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60 JAHRE DANACH

In letzter Minute

Karl Wilhelm Wagner hat vor Jahren begonnen, sein Leben aufzuschreiben. Die Notizen, gedacht als eine Art literarische Autobiografie, beginnen in seinem Geburtsjahr 1922. Die hier abgedruckten Auszüge beziehen sich auf die Zeit im Frühjahr 1945, als sich der junge Soldat von seiner Truppe absetzte und unter Lebensgefahr floh.

Im Kölner Kessel (ein Gebiet, was die Amerikaner noch nicht besetzt hatten), da spielten sich meine letzten Kriegserlebnisse mit den Schergen ab...

Nachdem uns am nächsten Morgen der geschlossene Gang in die Gefangenschaft angesagt worden war, beschlossen mein Freund und ich, diesem zu entgehen. "Wenn wir Glück haben, können wir nach kurzem Nachtspaziergang bei meiner Freundin ganz gemütlich frühstücken." Nach einem Spaziergang zeigte er nach links: "Der vierte Bauernhof muss es sein."

Zwischen Heini und Marga fand eine herzliche Begrüßung statt, danach stellte er mir auch eine Freundin von Marga vor: Rosi. "Nehmt endlich die Verdunkelung vom Fenster, denn der Krieg ist doch aus", sprach Heini. Die Mädchen schauten uns völlig verstört an, Marga stammelte: "Seid ihr jetzt vollkommen übergeschnappt? Wie könnt ihr so einen Unsinn reden!" Das Unfassbare war nun geschehen: Wir waren in einem Dorf gelandet, an dem die Amerikaner vorbeigezogen waren.

Ich wollte nach dem Essen wieder in den nahen Wald verschwinden, ließ mich aber dann doch wieder von den anderen überreden. . . Marga war fest entschlossen, ihren Heini vor den Eltern und der SS zu verstecken. Für Rosi war es eine Ehre, wie sie sich auszudrücken pflegte, mir ein separates Zimmer zur Verfügung zu stellen. Wie ich später erfuhr, war die Ehe von Rosi, die mit einem Offizier verheiratet war, auch schon nicht mehr im richtigen Takt verlaufen...

Später führte mich Rosi über einen Hinterhof zu ihrer Wohnung... Nach einem genüsslichen Bad konnte ich endlich wieder ein einem normalen Bett schlafen. Es musste schon lange gedauert haben, bis ich laute Detonationen sowie das überlaute Herumtrampeln der unruhigen Hausbewohner vernehmen konnte. Bis plötzlich auch Rosi zur Tür herein kam... "Das ganze Dorf ist in großer Unruhe, da die SS-Schergen Amok laufen. Fünf Männer und eine Frau wollen sie in der nächsten Stunde auf dem Dorfplatz wegen Wehrkraftzersetzung aufhängen." (...)Zum Glück war die Schlafzimmertür geschlossen, als der Luftschutzwart an der Vorplatztür rief: "Frau Rösing, die Schießerei hat stark zugenommen, Sie müssen jetzt in den Keller." Auch mir blieb im Moment nichts anderes übrig, als diese Wohnung zu verlassen. Aber es war nicht einfach, in Rosis Keller ungesehen zu gelangen, geräuschlos und kriechend. (...)

Rosi lag in einem 165 Zentimeter hoch liegenden, bettähnlichen Bretterverschlag mit Sprungrahmen, einer Matratze nebst dicken großen Koltern. Die Schlafgelegenheit war nur über eine angelegte Leiter zu erreichen ... Rosi lag weinend im Bett, als sie mir winkte, hinter ihr Platz zu nehmen. Ihr Weinen nahm noch an Heftigkeit zu, zumal sie mir nun gestand: "Ich habe einen unverzeihlichen Fehler begangen. Ja, ich hätte dich in dieses Haus nicht mitnehmen sollen." Sie berichtete von einer bevorstehenden Hausdurchsuchung der SS. "Dann wird es ja höchste Zeit, dass ich sofort verschwinde", hatte ich gerade ausgesprochen, als man die SS-Männer in ihren Stiefeln schon die Kellertreppe herunterkommen hörte... Ich hatte den Tod vor Augen!

"Komm schnell wieder ins Bett", flüsterte mir Rosi, stark zitternd, in mein Ohr. Nachdem ich all meine Sachen im Gerümpel nun gut versteckt hatte, kroch ich schnell ins Bett, hinter ihr, unter der Decke... fest an sie geschmiegt, mit dem Gedanken, uns miteinander besser beschützen zu können, erwarteten wir atemlos das Überleben.

Plötzlich waren laute Schreie zu hören, auch Schläge waren zu vernehmen, so dass man annehmen konnte, dass sie sich auf ein gefundenes Opfer gestürzt hatten. . . Und als sie ihn schleifend die Treppen hoch vor die Haustür gebracht hatten, da knallten sie ihn wie ein wildes Tier mit mehreren Schüssen nieder... Ohne Verzögerung setzten sie die Suchaktion in den Kellerräumen fort. Wenn man sich nun in dieser verzweifelten Lage so ein Schicksal vor Augen führen muss, dann kann unser Denken zeitweilig völlig aussetzen, ja, man tut dann nur noch das instinktiv Fühlende, und so war es auch nicht verwunderlich, dass Rosi ihr Baby ins Bett holte und an sich drückte.

Als durch einen Gewehrkolbenschlag die von einem schwachen Riegel gehaltene Kellertür mit hartem Anschlag aufflog, da lag ich, den Atem anhaltend, unter dem Deckbett, eng an Rosi gelegt, hinter mir die Wand ... Plötzlich hielt sie den Eindringlingen ihr weinendes Kind entgegen, wobei sie ihnen nun entgegenschrie: "Was wollen Sie von mir?" Der Luftschutzwart, der Rosi gut kannte, war von ihrem Anblick so ergriffen, dass er in diesem Moment alle Gefahren vergaß, sich plötzlich vor den SS-Führer stellte und ihn energisch anschrie: "Ich bitte Sie hier etwas Rücksicht zu nehmen, denn diese Frau zählt zu einer angesehenen Geschäftsfamilie. Und darüber hinaus befindet sich ihr Gatte, der ein angesehener Offizier ist, an der Ostfront und keineswegs hier im Keller!"

Es war ein Wunder geschehen, denn dieser Appell verfehlte seine Wirkung nicht, unverzüglich verließen die Schergen den Keller. Völlig schockiert waren wir noch eine Weile wie angewurzelt auf der Stelle liegen geblieben... Wie lange wir noch in unserer Lage stillschweigend verbrachten, das konnte ich nie ermessen. Ich weiß nur, dass wir noch lange nebeneinander lagen und uns gegenseitig die Tränen abwischten ... Und nur so war es auch zu verstehen, dass wir nach Stunden immer noch im Trancezustand ohne viel Worte, mehr schweigend, voneinander Abschied nahmen, da erst mal das Weiterleben den Vorrang hatte. Und nachdem Rosi vorsichtig Umschau gehalten hatte, schlich ich mich wie ein angeschossenes Reh in völliger Menschenscheue fluchtartig in das Tiefinnere des Waldes zurück...

Rosis letzter Brief: Nach fast einem Jahr antwortete sie, dass sie bei ihrem Mann wieder Hoffnung haben könnte, zumal bei ihm eine positive Veränderung zu spüren wäre. In ihrem Schlusssatz vertröstete sie mich auf später. Die Zeit verrann. Noch lange dachte ich immer an "später", aber schließlich wurde es dann zu spät für "später".

Karl Wilhelm Wagner, Frankfurt am Main

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