Das letzte Gefecht im Kühhornshofweg

Die Anführer der RAF, Andreas Baader und Holger Meins, kapitulierten vor dem Panzerwagen der Polizei

Von Hans-Joachim Noack

In den frühen Morgenstunden des Fronleichnam und einen Tag vor dem 2. Juni, den -fünf Jahre nach dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg - bundesdeutsche Anarchisten in den Rang eines Datums von revolutionärer Bedeutung erhoben, ist der Polizei ein Schlag gegen die Baader-Meinhof-Gruppe gelungen, der von ihr selbst als 'möglicherweise entscheidend' bezeichnet wird. Seit Donnerstag vormittag liegt der 'Chef' Andreas Baader, 29, vermutlich mit einer Kugel im verlängerten Rückgrat, in den Frankfurter Universitätskliniken. Zwei Männer seiner engsten Umgebung, unter ihnen der als 'Waffenschmied' geltende 31jährige Holger Meins, sind nach Angaben von Sprechern des Bundeskriminalamts per Hubschrauber an einen 'unbekannten Ort' geflogen worden.

Schlußakt eines Dramas, das im Verlaufe der letzten beiden Jahre die ganze Nation bewegte? Zumindest auf Baader bezogen hat die Jagd ein Ende. Bewohner des Eckhauses Kühhornshofweg 2 im Frankfurter Nordend hörten ihn, wenige Minuten nach sieben Uhr, 'wie einen Stier aufschreien'; noch auf der Bahre habe er die Polizisten als 'Schweine' beschimpft. Dann, so verfolgten Augenzeugen hinter geschlossenen Fenstern, wurde der 'sich windende bärtige Mann' im Notarztwagen davongefahren.

Mehrere Dutzend Menschen erlebten sozusagen am Frühstückstisch und, wie eine Rentnerin es fast schwärmerisch registrierte, 'wie im Kino' das letzte Gefecht eines Mannes mit, der für die Strafverfolgungsbehörden mit zunehmender Dauer nachgerade die Züge eines Phantoms tragen mußte. Die Hausfrau Brunhilde V. beobachtete 'bei einer guten Tasse Kaffee', wie Andreas Baader das Schicksal in der gleicher' Stadt ereilte, in der er am 3. April 1968 mit einer Brandstiftung in zwei Kaufhäusern in der Skala sich eskalierender Gewalt eine neue Schwelle überschritten hatte.

Zur Stunde ist noch ungewiß, ob die Behörden den lange ersehnten Triumph einem gezielten Hinweis oder ihrer seit Mittwoch laufenden bundesweiten Großfahndung zu verdanken haben. Immerhin gilt als gesichert, daß das dreigeschossige Haus in einer guten Frankfurter Wohngegend, in dessen unterster Etage die Anarchisten einen Kellerraum und eine Garage besaßen, bereits seit längerer Zeit observiert worden war. Die Anwohner zumindest fielen buchstäblich aus allen Träumen, als zwischen fünf und sechs Uhr der Aufmarsch der Beamten begann. Sie erklärten der 'FR' ohne Ausnahme, ihnen sei nie in dieser Hinsicht zuvor ein Verdacht gekommen. Baader und Co. müssen sich, diese Schilderungen zugrunde gelegt, so gut getarnt haben, daß sie von ihren Nachbarn arglos als 'junge Leute' akzeptiert wurden. Allein die Vielzahl 'schnittiger Wagen' - unter anderen ein Porsche, ein Alfa Romeo und ein Ro 80 - muß gelegentlich ins Auge gesprungen sein.

Die erste Bestandsaufnahme des Geschehens, angefüllt mit einem Schwall von Gerüchten, Mutmaßungen und sich widersprechenden Augenzeugenberichten, gebietet im Detail sicher noch Zurückhaltung. So ist der Hessische Rundfunk sehr schnell im Laufe des Donnerstags Darstellungen entgegengetreten, die wohl nur deshalb Querverbindungen vom Täterdomizil zum Funkhaus konstruierten, weil sich die Sendeanstalt in unmittelbarer Nähe des Kühhornshofwegs befindet.

In diesen Zusammenhang gehören desgleichen Vorhalte, die Polizei habe einen rücksichtslosen Einsatz betrieben. Wahrscheinlich ist - und Beobachter bestätigen dies -, daß der 'harte Kern' der Baader-Meinhof-Gruppe nach einer Serie von Schüssen, die an einem zwischenzeitlich vorgefahrenen Panzerwagen wirkungslos abprallten, vor der Übermacht der Verfolger kapitulierte. Spätestens als Baader, nach offizieller Lesart von einer zurückschlagenden Kugel getroffen, kampfunfähig war, gab Komplice Holger Meins den aussichtslos gewordenen Kampf auf. Mit erhobenen Händen stellte er sich den Beamten, die ihm befahlen, sich bis auf die Badehose auszuziehen.

