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Auch auf dem Gelände des Holzmarkts sind die Lokale zu.

Berlin

Letzte Runde in der Partyhauptstadt

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Nichts los in Berlin-Kreuzberg an einem Samstagabend? – Unvorstellbar, jetzt Realität.

Kreuzberger Nächte werden einsam: Am Samstagabend entschied sich Berlin dann doch, alle Kneipen und Clubs zu schließen. Das galt „sofort, unverzüglich“ und brauchte doch die halbe Nacht, um es durchzusetzen.

Der Samstagabend war gerade angelaufen, da entschloss sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller doch noch zum Handeln. Alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern werden verboten, Kneipen und Clubs müssen schließen, Restaurants einen Sicherheitsabstand von 1,50 Meter zwischen den Tischen herstellen. Wie üblich in Berlin gilt das „sofort, unverzüglich“.

Die Partyhauptstadt schließt – von einem Moment zum anderen. Berlin ohne Bier, ohne Eckkneipe, ohne Clubs. Ist das vorstellbar? Genauso wenig wie Madrid ohne Tapas oder Paris ohne Café au lait – und auch das ist wegen der Coronakrise Wirklichkeit geworden. Berlin wollte eigentlich bis Dienstag warten. Ein letztes Wochenende mit Alkohol und Exzess noch. Und mit jeder Menge Ansteckungsgelegenheiten. Am Samstagnachmittag siegte dann die Vernunft im Senat.

Der erste Berliner Coronapatient war vor der Diagnose noch feiern im Club „Trompete“ im Tiergarten. 42 Besucher habe er dort infiziert, teilte Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Sonntag mit. „Bleiben Sie einfach zu Hause. Halten Sie mindestens 1,50 Meter Abstand zu Menschen“, schrieb sie auf Twitter. Spät, aber unmissverständlich.

Letzte Runde also. Die wird in der Stadt ohne Sperrstunde von Mannschaftswagen der Polizei durchgesetzt. Die einzige Gruppe, die Samstagnacht auf ausgedehnter Kneipentour ist, trägt blaue Uniformen und ein Klemmbrett mit einer Liste der Lokale, die zumachen müssen. So arbeiten sich Beamte die Oranienstraße in Kreuzberg herunter. Sie sind fast die Einzigen auf der Straße, außer leeren Taxis und hier und da doch noch ein paar Kiezjungs mit Bierflaschen in der Hand. Die Spätis bleiben offen, aber auch die Spätkauf-Betreiber stehen oft alleine zwischen ihren gut gefüllten Kühlschränken.

„Es ist die größte Krise der Berliner Kulturszene seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs“, sagte Lutz Leichsenring von der Club Commission bereits am Donnerstag. Da klang das noch leicht übertrieben oder zumindest schwer vorstellbar. In Kreuzberg nachts um halb eins am Sonnabend ist es schlicht Realität. „Meine Hoffnung ist, dass sich – vielleicht durch einen kompletten Shutdown – die Lage so beruhigen kann, dass in wenigen Wochen wieder Normalität herrscht“, hatte Leichsenring gesagt und hofft auf einen Unterstützungsfonds. Das Coronavirus könnte das Berliner Clubsterben exponentiell beschleunigen. Einige Vermieter warteten nur darauf, dass die Clubs mit der Miete in Rückstand gerieten, damit sie schnell kündigen könnten, hatte Leichsenring gesagt. Von Entschädigungen steht in der Verordnung des Senats nichts. Die Kneipenbetreiber werden im Unklaren gelassen. Fünf Wochen können die meisten durchhalten, aber was, wenn der Shutdown länger dauert?

In der Kneipe „Bierinsel“ in der Hochhaussiedlung Gropiusstadt im Südosten Berlins sitzen rund 20 Gäste teilweise eng zusammen, trinken Bier oder spielen Darts. „Wir bleiben heute offen“, sagt Geschäftsführer Sezgin Celik. Er interpretiert die Zahl von höchstens 50 erlaubten Menschen bei Veranstaltungen so, dass dies auch für die „kleine Kneipe mit der großen Gastlichkeit“ gelten könne. Gleichzeitig ist er verunsichert: „Jeder erzählt etwas anderes. Wir wissen nicht, wie wir uns verhalten sollen.“

Am Westkreuz klebt an der Tür des Großbordells „Artemis“ ein Zettel in roter Schrift: „Wir schließen mit sofortiger Wirkung den Geschäftsbetrieb vorläufig bis zum 19.04.2020“. In der Senatsverordnung heißt es in vollendetem Amtsdeutsch: „Prostitutionsveranstaltungen im Sinne des Prostituiertenschutzgesetzes dürfen nicht durchgeführt werden.“ Eine Dunkelhaarige wuchtet einen riesigen Rollkoffer aus der Tür. Noch eine Berufsgruppe geht in den Zwangsurlaub.

Um die Ecke vom Ku’damm hängt ein haushohes Plakat mit dem Gesicht des Schauspielers Daniel Craig. „Keine Zeit zum Sterben“, schreit es. Der Kinostart des neuen James Bond ist längst verschoben. Seit Samstag sind auch die Kinos dicht. Der Filmtitel wirkt jetzt wie eine trotzige Frontstadtaufforderung.

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