Zelte in dem Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
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Notdürftige Zelte aus dem Supermarkt bestimmen das Bild des Flüchtlingslagers Moria auf Lesbos.

Flüchtende auf Lesbos

Moria - Wo Stacheldraht die Menschen staut

Daniel Kubirski war als Fotograf auf der „Mare Liberum“, dem Schiff der Berliner NGO. Für die FR hat er seine Erlebnisse aufgeschrieben.

  • Daniel Kubirski reiste mit der „Mare Liberum“ nach Lesbos.
  • Er war auch im Flüchtlingslager Moria.
  • Seine Erlebnisse beschäftigen ihn noch heute.

Wenn ich meinen Sohn abends zu Bett bringe, erzähle ich ihm immer eine kurze Geschichte. Er mag besonders die Geschichten aus Griechenland, von meinen Wochen auf und vor Lesbos.

Er mag die Geschichte mit der Katze, die sich am Hafen heimlich auf unser Schiff schlich, um etwas zu essen zu klauen, oder die mit den Delfinen, die mit dem Schiff schwammen, als wir ausliefen. Und besonders interessant findet er die Geschichte, als wir nachts von einer Welle so in Schieflage kamen, dass in der Kombüse alles durcheinander wirbelte. Er hat ein Recht auf Unbeschwertheit, daher erzähle ich ihm diese unbeschwerten Momente – vielleicht auch, um mich selbst zu erinnern, wie gut ich es habe.

Lesbos - für Flüchtende das Sprungbrett nach Europa


Als ich auf Lesbos ankam, überwältigte mich ein Sonnenaufgang von einer Schönheit, die ich nicht erwartete. Man stolpert aus dem Flughafengebäude darauf hin, dennoch kam die Erinnerung an den Grund meiner Reise prompt. Die Sonne ging über der Türkei auf, das keine fünfzehn Kilometer entfernte Land ist für Tausende das Sprungbrett nach Europa. Dort, in Griechenland, spielen sich die Geschichten ab, die ich meinem Sohn nicht erzähle. Abweisung, Not, Moria, Gewalt.

Ich erzähle ihm nicht von den Nächten auf der Brücke, als wir griechische und türkische Küstenwachen als kleine Punkte auf dem Radar verfolgten, die Funksprüche, die zwischen Küstenwachen-, Frontex,- und Natoschiffen hin und her gingen. Von der Verzweiflung Flüchtender, die sich jede Nacht vollzog und uns still aus der Dunkelheit anschrie. Es ist der Grundton in dieser Gegend Europas, nicht nur, weil sich Griechenland und die Türkei seit einhundert Jahren spinnefeind sind. Die Grenzregionen sind auch ohne Migration militarisiert: Hier passieren ungute Dinge.

An Bord der Mare Liberum auf dem Weg nach Lesbos.

Über einhundert Jahre alt ist auch die „Mare Liberum“ - ein ehemaliger Fischkutter aus den Niederlanden, 1917 gebaut. Mehrfach umgewidmet, umgebaut und vergrößert, zuletzt als Freizeitschiff genutzt, bis Harald Höppner sie kaufte und zur ersten „Sea Watch“ 2015 machte. Einige erinnern sich noch an die „Stern“-TV Ausgabe, als Höppner Günther Jauch überrumpelte und dem Publikum eine Schweigeminute für die Toten im Mittelmeer abnötigte. So fing alles an. Vier Jahre danach sitze ich mit weiteren sechs Menschen aus drei verschiedenen Ländern auf diesem schaukelndem Stück Geschichte. Die „Mare Liberum“ ist so etwas wie eine WG in einer Eisenschale, jedenfalls hat man es mit WG-Erfahrung an Bord leichter. Die „Mare Liberum“ macht es einem einfach, sich wohl zu fühlen, ihr Schaukeln vermisse ich noch heute.

Mit Carola Rackete nach Lampedusa

Philipp, unser Kapitän, brachte es mit wenigen Worten auf den Punkt: „Wir bewegen uns damit in einem potentiell tödlichen Element. Es ist das einzige, das uns vorm Ertrinken schützt.“ Philipp sagte das mit einer Besonnenheit, die imponiert. Wie seine Seenotretter-Vita: Lifeline, Sea Watch 3, mit Carola Rackete nach Lampedusa, jetzt ist er auf der Sea Watch 4. Ich habe ihn nie gefragt, was in ihm so gezündet hat, dass er jeden Tag weiter macht. Es ist vermutlich das gleiche, wie bei mir oder jedem auf diesem Schiff. Wir alle leben Humanität. Das klingt pathetisch? Ja, das ist es vielleicht auch.

Doch geht Menschlichkeit überhaupt ohne Pathos? Was ich erlebe, fühlt sich manchmal gigantisch an. Eindruck hinterlassen hat bereits der kurze Besuch an Land, am Korakas Lighthouse. Dort sind 2009 acht Menschen gestorben, vier Erwachsene und vier Kinder zwischen drei und acht Jahren. Der kleine Leuchtturm, der dort steht, bietet für Flüchtende auf den Dingys, so heißen die billigen und labilen Schlauchboote, mit denen die Menschen ihre Überfahrt wagen, einen guten Orientierungspunkt. Was fatal ist, denn das Licht warnt vor dem gefährlichen Kap, an dem die Boote regelmäßig aufschlitzen. Die Spuren dieser Tragödien sind sichtbar: Gummifetzen, Motoren, Kleidung, Schuhe und Schwimmwesten. Beziehungsweise vermeintliche Schwimmwesten, denn Schlepper verkaufen solche, die anstatt mit Schwimmkörpern nur mit einfachem Schaumstoff gefüllt sind. Wenn sie sich nach einer kurzen Zeit im Wasser vollsaugen, werden sie schwer. Dann töten sie.

Dort saß ich einmal abends am Ufer, mit einem Schuh, Größe 30, in der Hand, und war fertig. Richtig fertig. Allerdings geht es für die, die es dorthin schaffen, erst richtig los. Wenn du glaubst, du hast es nach Europa geschafft, kommt Moria.

Zeugnisse einer Überfahrt: Reste von Schwimmwesten werden ans Ufer von Lesbos gespült.

Was macht das Lager Moria mit den Flüchtenden?


Die Zeit in Moria, ich denke jeden Tag daran, hat mich verändert. Doch was macht die Zeit dort erst mit den Menschen? Den Müttern, den Kindern, den Vätern und Großeltern? Morias offizieller Teil, der mit Zaun und Checkpoint gesicherte, ehemalige Militärstützpunkt, ist inzwischen der geringste Teil. Die meisten Menschen leben im Dschungel, im „Olive grove“, dem Olivenhain.

Dort sitzen Generationen auf einem Hügel, der nach Urin und allem möglichen riecht. Es gibt Gewalt, keine Versorgung, überall Müll, permanent besorgte Eltern. Erwachsene Frauen tragen nachts Windeln, um nicht im Dunklen ihre Notdurft zu verrichten. Männer halten nachts Wache, Kinder versuchen zu schlafen. Kein Strom, Dunkelheit, nächtliche Schreie. Das haben Menschen gegen ihre Heimat getauscht. Es gab diesen Moment, an dem ich entschied, zu bleiben, anstatt zu gehen. Ein Moment, in dem ich vorauseilend alles akzeptierte, was mir widerfahren wird. Sie haben mich flehend angesehen, ich möge meine Geschichten von diesem Ort erzählen. Die Hoffnung, die sie in meine Hände schüttelten und mit ihren Umarmungen in meine Brust drückten, ich hoffe, sie haben die Hoffnung immer noch.

Gewalt, Angst und Chaos beherrschen das Leben in Moria auf Lesbos

Die Familie eines Bauingenieurs aus Syrien lud mich in ihr Zelt ein. Ein Tee für mich, ich war ein geschätzter Gast, wir saßen im Kreis und begannen zu reden. Wenn sie gekonnt hätten, hätten sie auch ihr Essen mit mir geteilt. Die Familie lebt seit Monaten in einem Zelt des UNHCR. Sie gehören zu den Glücklichen, die sich nicht mit einem billigen Iglu-Zelt aus dem Supermarkt abfinden müssen.

Drinnen ist es sauber, ich ziehe die Schuhe aus, und wir sitzen auf Teppichen und Isomatten. Alles, was sie besitzen, alles was sie brauchen, ist sorgfältig in Kartons verstaut. Der Unterschied zu dem Chaos aus Dreck, Wurzeln, Zeltleinen und Kabeln, die überall sonst herum liegen und hängen, irritiert mich erst. Aber hier wohnen Eltern mit einem Teenager und einem Kleinkind sowie der Großvater der Kinder. Das Kleinkind ist gerade nach dem Stillen eingeschlafen, es schnauft ein wenig. Hat mein Kind in dem Alter auch gemacht, denke ich noch. Nur saß meine Partnerin nicht besorgt daneben und hatte Angst, was in den nächsten Stunden passiert.

In Moria kann sich die Welt stündlich ändern. Jedes Leben dort ist unklar. Die konstante Größe ist: Essen, Versorgung, Medizin, Unversehrtheit. Davon erzählen der Vater und sein Sohn in einem Englisch, das besser ist als meins, beim Tee: „Was da draußen ist, darf hier nicht rein. Wir achten darauf, dass wir es hier gut haben.“ Gut ist relativ, denke ich. Wie sich doch die Ansprüche verschieben können. Was er meint, ist der Versuch, des hier eigentlich unmöglichem, nämlich einen Schutzraum für seine Familie zu erhalten. „Die Nächte sind schwierig“, fährt er fort. Die Kinder hätten oft Angst, würden immer wieder wach oder schlafen überhaupt schlecht ein.

Das Spiel der Kinder in Moria auf Lesbos

Es gibt viele Kinder dort. Nicht alle spielen, nicht alle können das. Von denen, die scheinbar unbeschwert herum tollen, feuern die meisten Maschinengewehrsalven aus den Holzstöcken ab, die sie auf andere richten. Ich habe mich noch nie so vor Kindern erschrocken, nie hat mich das Spiel von Kindern so entsetzt, wie in Moria, als mir imaginäre Kinderkugeln um die Ohren flogen. Noch nie wollte ich so sehr irgendwo weg, und noch nie wollte ich so sehr bei diesen Menschen bleiben.

Eine weitere Begegnung hatte ich mit einem Paar aus Afghanistan. Als die Frau an einen Taliban verkuppelt werden sollte, nahm sie ihre Liebe an die Hand und flüchtete. Sie wusste, dass ihr Mann sie schützen und die Taliban ihn töten würden. Also sind sie gerannt. In der Türkei kamen sie in eine staatliche Unterkunft, die Versorgung war miserabel, mit der Option, chancenlos zu sein und vergessen zu werden, haben sie sich nicht abgefunden. So sind sie wieder gerannt. Küste, Meer, Grenze. Das Ersparte gehört jetzt einem Schleuser, die beiden haben sich ihr Überleben gekauft. Sie kamen in Europa an, und dachten: Wir müssen jetzt nicht mehr rennen. Doch dann: Moria.

Sie haben mir geholfen, mit einer Familie zu sprechen, weil sie übersetzt haben. Wir saßen zusammen, alle haben gelächelt und fanden, dass uns außer Freiheit nicht viel unterscheidet.

Es kommt mir alles so vor, als sei es unfassbar lang her. Doch es war erst im letzten Oktober. Wir hielten seitdem Kontakt, ab und zu piepst mein Handy im sicheren Deutschland: „Das Wetter ist schlecht. Aber wir haben Klebeband bekommen und machen Löcher im Zelt zu.“ Das war der Herbst. „Es ist kalt, aber wir haben ein Feuer gemacht, leider können wir es nicht mit ins Zelt nehmen.“ Das war um Weihnachten und Neujahr. Und zuletzt im März, als alles auf Lesbos eskalierte: „Alle wollen weg. Keiner ist mehr da. Nur Leute, die uns Angst machen“. Mich zerreißt es.

Ich habe seit dem nichts mehr von ihnen gehört. Ich hoffe, es geht ihnen gut. Mir und vielen anderen ist klar, dass es zahlreiche Wege gibt, auf denen man Moria verlassen kann, ich hoffe, sie haben es geschafft, zu rennen.

Ghezal und Aarian aus Afghanistan im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos.

Geschichten wie in Moria auf Lesbos gibt es überall


Von diesen Geschichten gibt es Zehntausende. Nicht nur in Moria. Es gibt sie auf vielen griechischen Inseln, dem gesamten Balkan, am Ärmelkanal. Überall, wo Stacheldraht die Menschen staut. Was ich gesehen habe, ist nur ein Bruchteil. . Ich habe auf Kundgebungen gesprochen undhoffentlich Menschen berührt. Das ist, was ich hier tun kann. Die Corona-Pandemie hat vieles davon unmöglich gemacht, doch das ist ein Luxusproblem im Vergleich zu den Auswirkungen, die die Pandemie auf die Menschen in diesen Lagern hat. Moria ist seit drei Monaten abgeriegelt und im Lockdown. Wie ein Dauerauftrag verlängert sich das alle vierzehn Tage, als hätte jemand vergessen, ihn zu kündigen. Die aktuelle Situation ist die Kündigung vieler Dinge: Zugang zum Asylsystem, Zugang zu medizinischer Versorgung, Schutz vor rassistischen Angriffen.

Auch NGOs sind Repressalien ausgesetzt. Nicht nur in Griechenland. Andreas Scheuers (CSU) Neuregelung der Verordnung für Sportboote setzt kleine NGOs wie „Mare Liberum“, Resqship oder auch bekanntere wie Lifeline vor eine Wahl. Investitionen im Ausmaß eines Genickbruchs für die geforderten Sicherheitszeugnisse zu tätigen oder im zu Hafen bleiben. Blind bleiben. Stumm bleiben. Deutschlands Anteil an der Abschottung wird nicht genug betont. Auch über Deutschlands Zeugenschaft bei Einsätzen der deutschen Marine werden wir sprechen müssen.

Was sage ich meinem Sohn, wenn ich ihn heute ins Bett bringe? Was kann ich einem Fünfjährigen über das Unglück sagen? Über Menschlichkeit? Ich bin ehrlich, ich belasse es bei der Geschichte, als ich den Motor eines Beibootes reparierte. Wie stolz ich war, als das Ding auf einmal los knatterte und zwei damals noch Fremde sich in einer Wolke aus Zweitaktgemisch zufrieden anlachten. Ich werde meinem Sohn sagen, dass es wichtig ist, zu helfen. Jeder, der Hilfe braucht, muss sie bekommen. Wer seinen Kindern das sagt, verändert vielleicht schon viel. In Griechenland, hier und überall. (Von Daniel Kubirski)

Erstmals ist im überfüllten Migrantenlager von Moria auf der griechischen Insel Lesbos ein Mensch positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Die EU und ihre Mitgliedsländer haben die explosive Lage im Lager Moria geduldet. Sie passte zur Politik der Abschreckung. Damit muss jetzt Schluss sein. Ein Kommentar

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