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Assyrer in der Türkei

Die Leiden der Knechte Gottes

  • VonGerd Höhler
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Assyrer kehrten in der Hoffnung auf angekündigte Reformen in die Türkei zurück. Nun müssen sie vor Gericht um den Erhalt des Klosters Mor Gabriel streiten.

Sie sind eine eingeschüchterte Minderheit: die Assyrer, die syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei. Wegen Unterdrückung haben in den vergangenen Jahrzehnten etwa 300 000 Assyrer das Land verlassen. Heute leben nur noch 3000 syrisch-orthodoxe Christen in der Türkei. Sie kämpfen um ihre Identität: Dem assyrischen Kloster Mor Gabriel in der Südostprovinz Mardin droht Enteignung. Die Dorfvorsteher dreier benachbarter kurdischer Orte machen in Gerichtsverfahren dem Kloster Land und Gebäude streitig. Lokale Politiker der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP unterstützen die Kläger. Am Freitag begann die erste Verhandlung in der Kreisstadt Midyat.

Das Kloster gehört zu den ältesten christlichen Kirchen der Welt. Es wurde im Jahr 397 n. Chr. gegründet. Mor Gabriel ist eines der letzten erhaltenen christlichen Baudenkmäler auf dem Tur Abdin, einem Hochland, das sich von der Stadt Mardin nach Osten bis zum Tigris erstreckt. Seinen Namen Tur Abdin (Berg der Knechte Gottes) erhielt das Gebiet von den etwa 80 Klöstern, die hier seit dem vierten Jahrhundert gegründet wurden. Wie die christlichen Armenier wurden auch die Assyrer im Osmanischen Reich im Ersten Weltkrieg verfolgt und vertrieben. Assyrische Quellen beziffern die Zahl der Opfer auf eine halbe Million. Bis Anfang der 1970er Jahre lebten noch etwa 300 000 Assyrer in der Region. Die meisten von ihnen flohen nach Westeuropa, teils aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch wegen staatlicher Unterdrückung und zunehmender Übergriffe fanatischer Muslime. In Deutschland leben etwa 90 000 syrisch-orthodoxe Christen.

Heute gehört Mor Gabriel zu den wenigen erhaltenen syrisch-orthodoxen Klöstern in der Türkei. Hier lebt Erzbischof Timotheos Samuel Aktas mit 70 Mönchen, Schwestern und Schülern. Das Kloster gilt als geistliches Zentrum der syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei. Mit Blick auf die EU-Kandidatur und demokratische Reformen, die der islamisch-konservative Premier Tayyip Erdogan einleitete, hatten die Assyrer eigentlich auf ein Ende ihrer Benachteiligung gehofft. Hunderte Exilanten siedelten sich wieder auf dem Tur Abdin an, vor allem in der Umgebung von Mor Gabriel. So begann der aktuelle Konflikt. Denn die Heimkehrer nahmen ihre verlassenen Häuser in Besitz und beanspruchten ihr Land, auf dem die Kurden aus den Nachbardörfern ihr Vieh weideten.

Bei den gegen Bischof Timotheos angestrengten Prozessen geht es um angeblich widerrechtlich angeeignete Ländereien, den Vorwurf der Steuerhinterziehung, aber auch Missionstätigkeit. Der evangelische württembergische Landesbischof Frank Otfried July sieht in den Prozessen den Versuch, "das Kloster als christliches Zentrum auszulöschen".

Mord in Trabzon und Malatya

Die EU-Staaten lassen die Prozesse beobachten. Ohnehin steht das Thema Religionsfreiheit auf der Tagesordnung der 2006 eröffneten Beitrittsverhandlungen. In der Türkei, deren Bewohner zu gut 99 Prozent Muslime sind, leben etwa 100 000 Christen, darunter 15 000 Katholiken und 3000 Protestanten. Ihre Kirchen sind weitgehend rechtlos. Christliche Geistliche klagen nicht nur über behördliche Schikanen. "Jeder, der sich als Christ offen zeigt, ist in Gefahr", sagt Michael Ragg vom Hilfswerk "Kirche in Not". Für Schlagzeilen sorgten Anfang 2006 der Mord an einem Priester in der Schwarzmeerstadt Trabzon und 2007 die Ermordung von drei Mitarbeitern eines Bibelverlags im südosttürkischen Malatya.

EU-Diplomaten in Ankara hoffen, dass die Enteignung des Klosters abgewendet werden kann, und warnen davor, die türkische Justiz politisch massiv unter Druck zu setzen - zumal die Klagen selbst nach Einschätzung türkischer Juristen auf eher schwachen Füßen stehen.

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