+
Getarnte Scharfschützen – so ähnlich müssen sich auch Homosexuelle verstellen.

Bundeswehr

Von der Leyen stellt sich hinter Homosexuelle

  • schließen

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen verordnet der Bundeswehr sexuelle Toleranz und denkt über Entschädigungen für Mobbing-Opfer nach.

Bunt ist das Bundeswehrkreuz, orange-rot-grün-blau – nicht ganz, aber fast regenbogenfarben; der Gedanke an die Fahne der Homosexuellenbewegung ist nicht fern. Und vor dem bunten Tatzenkreuz steht die Verteidigungsministerin und verkündet: „Ob Sie schwul, lesbisch, transsexuell oder heterosexuell sind, Sie sind uns herzlich willkommen!“

Ursula von der Leyen ist die erste Oberbefehlshaberin der Bundeswehr, die einen solchen Satz sagt. Es ist das Jahr 2017 und offenkundig sieht sie für den Satz Bedarf. Vor ihr sitzt die Führungsriege der Bundeswehr, angeführt von Generalinspekteur Volker Wieker.

„Schäbige Witze, herabwürdigende Bemerkungen, widerwärtiges Verhalten“ hat sie in der Truppe festgestellt beim Umgang mit Homosexuellen. Und sie nennt Beispiele: Der Fallschirmjäger, der seine sexuelle Orientierung aus Angst vor Spott verheimliche. Der Vorgesetzte, der bei Gesprächen mit einem Soldaten nach dessen Outing immer die Tür offen lasse. Der Uniformträger, der einer lesbischen Soldatin vorhält: „In ihrer Lebenssituation können sich Kinder nicht vernünftig entwickeln.“ Ein anderer, der seine lesbische Kameradin wissen lässt, dass zu einer Partnerschaft Mann und Frau gehörten, und anfügt: „Die Nation braucht deutsche Kinder.“

Das Soldatengesetz schreibe Respekt vor dem anderen vor, sagt von der Leyen, aber dennoch sei es zu häufig so, dass Homosexuelle in der Bundeswehr ihr Leben verleugnen müssten oder sich unter besonderer Beobachtung fühlten. „Wer sich nicht outen kann, unterdrückt Gefühle.“ Es entstehe Angst. „Unter Angst kann man nicht sein Bestes geben. Das können und wollen wir uns nicht leisten.“

Vorbildliche USA

Von der Leyen nennt andere Länder als Beispiel: Schweden etwa, wo auf Plakaten mit der Regenbogenfahne für die Truppe geworben werde. Großbritannien, wo die Royal Navy in den Top Ten der homosexuellenfreundlichen Unternehmen steht. Und auch die USA hat von der Leyen noch auf der Liste für positive Beispiele – in Trump-Zeiten schon etwas Besonderes. Dort habe bis 2011 in der Armee gegolten: „Don’t ask, don’t tell.“ (Frag nicht, sag nichts.) Mittlerweile sei allerdings sogar ein Flottentanker nach einem schwulen Soldaten benannt worden. Das allerdings stammt aus der Ära Obama.

In der Bundeswehr war Homosexualität lange offiziell Karrierehindernis. Vor 1980 wurden Homosexuelle „aus gesundheitlichen Gründen“ aus der Armee entlassen. Bis 1982 war schwul oder lesbisch zu sein ein Grund, die Aufnahme in die Streitkräfte zu verweigern. Der Viersternegeneral Günther Kießling verlor 1984 wegen Gerüchten um seine angebliche Homosexualität vorübergehend seinen Posten – er galt plötzlich als Sicherheitsrisiko. In einem Rundschreiben des Verteidigungsministeriums aus dem selben Jahr hieß es, Homosexualität sei „ein gesondert zu prüfendes Eignungskriterium“.

Auch wenn entsprechende Vorschriften mittlerweile abgeschafft sind, befürchten viele offenbar weiter Nachteile. Marcus Otto, Vorsitzender des Arbeitskreises homosexueller Angehöriger der Bundeswehr etwa, hat jahrelang nicht darüber gesprochen, dass er schwul ist – weil er Sprüche der Kameraden nicht einschätzen konnte. „Du weißt ja nicht, ob das ernst gemeint ist oder nur Machogehabe.“ Der Kommentar eines Rekruten zu seinem schwulen Ausbilder etwa: „So etwas hätte man in Russland erschossen.“ Bis zu einem selbstverständlichen und respektvollen Umgang sei es noch ein weiter Weg, sagt von der Leyen. Deswegen sitzen ihre Führungsleute am Dienstag bei dem eintägigen Workshop mit dem Titel „Sexuelle Orientierung und Identität in der Bundeswehr“ – unter dem bunten Kreuz.

Von der Leyen mahnt Achtsamkeit von Vorgesetzten an. Ombudsleute sollen verstärkt eingesetzt werden, um Chefversagen auszugleichen. Und dann kündigt von der Leyen noch ein Weiteres an: Bereits erlittene Schäden und Nachteile könne man nicht mehr zurücknehmen, sagt sie. Aber das Verteidigungsministerium prüfe, ob es einen „Ausgleich für erlittene Nachteile“ geben könne. Eine Entschädigung für Schwulenmobbing also. Details nennt die Ministerin nicht. (mit dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion