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Liberty Alliance: Rechtsradikaler Verein in den USA erstellt „Woke-Landkarte“

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Von: Johanna Soll

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In den USA ziehen rechte Organisationen gegen „woke“ Schulbücher zu Felde © Peter Wixtröm / Imago Images

Ziel des rechtsextremen Vereins Liberty Alliance ist es, „die verrückten Aktionen der radikalen Linken aufzudecken“. Dazu wurde eine Online-Landkarte erstellt.

Jefferson City – Es ist gerade einmal knapp über zwei Wochen her, dass ein Rechtsterrorist zehn Afroamerikaner:innen in einem Supermarkt in Buffalo im US-Bundesstaat New York erschoss und etwa eine Woche, dass ein Amokläufer neunzehn Schulkinder und zwei Lehrerinnen in Uvalde, Texas tötete. Das hält eine rechtsextreme Organisation im Bundesstaat Missouri indes nicht von folgendem ab: einer Online-Landkarte, die ihre Anhänger auf „Hot Spots“ sogenannter „Woke“-Aktivitäten in dem Südstaat aufmerksam macht.

Diese verstörende Landkarte wolle die Liberty Alliance (Freiheitsallianz) laut ihrer Website dazu nutzen, um „gegen die Woke-Agenda anzukämpfen, die ganz Missouri durchdringt.“ Bisher weist die Karte zwölf Standorte aus, allesamt Bildungseinrichtungen – Schulen, Schulbezirke und eine Universität. Die Standorte auf der Landkarte sind mit Artikeln, Videos und Tweets verknüpft, in denen den Einrichtungen vorgeworfen wird, Critical Race Theory zu lehren und Diversitätstraining durchzuführen.

Liberty Alliance: Rechtsradikaler US-Verein will „die verrückten Aktionen der radikalen Linken aufdecken“

Critical Race Theory, kurz CRT, ist eine Theorie im Rahmen der US-amerikanischen Rechtswissenschaft seit Mitte der 70er Jahre, die untersucht, wie Rassismus durch Politik und Gesetze aufrechterhalten wird. Sie besagt im Wesentlichen, dass Rassismus nicht nur ein Problem von Vorurteilen Einzelner ist, sondern überdies ein strukturelles Problem, das in vorgeblich neutralen Gesetzen und staatlichen Institutionen verankert ist. CRT wird nicht an Schulen unterrichtet, sondern ist ein Wahlfach für Jurastudenten und -studentinnen – und ein „Strohmann“ für die amerikanische Rechte: Unter dem Schlagwort „CRT“ fassen diese alles zusammen, was mit Antirassismus sowie den rassistischen Aspekten der US-Geschichte und Gegenwart zu tun hat und pervertieren somit die eigentliche Bedeutung der Theorie.

Auf der Website der Liberty Alliance heißt er ferner: „Der erste Schritt, um sich zu wehren, besteht darin, die verrückten Ideen der Woken aufzudecken – von der Critical Race Theory bis hin zur Verführung von Kleinkindern mit sexuell expliziten Büchern. Aus diesem Grund haben wir offiziell die Woke Heat Map gestartet – ein interaktives Tool, das entwickelt wurde, um die verrückten Aktionen der radikalen Linken aufzudecken. Diese Karte warnt die Bevölkerung Missouris vor Verrücktheit, die in ihren eigenen Gemeinden vor sich geht.“ Rechte Republikaner:innen haben bereits in einigen Bundesstaaten Gesetze erlassen, die „woke“ Lehrinhalte untersagen und entsprechende Schulbücher verbieten.

Der Vorstand der Liberty Alliance spricht von „Gender-Extremismus“ und „wokem Extremismus“

Allerdings ist die Karte nicht wirklich „interaktiv“, wie behauptet wird. Stattdessen werden Nutzerinnen und Nutzer angehalten, mit der Organisation in Verbindung zu treten, indem sie ein Online-Formular auf der Webseite ausfüllen, um so „woke Hot Spots“ für die Karte zu melden.

Der US-Rechtsanwalt Ron Filipkowski, der sich der Beobachtung der amerikanischen Rechten widmet, postete auf Twitter ein Video mit Spencer Bone, dem Vorstand der Liberty Alliance, die als gemeinnütziger Verein und als politisches Aktionskomitee eingetragen ist. Darin schwärmt der junge Mann von seinem Verein, der „jede verrückte Aktion eines verrückten Linken“ verfolge. Bone spricht von „Gender-Extremismus“ und „wokem Extremismus“. In der Art, wie sein Gesprächspartner auf ihn eingeht, erinnert die Unterhaltung an ein Werbegespräch auf einem Teleshopping-Kanal.

Da ist es nicht verwunderlich, dass einige von Filipkowskis Twitter-Follower:innen das Video lustig finden. Doch die meisten sind eher beunruhigt – insbesondere angesichts der wachsenden Zahl von Schusswaffenmassakern in den USA. Laut dem US-Schuss­waf­fen­ge­walt­ar­chiv, dem Gun Violence Archive, zählt dieses Jahr bereits mehr Mas­sen­schie­ße­rei­en als Tage. In den USA ist dann von einer Mas­sen­schie­ße­rei die Rede, wenn min­des­tens vier Men­schen ver­letzt oder getö­tet wer­den, den Schüt­zen oder die Schützin nicht mitgerechnet. So wurden bei dem jüngsten Fall in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma vier Menschen getötet, als ein Angreifer in ein Krankenhaus stürmte und um sich schoss.

Für rechtsradikale potenzielle Täter:innen liefert die „Woke-Landkarte“ der Liberty Alliance die Standorte und die Gründe gleich mit, weitere Massaker anzurichten, weil die Lehrinhalte an den ausgewiesenen Bildungseinrichtungen ihrer rechtsnationalen Ideologie zuwiderlaufen. Wie in Texas ist es auch in Missouri erlaubt, Schusswaffen ab dem 18. Lebensjahr zu kaufen, einschließlich halbautomatischer Gewehre, wie sie in Buffalo, bei dem jüngsten Amoklauf in Uvalde (Texas) und bei so vielen weiteren Schusswaffenmassakern von den Tätern eingesetzt wurden. (Johanna Soll)

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