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Keith Brinkmann (links) und Paul Reggentin gehen von Tür zu Tür, um für ihren Kandidaten Bernie Sanders zu werben. 

US-Demokraten

Letzte Chance für Joe Biden

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Die Vorwahlen der Demokraten in South Carolina könnten wegweisend sein: Hat der Ex-Vizepräsident noch eine Chance – oder setzt Senator Bernie Sanders seinen Durchmarsch fort?

Entschlossen klopft Keith Brinkmann an die Tür des gräulichen Holzhauses mit der Nummer 224. „Gabrielle?“, ruft er fragend. Den Namen hat er aus dem Wählerregister auf seinem Smartphone. Die Jalousien des einfachen Bungalows sind heruntergezogen. Doch eine Seniorin öffnet die innere Haustür. Der äußere Einbruchschutz bleibt vorsichtshalber zu. Der überwiegend schwarze Vorort Hopkins ist nicht die beste Wohngegend in Columbia, der Hauptstadt des US-Bundesstaats South Carolina.

„Wissen Sie schon, ob Sie wählen gehen?“, fragt Brinkmann, ein freundlicher Zeitgenosse mit flaumigem Bart und einem gemütlichen Kugelbauch unter der Regenjacke. Die Afro-Amerikanerin antwortet ausweichend. Sofort setzt der Mittdreißiger nach: „Ich habe einen Bruder mit großen gesundheitlichen Problemen. Als er die Beiträge für seine Versicherung nicht mehr zahlen konnte, haben die ihn rausgeschmissen.“ Das sei der Grund, weshalb er den Plan von Bernie Sanders – eine Bürgerversicherung für alle – unterstütze. Und noch etwas: „Ist es Ihnen wichtig, Trump aus dem Amt zu jagen?“, fragt er eindringlich. Die Frau nickt. Aber vielleicht sei der linke Senator doch ein bisschen zu radikal, wendet sie ein. „Nur Bernie kann Trump schlagen“, kontert der Besucher: „Und er ist mit großen Schritten auf dem Weg zum Sieg.“

Der Wahlkämpfer hat nicht übertrieben: Einen Monat nach dem Beginn der US-amerikanischen Vorwahlen hat der 78-jährige Sanders das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur gewaltig aufgemischt. Im vorigen Frühjahr noch war der Alt-Revoluzzer mit dem mürrischen Blick und dem weißen Resthaar ein krasser Außenseiter. Doch in Iowa ging er als gefühlter Gewinner, in New Hampshire als Sieger und in Nevada als Triumphator vom Platz. Plötzlich gilt der demokratische Sozialist als aussichtsreichster Kandidat unter den potenziellen Trump-Herausforderern. Dem zuvor als Favorit gehandelten Ex-Vizepräsident Joe Biden droht hingegen das Ende seiner vor 48 Jahren begonnenen politischen Karriere.

„Ich bin bereit, eine Kugel für Bernie zu kassieren“, sagt Philosoph Cornel West

Bei den Vorwahlen in South Carolina an diesem Samstag wird sich das Schicksal des ehemaligen Obama-Stellvertreters Biden entscheiden. Und es wird sich zeigen, ob Sanders seinen Durchmarsch fortsetzen kann. Bei der Kandidatenkür kommen nun nämlich erstmals die afro-amerikanischen Stimmen ins Spiel. Rund 60 Prozent der demokratischen Wähler in dem Südstaat sind schwarz, und bei dieser Bevölkerungsgruppe hat „Uncle Joe“ auch wegen seiner Zeit an der Seite Obamas traditionell einen guten Ruf. Der 77-Jährige hat South Carolina zu seiner „Brandmauer“ erklärt. Seit Tagen eilt er von einem Termin zum anderen, hält Reden, besucht Kirchengemeinden und posiert für Selfies.

Für Biden geht es um alles oder nichts. „Wenn er in South Carolina verliert, muss er das Rennen wohl verlassen“, glaubt der erfahrene demokratische Kampagnenberater William Galston. Noch im Oktober hatte Biden in South Carolina bei Umfragen knapp 30 Prozentpunkte vor Sanders gelegen. Seither ging es für den früheren Favoriten bergab – und für Sanders nach oben.

Der Senator aus Vermont ist radikal und rigoros. Er kritisiert die „groteske und unmoralische Verteilung von Einkommen und Wohlstand“, sagt der Ölindustrie und Wall Street den Kampf an und verspricht eine bezahlbare Krankenversicherung für jedermann. Die Chancen, seine Maximalpositionen mit dem republikanischen Senat umsetzen zu können, thematisiert er allerdings ebenso wenig wie die Gegenfinanzierung. Das versetzt viele Vertreter des demokratischen Partei-Apparats in Alarmstimmung – sie fürchten eine Wahlniederlage gegen Trump.

