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Tabakzüchter Mehmet Ali (Mitte) fährt 1966 als letzter Mann seines Dorfes Bademli nach Deutschland, um zu arbeiten.
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Tabakzüchter Mehmet Ali (Mitte) fährt 1966 als letzter Mann seines Dorfes Bademli nach Deutschland, um zu arbeiten.

„Lern du erschdamol richtig Deitsch“

60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei: Dilek Güngör erzählt, wie es ist, ein Kind von „Gastarbeitern“ zu sein

Was haben wir gelernt? Unsere Eltern nannte man Gastarbeiter, sie nannten sich selbst Gastarbeiter und wir, wir waren die Kinder der Gastarbeiter. Wir haben uns nicht gewundert über dieses Wort, in dem der Gast und der Arbeiter eins waren. Wir hätten uns wundern können, denn ja, wir sprachen Deutsch, das haben wir gelernt. Wir haben erst einmal richtig Deutsch gelernt. „Lern du erschdamol richtig Deitsch.“ Man sagte uns das unentwegt, auf Schwäbisch, also haben wir es gelernt, und heute, Jahre später, wo wir nicht mehr Schwäbisch sprechen, kommt uns das richtige Deitsch unserer Kindheit nur holprig über die Lippen.

Niemand sagt mehr „Lern du erst einmal richtig Deutsch“ zu uns, es spricht auch keiner von Gastarbeitern. Wir sagen jetzt Deutsche mit Migrationsgeschichte, aber auch das wird sich bald geben. Immerzu suchen wir nach neuen Namen für uns, finden sie und häuten uns wieder.

Wir haben nicht nur richtig Deutsch gelernt, wir haben auch gelernt, was richtig ist. Auch das, was falsch ist. Aber noch viel mehr haben wir gelernt, was zählt und was nicht zählt.

Richtig war, Erwachsene mit „Grüß Gott“ zu grüßen und an Ostern Eier auszublasen, ein Schulranzen von Scout war richtig und Sommerferien an der Adria. „Merhaba“ war nicht falsch, aber ein Gruß für eine andere Welt, für andere Menschen, ein Gruß, der nur zu Hause oder am Telefon mit Oma etwas bedeutete.

Wir kauften uns einen Weihnachtsbaum und glänzende Kugeln, das Opferfest aber blieb ein Fest für eine Welt in unserer Welt, sichtbar für alle Augen und dennoch unsichtbar für die allermeisten. Von den Sommerferien bei Oma ganz zu schweigen, unsere Ferien waren keine Ferien, das war bloß ein Familienbesuch. Sie zählten nicht und wir beschwerten uns nicht. Wir haben Deutsch gelernt, aber nicht, Ansprüche zu stellen. Nicht aus Angst, wir kamen einfach nicht auf die Idee. Es war, so wie es war. Denn was wir am allerbesten gelernt haben, worin wir Meisterinnen sind und Meister, ist das Aushalten von Widersprüchen.

Wir haben Deutsch gelernt, aber auch, dass wir nicht immer gemeint sind, wenn von „uns“ gesprochen wird. Dass ein Wir nicht wir, sondern „ihr nicht“ bedeuten kann. Wir haben gelernt, dass das, was und wie wir zu Hause sprachen und aßen und feierten, in der Schule oft nicht relevant war. Relevant war das, was eure Eltern euch beibrachten, was ihr zu Hause lerntet und wie ihre eure Feste begingt. Doch weil das, was uns die Eltern beibrachten, natürlich trotzdem galt und relevant war, verknüpften wir das, was etwas zählte, und das, was nicht zählte, zu einem festen Netz.

Vor allem lernten wir, den Überblick zu behalten. Mit doppeltem Netz und doppeltem Boden lernt man, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Wir bleiben vorsichtig, aber wir können schnell sein. Wir haben einen guten Sinn für Ungereimtheiten, wir wissen, wann ihr wissen wollt, woher wir kommen, und wann ihr bloß fragt, weil ihr uns nicht dabeihaben wollt. Wir erkennen den Unterschied.

Wir können über vieles hinwegsehen, wir können auch weghören, wir können improvisieren und etwas schaffen aus nichts, nämlich Sinn.

Wir haben gelernt zu verzichten, auf Eindeutigkeit zum Beispiel. Wir brauchen keine Klarheit, wir können auch ohne, wir haben keine Angst vor Gegensätzen. Wir können damit leben, dass etwas wichtig ist, das Opferfest etwa, und dass es in Ordnung ist, wenn uns dieses Fest nichts bedeutet, dass wir es mit der Familie feiern und allen gratulieren, die es auch feiern, dass wir zusammensitzen, aber nicht vom gebratenen Hammel essen, der erst am Morgen geschächtet worden ist. Wir können damit leben, dass man uns meint, wenn man von den Kindern der Gastarbeiter spricht. Wir fühlen uns sogar gemeint, auch wenn wir heute sagen, wir sind deutsch und den Begriff so weit fassen, wie unsere Arme greifen können. Wir suchen keinen Namen mehr, schon gar nicht einen perfekten. Wir sind wir selbst, das waren wir von Anfang an.

Dilek Güngör ist Autorin, jüngst erschien „Vater und ich“ (Verbrecher Verlag). www.dilek-guengoer.de

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