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Wenn auch zögerlich, es ist ein Blick nach vorn: Vor etwa drei Jahren, im März 2016, kehrten die ersten Bewohner wie diese Frau wieder in ihre zerstörten Häuser in Cizre zurück.

Türkei

Leyla Imrets Kampf für die Rechte der Kurden

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Eine Begegnung mit der jungen Ex-Bürgermeisterin von Cizre.

Die Gäste per Handschlag begrüßen: Das gehört eigentlich nicht zu den Gepflogenheiten im Bremer Restaurant „Tendüre“. Aber wenn Leyla Imret kommt, ist das anders. Kaum hat die 31-Jährige das kurdische Lokal betreten, da schüttelt der Ober ihr schon die Hand und wechselt ein paar freundliche Worte mit ihr, natürlich auf Kurdisch. Dabei kennt sie ihn gar nicht. Aber er kennt sie. Denn die schmächtige junge Frau mit dem türkischen Pass, die einen Großteil ihres bisherigen Lebens im Raum Bremen verbracht hat, ist nicht irgendwer, sondern hat sich einen Namen gemacht. Viele Kurden verehren sie, in der Türkei ebenso wie in Deutschland. Und das liegt an ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte, die sogar schon verfilmt wurde. Die Regisseurin Asli Özarslan widmete Leyla Imret die Dokumentation „Dil Leyla“.

Die Kurzfassung ihrer Vita klingt so: Leyla Imret ist die Tochter eines erschossenen PKK-Aktivisten. Mit nur 26 Jahren wird sie zur Bürgermeisterin einer türkisch-kurdischen Großstadt gewählt. Aber nach anderthalb Jahren jagt die Regierung sie aus dem Amt. Mehrfach wird sie eingesperrt, bis sie schließlich nach Deutschland flieht. Jetzt streitet sie aus der Ferne für die Rechte der Kurden – und wurde dafür im Dezember 2018 mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrt.

Es lohnt sich aber auch, die Langfassung ihrer Vita zu erfahren. Denn die selbstbewusste Frau hat in ihrem jungen Leben ungewöhnlich viel erlebt. Fast drei Stunden braucht sie, um bei Lammkoteletts und Kaffee ihre Lebensgeschichte zu erzählen und die Lage der Kurden zu beleuchten.

Stillhalten hieße unglücklich werden – also kämpft Leyla Imret weiter.

Im Juni 1987 kam sie in Cizre zur Welt, einer Großstadt an der türkisch-syrischen Grenze, in der vor allem Kurden leben. Sie wurde hineingeboren in eine Zeit der blutigen Kämpfe zwischen dem türkischen Staat und der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, die sich gegen die Diskriminierung der Kurden auflehnte. Leyla war noch keine vier Jahre alt, da starb ihr Vater 1991 als PKK-Aktivist bei einem Gefecht. So jedenfalls hat man es ihr später erzählt; sie selbst erinnert sich nicht mehr an ihn. Nur manchmal gebe es Momente, in denen sie sein Gesicht vor Augen hat.

Bloß weg hier: Das war der Wunsch ihrer plötzlich verwitweten Mutter. Am besten nach Deutschland, wo bereits Verwandte wohnten, Leylas Onkel und Tante in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. Letztlich klappte es nur bei Leyla, Mitte 1996, rund um ihren neunten Geburtstag.

Aus der türkischen Großstadt in die niedersächsische Kleinstadt: ein mittlerer Kulturschock. Aber Leyla Imret fand ihren Weg, absolvierte erst eine Ausbildung zur Kinderpflegerin, dann zur Friseurin. Doch die Sehnsucht blieb, vor allem die Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern. „Mein Herz wollte zurück nach Cizre“, sagte sie früher mal.

In der Türkei hatte sich der Kurdenkonflikt inzwischen etwas entspannt, und im Herbst 2013 zog Leyla Imret in ihre alte Heimat zurück, in ihren Geburtsort Cizre. „Für mich war das erst eine fremde Stadt“, erzählt sie. Und für die Kinder auf der Straße war sie eine fremde Frau: naturblond statt schwarzhaarig. Aber: „Die Menschen waren so warmherzig, als ob ich schon immer dort gelebt hätte.“ Leyla Imret, die Tochter eines als Märtyrer verehrten Aktivisten: Das öffnete bei vielen die Herzen.

„Auch für mich war mein Vater ein Held, und er ist es immer noch“, sagt sie. „Wie er wollte auch ich etwas für die Menschen und die Stadt tun – aber auf einem politischen Weg, einem legalen Weg.“ Zufällig standen damals gerade Kommunalwahlen bevor. Imret nutzte die Gelegenheit und ließ sich als Bürgermeisterkandidatin aufstellen, von der kurdischen BDP, einer Art Schwesterpartei der bekannteren HDP.

Ahnung hatte sie zwar nicht – aber Ideen: die Trinkwasserversorgung verbessern, eine Kläranlage bauen, ein Kulturhaus errichten, Frauenprojekte starten, Spielplätze und Grünflächen anlegen wie in Deutschland: „Es war alles so grau und trocken.“ Und tatsächlich: Im Frühjahr 2014, kein halbes Jahr nach ihrer Rückkehr, wurde sie zur Bürgermeisterin gewählt. Mit 83 Prozent der Stimmen – sie konnte es selbst kaum fassen. Das hing sicher auch mit dem Ruf ihres Vaters zusammen, sagt sie – und fügt nicht ohne Stolz hinzu: „Aber ich habe auch eine gute Kampagne geführt.“

Anderthalb Jahre nach ihrer Wahl wurde sie zum ersten Mal verhaftet

Mit nur 26 Jahren zur Lenkerin der Geschicke einer 110 000-Einwohner-Stadt zu werden – das verdankte sie auch der Gleichstellungspolitik ihrer Partei. Denn die BDP stellte als Bürgermeisterkandidaten immer einen Mann und eine Frau als Tandem auf, und wenn sie gewählt wurden, dann teilten sie sich die Arbeit. „Auch ich hatte noch einen Herrn neben mir“, sagt Imret. In rund hundert anderen Rathäusern der Gegend lief es genauso. Offiziell, so Imret, war ein Zweier-Team natürlich nicht erlaubt. Deshalb war nur sie die amtliche Rathauschefin, der Mitgewählte firmierte als Stellvertreter. „Das war eigentlich eine Revolution für uns: So viele Frauen in der Kommunalpolitik!“ Sogar die AKP, also die Partei von Recep Tayyip Erdogan, habe ihr gratuliert, wundert sich die Exil-Kurdin heute. „Aber 2015 hat Erdogan auf einmal den Friedensprozess-Dialog mit der PKK beendet.“ Die Kämpfe flammten wieder auf, es gab Tote und Verletzte.

Cizre liegt im Südosten der Türkei: Jahrelang kämpften hier Armee und Rebellen.

Und dann, am 11. September 2015, wurde auch Leyla Imret von der Geschichte eingeholt. Rund anderthalb Jahre nach ihrer Wahl wurde die Bürgermeisterin von der türkischen Regierung ihres Amtes enthoben. Zugleich, so sagt sie, wurde ein Strafverfahren gegen sie eröffnet: wegen angeblicher Aufwiegelung des Volkes zum bewaffneten Aufstand und wegen Propaganda für eine Terrororganisation. Der Anlass war nach ihren Worten ein früheres Interview, in dem die Strafverfolger eine Aufforderung zum Bürgerkrieg erkennen wollten – völlig zu Unrecht, wie sie findet. Die Amtsenthebung, habe zunächst für drei Monate gegolten, werde aber bis heute immer wieder verlängert. Zunächst habe ihr Stellvertreter die Amtsgeschäfte übernommen, „aber die Entscheidungen haben wir trotzdem zusammen getroffen“. Ein Jahr später, wieder an einem 11. September, sei dann ein Zwangsverwalter eingesetzt worden, und sie habe gar nichts mehr für ihre Stadt tun können. „Aber ich sehe mich immer noch als Bürgermeisterin, denn ich bin bis Ende März 2019 gewählt.“

Nach Amtsenthebung und Anklage machte die Bürgermeisterin schließlich unangenehme Bekanntschaft mit der Polizei: Dreimal innerhalb eines Jahres, erzählt sie, wurde sie vorübergehend festgenommen, mal für Stunden, mal für mehrere Tage. Etwa, weil sie trotz Ausgangssperre auf die Straße gegangen sei, um Verletzten zu helfen. In der Polizeizelle habe sie Folteropfer gesehen: „Jugendliche mit blauem Auge und blutiger Nase.“ Sie selbst wurde „einigermaßen korrekt“ behandelt. Vielleicht aus Respekt vor ihrem Amt. „Aber sie hatten nie genug Beweise, um mich festzuhalten.“ Als die Polizisten sie im Herbst 2016 ein viertes Mal abholen wollten, war sie gerade nicht zu Hause – und beschloss, auch nicht zurückzukehren. „Ich hatte inzwischen das Vertrauen in die Justiz verloren. Es gab keine unabhängige Justiz mehr.“

Ein Drittel ihrer Heimatstadt sei zerstört worden, während ihrer Zeit in Cizre habe das Militär 290 Menschen „ermordet“, wie sie es nennt. „Ich konnte keinen Tod verhindern. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.“

Nun begann das nächste Kapitel ihrer Vita: Schlepper lotsten sie in den benachbarten Irak. „Ich hatte Angst, dass man mich erwischt“, sagt die sonst so mutig wirkende Frau. Doch sie trug immer noch Hoffnung in sich: Neun Monate blieb sie im Irak, um abzuwarten, wie sich die Lage daheim entwickeln würde. „Sie entwickelte sich negativ.“ Da besann sie sich ihres unbefristeten Aufenthaltstitels für Deutschland und kehrte Mitte 2017 zurück in ihre zweite Heimat. Vorsichtshalber, man weiß ja nie, beantragte sie zusätzlich Asyl. Und bekam es auch.

Sie will Politik machen, wenn nicht in Cizre, dann eben in Deutschland

Und jetzt? Jetzt will Leyla Imret ihr Abitur nachholen und dann Politik- und Verwaltungswissenschaften studieren. Das kann nicht schaden, denn sie möchte weiterhin als Politikerin arbeiten. Am liebsten in der Türkei, falls sie das irgendwann wagen kann. Und sonst eben in Deutschland.

Bis dahin nutzt sie ihre Bekanntheit, um sich aus der Ferne für die Sache der Kurden einzusetzen. Sie ist eine von zwei Vorsitzenden der HDP Deutschland. Sie fliegt nach Straßburg, um vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof Zeugnis abzulegen über die Militärübergriffe in Cizre. Sie reist nach Den Haag zu einem Vorbereitungstreffen für die nächsten türkischen Kommunalwahlen. Sie besucht hungerstreikende Exil-Kurden, wiederum in Straßburg. Und zwischendurch Telefonate mit ihren Leuten in Cizre. „Die Stadt ist immer noch unter Besatzung. Man fühlt sich nicht frei.“

Heute hier, morgen dort, ständig unterwegs. „Manchmal bin ich müde von dieser ganzen Hektik, dieser ganzen negativen Entwicklung“, sagt sie. „Aber ich sehe als meine Pflicht, mich weiter für diese Menschen einzusetzen. Wenn ich stillhalten würde, dann würde ich eine unglückliche Person werden.“

Fast da: Bewohner warten darauf, dass die Soldaten sie wieder in die Stadt lassen.

Ermutigung kann sie trotzdem gut gebrauchen. Die jüngste kam von der Internationalen Liga für Menschenrechte, die seit 1962 die Carl-von-Ossietzky-Medaille verleiht, im Gedenken an den Friedensnobelpreisträger, der 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft gestorben war. 80 Jahre nach Ossietzkys Tod ging die Medaille im Dezember an Leyla Imret. Bei der Verleihung in Berlin waren Worte zu hören wie „Mut“, „Entschlossenheit“, „Unbeugsamkeit“ oder „herausragendes Engagement“. Und dass der Preis auch den vielen anderen, noch inhaftierten Kurdenpolitikern gelte. Aber auch, dass er „eine Verpflichtung für uns“ sei, sich mit Leyla Imret für Frieden und Menschenrechte einzusetzen, so der Laudator Norman Paech, ein 80-jähriger Juraprofessor und Linken-Politiker im Ruhestand.

Was muss denn passieren, damit der blutige Kurdenkonflikt in der Türkei ein Ende findet? Wenn Leyla Imret auf eine solche Frage antwortet, fällt schnell der Name Abdullah Öcalan. Der Gründer und langjährige Führer der PKK, seit 1999 wegen „Hochverrats“ auf der Gefängnisinsel Imrali in Haft, er soll „mitverhandeln über den Frieden“. Und: „Für ihn müssen die Türen geöffnet werden“ – die Türen seiner Zelle. „Ich sehe die PKK nicht als Terror“, sagt Imret. Sie kritisiert deshalb auch, dass die Kurdenpartei noch immer auf der EU-Terrorliste steht. „Wenn ich mir die PKK-Geschichte ansehe, sehe ich da nur eine Selbstverteidigung.“ Eine Selbstverteidigung gegen die Unterdrückung der Kurden. Wenn sie so etwas sagt, ahnt man schon, dass ihr bald die nächste Anklage drohen könnte. Denn dass der türkische Staat ihre Aktivitäten genau verfolgt, da ist sie sich sicher. Aber sie versichert, keine Feindin ihres Vaterlandes zu sein und auch keine Terror-Sympathisantin. „Ich bin für eine friedliche Lösung. Ich bin gegen Gewalt – ob von der PKK oder von der Regierung.“

Eigentlich glaubt sie nicht mehr, „dass mit Erdogan ein Friedensprozess-Dialog zustande kommt“. Doch wer weiß, vielleicht wäre es ja hilfreich, wenn Deutschland und seine Verbündeten Druck auf den Nato-Partner Türkei ausüben würden. Das jedenfalls wünscht sich Leyla Imret. Und was ihr auch ganz wichtig ist: „Waffenlieferungen aus Deutschland – die müssen sofort gestoppt werden.“

Wenn Leyla Imret so etwas sagt, dann klingt das nicht abgedroschen – überhaupt wirkt sie weder verbissen noch verhärmt. „Innerlich bin ich natürlich voller Wut“, sagt sie, auch wenn davon in diesem Moment nichts zu spüren ist. „Aber sie werden es nicht schaffen, aus mir einen hasserfüllten Menschen zu machen.“ Und mit einem Lächeln fügt sie hinzu: „Trotz all der Sachen, die passiert sind, glaube ich immer noch, dass man mit Hass und Wut Probleme nicht lösen wird. Ich will mit Menschlichkeit und Friedlichkeit überzeugen.“

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