Sanders’ Anhänger hingegen schätzen gerade dessen knorrige Unerbittlichkeit. „Ich bin ein echter Überzeugungstäter“, sagt Keith Brinkmann, der an diesem kühlen Frühlingstag zusammen mit seinem Wahlhelfer-Kollegen Paul Reggentin 200 Häuser in Hopkins abklappert. Reggentin hat gerade sein Ingenieurs-Diplom bekommen. Der Literaturwissenschaftler Brinkmann arbeitet an der städtischen Bibliothek in Columbia. Nun hat er sein Wochenende geopfert, um für Sanders zu werben. Nicht nur sein kranker Bruder motiviert ihn, sondern auch seine eigene Erfahrung: Mit 25 000 Dollar Schulden hat er vor zehn Jahren die Universität verlassen. „Bis heute konnte ich fast nichts zurückzahlen. Dafür reicht mein Gehalt einfach nicht.“

Unterstützt Ex-Vizepräsident Joe Biden: Robyn Donaldson. 

Sanders hat eine hochmotivierte Anti-Establishment-Bewegung ins Leben gerufen, die ihn euphorisch unterstützt. 300 Bernie-Fans sind abends ins Point Event Center in Charleston gekommen, um dem schwarzen Philosophen Cornel West zuzuhören. Wie ein Sektenprediger redet der Mann auf die Gemeinde ein, geißelt die „neofaschistische Gegenwart“, den „repressiven Apparat“ und die kapitalistischen Verirrungen. „Seid ihr bereit, Geschichte zu schreiben?“, ruft er irgendwann in den Saal. „Yeah!“, brüllt die Menge. „Aber das ist kein Spiel“, warnt West: „Wir legen uns mit mächtigen Gegnern an. Einige werden dafür zahlen müssen.“ Und dann sagt er einen Satz, der erschaudern lässt: „Ich bin bereit, für ihn eine Kugel zu kassieren.“

Nur wenige Hundert Meter entfernt vom Event Center liegt die Royal Baptist Mission Church. Joe Biden ist am darauffolgenden Samstagmorgen mit Frau und Enkeltochter in die Kirche gekommen. Zwischen zwei Gospelsongs darf der Ex-Vizepräsident eine kurze Ansprache halten. Und anders als so oft in den vergangenen Wochen ist er konzentriert und klar. Er spricht über die schwarze Bürgerrechtsbewegung, äußert sein Entsetzen über den tödlichen Neo-Nazi-Aufmarsch von Charlottesville und warnt eindringlich vor dem Verlust der Demokratie unter Donald Trump. „Wir führen einen Kampf um die Seele Amerikas“, sagt Biden. Der Satz fehlt in keiner seiner Reden.

Biden ist kein guter Rhetoriker – er wirkt durch seine Persönlichkeit. Nach seinen Auftritten lässt er kaum eine Hand und kaum eine Schulter ungeschüttelt. Er punktet als Menschenfreund und Vertrauter von Barack Obama, den er immer wieder erwähnt.

Revolution oder Restauration: Wohin steuern die Demokraten?

„Joe hat einen wunderbaren Charakter“, schwärmt Robyn Donaldson. „Er hat so viel Wärme und Empathie.“ Nach drei Jahren unter dem Poltergeist Trump sei das eine angenehme Erfahrung, sagt die 42-jährige Politikberaterin am Rande einer Wahlveranstaltung in Charleston: „Wir brauchen jemanden, der das Land wieder zusammenbringt.“

Genau da verläuft in einem Rennen mit immer noch acht Teilnehmern die Trennlinie zwischen den beiden Spitzenreitern Sanders und Biden. Während die Fans des Senators das System für verrottet halten und runderneuern wollen, möchten die Anhänger des früheren Vizepräsidenten am liebsten zurück in die Obama-Zeit. Revolution oder Restauration? Die Wahl in South Carolina dürfte einen wichtigen Hinweis geben, in welche Richtung das Pendel bei den Demokraten ausschlägt. In den vergangenen Tagen hat Biden in Umfragen merklich zugelegt. Sollte er überraschend eine Trendwende hinbekommen und klar siegen, würde das wohl die Dynamik des gesamten Rennens ändern. Schon am nächsten Dienstag, dem „Super Tuesday“, stehen nämlich Wahlen in 14 Bundesstaaten an, und die Fernsehbilder der Siegerparty in South Carolina dürften nicht ohne Wirkung bleiben.

Eine ganz andere Frage ist, was wohl passiert, wenn der Siegeszug von Sanders noch gestoppt würde und sich beim Parteikonvent im Juli ein anderer Bewerber als Präsidentschaftskandidat durchsetzt. Würde der Bibliothekar für einen anderen Demokraten stimmen? „In dieses Dilemma werden wir nicht kommen“, weicht er aus, und man spürt den Widerwillen des Bernie-Fans.

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