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Corona-Test in Srinagar: In dem bevölkerungsreichen Land fehlt es an allem.

Indien

Das Leid der Arbeiter

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Mit der weltweit größten Ausgangssperre versucht Indien, den Kollaps zu verhindern. Das führt zu einem weiteren Problem: Hunger.

Seit dem Lockdown am 24. März sitzt Budhu Bai mit ihrem Mann und ihren vier Kindern meist unter einem Maulbeerbaum und versucht, sich so wenig wie möglich zu bewegen. Es ist heiß, die 35-Jährige kann sich Hunger und Durst nicht leisten. Sie weiß nicht, wann ihre Familie das nächste Mal etwas zu essen und zu trinken bekommen wird. Budhu Bai teilt ihr Schicksal nach Schätzungen mit Hunderttausenden Wanderarbeitern, die in Indien während der Krise gestrandet sind und vom Staat und Hilfsorganisationen versorgt werden müssen. Um zu verhindern, dass in dem Land mit dem maroden Gesundheitssystem Hunderttausende sterben, hat die Regierung den weltweit größten Lockdown angeordnet. Die Lähmung des 1,3-Milliarden-Einwohner-Staates könnte unzählige Menschenleben retten, doch die Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik und sozialen Zusammenhalt sind schon jetzt massiv.

Eigentlich wollte Budhu Bai mit ihrem Mann und ihren 16 und 13 Jahre alten Söhnen auf Feldern im Bundesstaat Madhya Pradesh Weizen ernten. Umgerechnet rund 3,60 Euro sollten sie so pro Tag und Kopf verdienen. Doch Erntetätigkeiten wurden verboten – die Familie verlor ihre Einkommensquelle. Seitdem leben sie mit 18 anderen Wanderarbeitern und insgesamt 17 Kindern unterm Maulbeerbaum und warten, dass Premier Narendra Modi das Land aus dem künstlichen Koma erweckt. Ohne fließend Wasser, ohne Toilette, ohne Strom, ohne Dach über dem Kopf.

Einmal am Tag stellt ihnen der Bauer, für den sie zuvor gearbeitet haben, etwas zu essen hin. In Kanistern holen sie Wasser. Es reicht gerade, um den Durst zu stillen und sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Seife gibt es nicht.

Mahatma Gandhi Seva Ashram, eine Partnerorganisation der Welthungerhilfe, versorgt die Wanderarbeiter mit Weizenmehl, Linsen, Öl und Gewürzen. Zudem hat die Organisation Atemschutzmasken verteilt. Doch nachts rücken die Menschen so dicht zusammen, dass auch die Masken nicht helfen. In Indien, wo Vergewaltigungen keine Seltenheit sind, suchen Frauen und Mädchen nachts den Schutz der Gemeinschaft. Zudem haben die Tagelöhner andere Sorgen als Social Distancing. „Ich weiß nicht viel über diese Krankheit“, sagt Budhu Bai. Sie, ihr Mann und ihre Kinder sind nie zur Schule gegangen. „Für mich ist der Lockdown schlimmer als das Virus.“

Polizisten infiziert

Im Bundesstaat Maharashtra sind 786 Polizisten positiv auf das Virus getestet worden. Sieben seien an den Folgen von Covid-19 gestorben, teilte ein Sprecher am Sonntag mit. Maharashtra im Westen Indiens mit der Finanzmetropole Mumbai ist mit rund 30 Prozent der Fälle des Landes einer der am stärksten vom Virus getroffenen Bundesstaaten. (dpa)

Bis zum 17. Mai hat Modi den Lockdown verlängert. Zudem will die Regierung eine verpflichtende Tracking-App einführen. Nicht nur die dichtbesiedelten Slums der Städte, in denen sich oft mehr als 100 Menschen eine Toilette teilen, gelten als tickende Zeitbomben. Mittlerweile hat die Regierung das Land in grüne, orange und rote Zonen eingeteilt. In roten Hotspots gelten strenge Regeln. In den orangenen und grünen Zonen, in denen mindestens drei Wochen lang keine neuen Fälle aufgetreten sind, gibt es Lockerungen. So wurde etwa der Verkauf von Alkohol teilweise wieder erlaubt.

Selbst China ist nicht so rigoros gegen die Ausbreitung des Virus vorgegangen. Die indische Regierung tut es, weil sie keine andere Wahl zu haben glaubt. „Das Gesundheitssystem ist überhaupt nicht auf einen größeren Covid-19-Ausbruch vorbereitet. Die Folgen wären katastrophal“, sagt Christian Wagner, Indien-Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Intensivbetten, Tests, Beatmungsgeräte, Schutzkleidung für medizinisches Personal: Es fehlt an allem.

Bis Sonntag gab es in Indien laut der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität 62 939 Infektionen, 2109 Menschen sind an Covid-19 gestorben. Da in Indien bislang wenig getestet wird, dürfte die Dunkelziffer viel höher sein. Zudem hat sich der Zeitraum, in dem sich die Infektionszahlen verdoppeln, von zwölf auf 9,5 Tage verkürzt. „Alle bereiten sich mit den begrenzten zur Verfügung stehenden Mitteln auf das Schlimmste vor und hoffen auf das Beste“, sagt Jacob Goldberg, medizinischer Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Indien. Ende März hatte Ramanan Laxminarayan, Direktor des Zentrums für Krankheitsentwicklungen in Washington, gewarnt, dass Indien sich auf einen „Tsunami von Corona-Fällen“ einstellen müsse.

In Indien arbeiten nach Schätzungen bis zu 90 Prozent der Erwerbstätigen ohne Vertrag, die meisten von ihnen leben ohne soziale Absicherung und Rücklagen. Bis zu 40 Millionen Menschen sollen ihren minimalen Lohn als Wanderarbeiter verdienen. Ein Großteil von ihnen verlor nun die Arbeit und die an den Job gebundene Unterkunft.

Nach der Fernsehansprache des Premiers machten sich deshalb Hunderttausende Menschen überstürzt in überfüllten Bussen und Bahnen auf den Heimweg. Als der öffentliche Personenverkehr eingestellt wurde, zogen Hunderttausende Verzweifelte in großen Trecks zu Fuß weiter. Einige starben vor Erschöpfung. Als die Bundesstaaten ihre Grenzen schlossen, strandete Hunderttausende.

„Viele Wanderarbeiter stehen jetzt vor dem Dilemma: Sterben wir am Virus oder am Hunger?“, so Indien-Experte Wagner. Seit dem 1. Mai bringen Sonderzüge die Arbeiter zurück in ihre Heimat. Doch Budhu Bai und Hunderttausende Tagelöhner wissen noch nicht, wann und ob sie einen Platz an Bord bekommen. Sie macht sich Sorgen, ob ihre vier Kinder unterm Maulbeerbaum satt werden. Heute. Und morgen.

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, über die Reform der Entwicklungsarbeit, drohende Hungersnot und Corona-Aufklärung mit Comics: Im Interview warnt er, die Ärmsten nicht im Stich zu lassen.

Die Corona-Krise überrollt die globale Wirtschaft. Auf der Strecke bleiben nicht nur die großen Konzerne, sondern vor allem ihre Arbeiter. Zum Beispiel in der Produktion von Handschuhen in Malaysia.

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