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Istanbul: Gedenkprotest für die verhungerte türkische Folk-Sängerin Helin Bölek.

Türkei

Die letzte Waffe

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Türkische Linke hungern sich zu Tode. Der Märtyrerkult funktioniert auf Seiten der Regierung wie der Opposition.

Noch ein Toter. Nach 297 Tagen im Hungerstreik starb Ende vergangener Woche der politische Häftling Mustafa Kocak in einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis. Der 28-Jährige hatte ein faires, neues Gerichtsverfahren für sich gefordert. Er war 2018 zu „verschärfter“ lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er angeblich den linksradikalen Mördern eines Staatsanwalts in Istanbul 2015 Waffen beschaffte. Doch sein Schuldspruch beruhte nur auf den nicht überprüfbaren Aussagen eines vorgeblichen Kronzeugen.

Es ist gerade drei Wochen her, dass die kurdische Sängerin Helin Bölek am 288. Tag ihres Hungerstreiks in Istanbul starb. Die 28-Jährige war zwar kurz zuvor aus der einjährigen Untersuchungshaft, gegen die sie protestierte, entlassen worden. Sie hungerte weiter gegen das Auftrittsverbot für ihre Folkband Grup Yorum und die Schließung eines linken Kulturzentrums in Istanbul. Ihr wie sie aus der U-Haft entlassene Musikerkollege Ibrahim Gökcek hält seinen Hungerstreik für ein Ende der Repressionen weiter aufrecht.

„Ich war ein Gitarrist, jetzt bin ich ein Terrorist“, wurde der 39-jährige Musiker von der britischen Zeitung „Morning Star“ am Dienstag zitiert. Doch der Staat bewegt sich so wenig wie der nach zehn Monaten „Todesfasten“ zum Skelett abgemagerte Gökcek bereit ist aufzugeben. Während der autokratische Staatschef Recep Tayyip Erdogan kürzlich Tausende Schwerverbrecher wegen der Corona-Krise amnestierte, geht er weiterhin hart gegen Oppositionelle vor.

„Todesfasten“ nennen türkische Linksradikale diese Machtprobe mit dem Staat. Dabei nehmen sie nur noch Wasser mit darin gelöstem Zucker und Salz zu sich sowie zuweilen Vitamin-B-Präparate, um ihr Denkvermögen aufrechtzuerhalten. Ihre Forderungen setzen sie praktisch nie durch. Im Jahr 2000 starben 122 Häftlinge und zwei Wärter im Zuge eines Todesfastens mutmaßlicher Mitglieder der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und der Erstürmung von Gefängnissen durch die Sicherheitskräfte.

Die prominente türkische Menschenrechtlerin Sebnem Korur Fincanci nannte das Todesfasten kürzlich einen Ausdruck der Hilflosigkeit vor der staatlichen Übermacht und der Tatsache, dass ihnen „das Recht auf ein faires Verfahren und das Recht auf Leben“ verweigert werde. Doch es gibt auch linke Kritiker, die die Protestform als „lebensfeindlichen Märtyrerkult“ brandmarken.

Momentan überdeckt zudem die Corona-Krise alle politischen Themen. Als Helin Bölek beerdigt wurde, kamen nur ein paar Dutzend Gesinnungsgenossen – was wie eine nachträgliche Bestätigung des staatlichen Vorwurfs wirkte, dass es sich bei den Hungerstreikenden bloß um „politische Sektierer“ aus der marxistischen Untergrundtruppe DHKP-C handele. Diese Organisation ist ein Relikt der 90er Jahre und inzwischen auch mutmaßlich vom türkischen Geheimdienst MIT unterwandert.

Grup Yorum (auf Deutsch: „Gruppe Kommentar“) hat sich mit vielen linksradikalen Gruppen solidarisiert, auch Lobgesänge auf die DHKP-C komponiert, vom bewaffneten Kampf aber klar distanziert. Tatsächlich ist die „revolutionäre“ Band eine Poplegende, die in ihrer Wirkung mit Formationen wie den chilenischen Inti Ilimani und den tschechischen Plastic People verglichen werden kann. Grup Yorum bestand aus wechselnden Ensembles, die zu jedem politischen Anlass die passende Hymne schufen und bis heute 23 Alben herausbrachten. Als die Band 2010 ihr 25. Jubiläum feierte, drängten sich mehr als 50 000 Leute in Istanbuls Besiktas-Fußballstadion. Seit 2015 wurde Grup Yorum kein öffentlicher Auftritt mehr erlaubt und mehrere Mitglieder wurden verhaftet.

Anders als Helin Bölek und Ibrahim Gökcek war Mustafa Kocak kein Mitglied der Band, aber er steht in derselben Tradition der türkischen Linken, die mit ihrem Märtyrerkult eine verbreitete Besessenheit der türkischen Gesellschaft spiegelt: Jeder gefallene Soldat wird als „nationaler Märtyrer“ geehrt – auch die, die im jahrzehntelangen Konflikt mit der PKK ihr Leben lassen. Egal, auf welcher Seite.

Die Tode von Kocak und Bölek haben bisher nur in einem kleinen Teil der türkischen Linken ein wahrnehmbares Echo ausgelöst. Dabei lehrt ein Beispiel aus jüngster Zeit, dass man nicht bis zum Letzten gehen muss, um gehört zu werden.

Zwei Jahre ist es her, dass zwei junge Pädagogen sich ebenfalls an die Schwelle des Todes hungerten. Sie wollten so die Rücknahme ihrer politisch motivierten Entlassung erreichen. Nuriye Gülmen und Semih Özakca ließen sich schließlich überzeugen, ihre Aktion abzubrechen, weil sie auch ohne das Opfer ihres Lebens eine beispiellose Wirkung erzielten – in ihrem Protest fanden sich breite Schichten der Bevölkerung wieder, die ebenfalls unter der Repression nach dem Putschversuch von 2016 litten. Heute ist Nuriye Gülmen eine Politikone, und ihr Wort hat Gewicht in der Opposition. Weil sie lebt.

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