Vorausgegangen waren wiederholte Appelle der Polizisten, die - so ein Arbeiter aus dem gegenüberliegenden Haus - 'die Gangster bei der Ehre packten'. Wortfetzen aus einem dramatischen Dialog: 'Werfen Sie die Waffen weg, kommen Sie heraus!', hätten die Beamten gefordert und hinzugefügt, daß 'wir Sie da drinnen für intelligente Leute halten'. Die Antwort seien indessen Schüsse und Schreie gewesen. Fazit eines Beobachters, der wie alle anderen aus verständlicher Angst vor Repressalien seinen Namen nicht nennen möchte: 'Die Polizei hat sich anständig verhalten. Das können wir jedem bestätigen.'

Die Entscheidung führte nach übereinstimmenden Schilderungen aus erster Hand der Umstand herbei, daß es den Belagerern gelang, mit dem Panzerwagen die Garagentür einzudrücken: 'In der Folge standen die Jungs im Freien, und alles andere ging dann wie von selbst.' Polizeiwagen jagten mit den Gefangenen davon, Spezialtrupps riegelten dennoch das Kampffeld hermetisch ab und begannen unterstützt von einem Kompressor, der das zuvor verwendete Tränengas absaugte, mit der systematischen Durchsuchung der Räumlichkeiten.

Nach den ersten Feststellungen kann davon ausgegangen werden, daß die Kellerräume der Gruppe zur Herstellung vor Bomben 'und anderen Sprengkörpern' (ein Mitglied der Sicherungsgruppe) gedient haben. Aus einem rotbraunen Porsche stellten Mitglieder des Bundeskriminalamtes Handgranaten wie 'weitere zunächst nicht näher identifizierte Behälter' sicher. Insgesamt soll die Beute jedoch 'nicht sehr überwältigend' gewesen sein. Vor allem aber steht die Beantwortung der Frage noch aus, ob die vorgefundenen Materialien identisch mit jenen Sprengsätzen sind, die bei der jüngsten Serie von Bombenattentaten verwendet wurden.

Frankfurt, Donnerstag nachmittag: Eine Schlacht schien geschlagen, doch vom Sieg mochte noch keiner der mit der Fahndung befaßten offiziellen Sprecher reden. Hektik bestimmte die Szene. Vor dem Polizeipräsidium bauten sich mit Maschinenpistolen bewaffnete uniformierte Garden auf. Eine anfänglich beabsichtigte Pressekonferenz wurde mehrfach verschoben und schließlich abgeblasen. 'Aus taktischen Gründen', versuchte der Frankfurter Polizeipräsident Knut Müller zu erläutern, 'sei es nicht möglich, in Einzelheiten einzusteigen.'

Statt dessen überschwemmte die Stadt, in der Journalisten mehrfach anonymen Martinshörnern nachjagten, eine Welle von Gerüchten und Nachrichten mit vorgeblich ernstem Hintergrund. Nach Baaders Gefangennahme elektrisierte Fahnder und Berichterstatter das Schlüsselwort 'Ulrike Meinhof'. Die 39jährige, längere Zeit totgeglaubte Anarchistin, hieß es, halte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Rhein-Main-Raum auf. Genährt wurden die Mutmaßungen von einem spektakulären Teach-in der 'Roten Hilfe', der einzigen studentischen Gruppe, die am Mittwochabend ihr Verständnis für das Attentat auf das US-Hauptquartier bekundet und im Hörsaal 6 der Universität über Tonband einen (freilich noch nicht mit absoluter Sicherheit verifizierten) Aufruf der 'roten Ulrike' abgespielt hatte.

In die Totenstille des Raumes war die vorgebliche Anführerin der linken Extremisten so angekündigt worden: 'Es spricht jetzt...' - kunstvolle Pause - 'Ulrike Meinhof zu euch' Und über Band vernahmen die faszinierten Versammlungsteilnehmer eine Stimme, die der gesuchten Journalistin zumindest sehr ähnlich klang: 'Es gibt keinen Grund, den bewaffneten Kampf aufzuschieben.' Die zum Widerstand gegen die 'Verbrechen der Imperialisten' aufgeforderten Studenten wurden schließlich mit einer Bitte und Verheißung zugleich entlassen - Schlußwort: 'Es lebe die Rote-Armee-Fraktion.'

Wie weit sie noch lebt oder aber an diesem denkwürdigen Donnerstag zerstört worden ist, werden möglicherweise schon die nächsten Tage zeigen, wenn sich der Pulverdampf verzogen hat. Daß die 'RAF', Initialen für die Propagierung des gewaltsamen Umsturzes 'der Verhältnisse', selbst als vermutlich aufgeriebene Armee noch Schrecken verbreitet, bezeugt die Mahnung des Bundeskriminalamtes, das die Bevölkerung zu höchster Vorsicht aufforderte. Gesucht und gefürchtet werden fünf Personenwagen, die mit Sprengladungen irgendwo in der Bundesrepublik unterwegs sein sollen.

FR vom 2. Juni 1972

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