Nation Haftar unterstützt, äußerte Verständnis für die Sorgen Kairos und warf der Türkei vor, ein „gefährliches Spiel“ zu betreiben. „Ich möchte Libyen nicht in einem oder in zwei Jahren in derselben Lage sehen wie heute Syrien“, ließ Macron wissen.

Welche Rolle spielt Russland in Libyen?

Moskau löste mit dem plötzlichen Abzug seiner 1200 Wagner-Söldner den Kollaps von Haftars Offensive aus – das war offenbar mit Ankara abgestimmt. Die russischen Einheiten galten als Rückgrat der Angreifer und sind jetzt auf dem Militärflugplatz Al-Jufra zusammengezogen, wo seit einigen Wochen auch russische Kampfjets stationiert sind. Ziel des Kreml könnte sein, mit der Türkei eine ähnlich ambivalente Kooperation aufzuziehen wie in Syrien. Das gäbe Moskau die Möglichkeit, beide Kriegsschauplätze miteinander zu verknüpfen, zum Beispiel türkische Konzessionen im syrischen Idlib zu fordern und dafür Zugeständnisse bei Sirte und den libyschen Ölregionen anzubieten.

Libyen: Welche Rolle spielen Deutschland und Europa?

Europa ist bei Libyen gespalten. Während Frankreich de facto auf der Seite Haftars steht und die EU ultimativ aufgefordert hat, ihr Verhältnis zur Türkei „ohne Tabus“ zu überdenken, hält Italien engen Kontakt zu Tripolis. Zusammen mit seinem deutschen Amtskollegen Heiko Maas hat der italienische Außenminister Luigi di Maio an die Konfliktparteien appelliert, die veränderten Kräfteverhältnisses zu nutzen und Friedensverhandlungen in Gang zu bringen. Doch die Aussichten sind gering, vor allem weil das auf der Berliner Libyen-Konferenz vereinbarte Waffenembargo nicht funktioniert. Die Luftbrücke für Kriegsgerät von den Emiraten nach Ostlibyen steht weiterhin. Und bei der bisher einzigen Kraftprobe auf dem Mittelmeer wurde die französische Fregatte „Le Courbet“, die einen verdächtigen Frachter kontrollieren wollte, von zwei türkischen Kriegsschiffen zum Abdrehen gezwungen. (Martin Gehlen)

Die EU soll die türkische Waffenhilfe für Libyen und Ankaras andere Offensiven im Mittelmeer unterbinden. Während Frankreichs Diplomaten sich in der großen Syrte verrennen.

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