+
Markus Beckedahl (rechts) und Andre Meister von Netzpolitik.org stehen nicht ungern im Rampenlicht.

Markus Beckedahl

„Die letzten Tage waren surreal“

Netzpolitik.org-Gründer Beckedahl ist mithilfe von Spenden abgesichert, falls es zum Prozess gegen ihn käme. Das sagt Beckedahl im Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Von David Freches

Herr Beckedahl, seit vergangenem Donnerstag ist bekannt, dass gegen Sie wegen des Verdachts des Landesverrats ermittelt wird. Wie geht es Ihnen damit persönlich?
Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn der Staat das schärfste Geschütz, das er hat, rausholt, um gegen Journalisten und unsere kritische Berichterstattung vorzugehen. Gleichzeitig sind wir überwältigt von der Solidarität anderer Medien und vieler Bürgerinnen und Bürger, die uns finanziell unterstützten oder aber ihre Stimme für uns erheben.

Wie hat man sich Ihre zurückliegenden Tage vorzustellen?
Die letzten Tage waren surreal bis irreal. Wir konnten das am Anfang gar nicht so genau begreifen, vor allem als wir am Donnerstag erfahren haben, dass hier mindestens zwei Jahre Gefängnis mit im Raum stehen. Wir haben nicht für möglich gehalten, dass das für die Arbeit von Journalisten zumindest teilweise realistisch werden könnte in einem Land, in dem die Pressefreiheit hoch geschätzt wird.

Ihre Mutter hat schon befürchtet, Sie kämen lebenslang ins Gefängnis. Wie haben Sie reagiert?
Meine Mutter wusste am Donnerstag noch von nichts und hatte von den Ermittlungen gegen mich im ARD-Videotext gelesen. Dort hieß es, dass auf Landesverrat bis zu lebenslange Haft steht. Ich habe sie dann erst mal beruhigt, dass die Wahrscheinlichkeit ins Gefängnis zu kommen sehr gering ist – und wenn, dann könnte sie stolz auf mich sein.

Kaum eine Mutter dürfte stolz sein, wenn das eigene Kind ins Gefängnis muss.
Wir sind immer noch davon überzeugt, dass es richtig war und ist, diese Dokumente als Anhang zu unserer Einordnung, Dokumentation und Berichterstattung über den Ausbau der Internetüberwachung des Verfassungsschutzes online zu stellen. Für diese Überzeugung stehen wir natürlich auch ein. Und wenn das uns ins Gefängnis bringt, sind wir bereit, das auch zu machen – auch wenn es zu unserem persönlichen Nachteil wäre.

Haben Sie sich selbst schon mit dem Gedanken auseinandergesetzt, eventuell ins Gefängnis gehen zu müssen?
Das habe ich nicht so wirklich an mich rangelassen, sondern nur spaßeshalber gesagt „Dann kann ich endlich mal all die Bücher lesen, zu denen ich sonst nicht komme“. Aber ich halte es für relativ unrealistisch. Fast alle Experten, mit denen wir in den letzten Tagen korrespondiert haben, finden es eigentlich einen Skandal, dass überhaupt Ermittlungen wegen Landesverrat aufgenommen wurden. Die von uns veröffentlichten Dokumente sind noch nicht mal als geheim, sondern nur vertraulich eingestuft worden. Also entweder sind es Staatsgeheimnisse, dann sind die Dokumente auch garantiert als geheim eingestuft – oder es sind vertrauliche Dokumente, und dann sind wir nicht die ersten, die so was veröffentlichen.

Hätten Sie jemals gedacht, mit Netzpolitik.org derart im Rampenlicht zu stehen?
Auf gar keinen Fall. Wer konnte denn damit rechnen, dass wir quasi die größte Auszeichnung, die ein investigativer Journalist in Deutschland 2015 bekommen kann, von unseren Sicherheitsbehörden und dem Generalbundesstaatsanwalt verliehen bekommen? Unsere Motivation war und ist, den Wandel in die digitale Gesellschaft kritisch zu begleiten, politische Prozesse im Hinblick auf Auswirkungen, auf Grundrechte – wozu auch die Pressefreiheit gehört – zu analysieren, zu kommentieren und einzuordnen. Und wenn das auf einmal ein so großes Interesse hervorruft, dann freuen wir uns, dass das Thema endlich im Mainstream angekommen ist.

Netzpolitik.org ist leserfinanziert. Wie wirken sich die Ermittlungen auf die Spendenbereitschaft aus?
Im letzten Jahr haben wir knapp 180.000 Euro an Spenden eingenommen. Seit Donnerstag sind schon rund 50.000 Euro reingekommen. Damit sind wir jetzt schon einigermaßen abgesichert, auch um den Rechtsweg beschreiten zu können. Das ist uns ganz wichtig, weil so eine Anklage mit Gerichtsverfahren den persönlichen Ruin von Andre Meister und mir mit sich bringen könnte, insofern sind wir da beruhigt. Das schönste wäre noch, wenn es gar nicht zu einem Gerichtsprozess kommt und wir das Geld nutzten könnten, um ein bis zwei weitere Stellen bei Netzpolitik.org zu schaffen, die dazu beitragen, den Geheimdiensten besser auf die Finger schauen zu können. Es wäre ein Schuss ins eigene Knie der Sicherheitsbehörden, wenn es das Ziel war, uns einzuschüchtern und wir gestärkt aus der Sache hervorgehen.

Interview: David Freches

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion