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"Wenn man sich heute wieder Gedanken über eine Sanierung macht, dann ist es keine gute Idee, an einem intakten Fundament herumzurütteln."

Lektüre für Reichsbürger

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Das Grundgesetz ist die perfekte Anleitung zum Zusammenleben.

70 Jahre alt wird es also, unser Leitwerk der Gesetzgebung, unser Leitfaden des Zusammenlebens. Entstanden zu einer Zeit, als so unglaublich vieles noch in Schutt und Asche lag, nicht nur Häuser, Straßen und Geschäfte, sondern auch Träume, Leben und Seelen. Entstanden, als Kriegserinnerungen und Erinnerungen an eine Horrordiktatur den Menschen kalt den Rücken runterliefen. Entstanden, obwohl das menschenverachtende Gedankengut nicht einfach und von jedem abgestreift war.

Also zu einer Zeit, in der es auch hätte anders laufen können – im Umgang der Sieger mit den glücklicherweise Besiegten. Aber stattdessen gab es Lerneffekte aus der Geschichte, Konsens und Weitsicht statt Rache. Eine weise Entscheidung, die eine der wesentlichsten Grundlagen dafür schuf, dass sich diese unsere demokratische Bundesrepublik entwickeln konnte.

Moderatorin und Journalistin Dunja Hayali.

Jetzt, sieben Jahrzehnte später, schreit es förmlich nach einem Facelifting, wenn nicht sogar nach völliger Sanierung. Die Welt hat sich schließlich weitergedreht und Deutschland gleich mit. Kann doch nicht sein, dass so verstaubte Abfassungen dem noch gerecht werden können. Digitalisierung, Globalisierung, Terror, künstliche Intelligenz, Klimawandel, Migration, Asyl, Schere zwischen Arm und Reich, Bildung, Pflege, Rente, usw.

Dunja Hayali ist Moderatorin und Journalistin. Im ZDF präsentiert sie das Morgenmagazin sowie das Aktuelle Sportstudio und eine eigene Talkshow.

Sie engagiert sich aktiv gegen rassistische Tendenzen in der Gesellschaft.

Also ran an die Verfassung. Den Stift in der Hand lese ich und lese und lese. Vergleiche, überprüfe, checke Prozesse und Sicherheitsvorkehrungen, die zum Beispiel der Willkür antidemokratischer Kräfte entgegenwirken sollen, wie unter anderem die Regelungen der Gewaltenteilung. Verstehe noch besser die Gründe und Zusammenhänge. Sehe, dass Vorsorge getroffen wurde, damit auch zweckmäßige Anpassungen möglich wurden und dauerhaft bleiben, mit demokratischen, aber hohen Hürden, um Fahrlässigkeit zu vermeiden.

Ich lege den Stift beiseite. Mir fehlen die Kinderrechte, die es bisher nicht ins Grundgesetz geschafft haben. Es wäre eine zukunftsorientierte Ansage der großen Koalition, sollten sie ihr Vorhaben endlich umsetzen. Aber sonst? Ich bin nicht enttäuscht, nicht desillusioniert, nicht frustriert. Nein, eher... weiterhin stolz und neu berührt. Auch von den weitsichtigen Menschen, die sich damals aufmachten, die Verfassung zu entwerfen. Die durch die Geschichte belohnt wurde, als sie am 3. Oktober 1990, nach der Überwindung der Teilung des Landes, zum verbindlichen Grundgesetz aller Deutschen wurde.

Wenn man sich heute wieder Gedanken über eine Sanierung macht, dann ist es keine gute Idee, an einem intakten Fundament herumzurütteln. Ja, es braucht Modernisierung, auch bei unserer Gesetzgebung, nicht aber bei deren Leitplanken. Denn eines sollten wir nicht vergessen: Das Grundgesetz ist die Grundlage unserer nationalen Identität.

Deshalb würde ich mir wünschen, dass einfach alle Menschen, Heimatbeschützer, Reichsbürger, Nie-wieder-Deutschland-Rufer, radikale Fanatiker, Neu- wie Altbürger, das Grundgesetz (also DIE Basis für Kontinuität und Entwicklung bei uns) lesen und sich seiner sinnstiftenden Bedeutung bewusst(er) werden. Es ist und bleibt, gerne gepaart mit einer guten Kinderstube, Herzensbildung und den zehn Geboten, die perfekte Anleitung zum Zusammenleben. Es regelt eben nicht nur die Rechte, die wir über gegenüber dem Staat haben.

Es gibt Menschen, sogar Gruppen, die unser Grundgesetz bewusst nicht achten, umdeuten wollen beziehungsweise bewusst falsch auslegen. Die versuchen, ihre menschenverachtenden Minderheitenmeinungen in Mehrheitsmeinungen zu verwandeln. Wir sollten also wachsam sein und Gesicht zeigen – auch um unsere Demokratie, die ja dem Grundgesetz zugrunde liegt, zu bewahren und zu beschützen. Die Demokratie ist, genauso wie das Grundgesetz, keine Selbstverständlichkeit.

Ich bin mir sicher, viele Menschen beneiden uns darum, in einem Land zu leben, in dessen Verfassung der erste Artikel mit den Worten beginnt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Und ich bin den Verfassern und Hütern gleichermaßen dankbar dafür, dass sie damit ausdrücklich nicht nur die Würde des deutschen Menschen meinen. Was aber genau bedeutet Würde? Ist Würde nur ein abstraktes Wort, oder wie lässt sie sich ins konkrete Leben umsetzen? Um sich dieser Herausforderung zu stellen, braucht wohl nicht das Grundgesetz ein Update, sondern wir als Gesellschaft.

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