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Lehren aus dem NSU ziehen

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Von: Hanning Voigts

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Die Lehren aus der Mordserie des NSU stehen bei der Tagung „Leerstelle Rassismus – NSU und die Folgen“ im Mittelpunkt.
Die Lehren aus der Mordserie des NSU stehen bei der Tagung „Leerstelle Rassismus – NSU und die Folgen“ im Mittelpunkt. © picture alliance / dpa

Eine Tagung in Kassel diskutiert über Rassismus und rechten Terror. Die Aufarbeitung des Mordes an Halit Yozgat vor Ort ist Thema einer Podiumsdebatte.

Kamil Saygin mahnt zur Geduld. Vielleicht, sagt der Vorsitzende des Kasseler Ausländerbeirats, gebe es ja eines Tages eine Mehrheit in der Stadt, um die Holländische Straße nach Halit Yozgat zu benennen, der dort vor zehn Jahren in seinem Internetcafé ermordet wurde – mutmaßlich von den Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). „Aber erzwingen können wir es nicht“, so Saygin. Der Wunsch von Yozgats Vater sei derzeit nicht mehrheitsfähig. „Wir sind noch nicht so weit.“

Die Lehren aus der Mordserie des NSU und der Umgang mit dem gesellschaftlichen Rassismus stehen im Mittelpunkt der Tagung „Leerstelle Rassismus – NSU und die Folgen“, die an diesem Mittwoch in Kassel stattfindet. In Workshops diskutieren Fachleute auf Einladung des Beratungsnetzwerks Hessen und der evangelischen Kirche über Diskriminierung in der Schule, Perspektiven migrantischer Communities auf den NSU-Komplex oder den Umgang mit rechter Gewalt in der Bildungsarbeit.

Der Soziologe Fabian Virchow erklärt anhand der Debatte um die Flüchtlingspolitik, wie politische Kampfbegriffe wie „Überfremdung“ ein völkisches Weltbild transportieren – und wie Medien solche Ansichten stärken, wenn sie Migranten oder Flüchtlinge als „Fremde“ oder Problemfälle beschreiben, anstatt sie selbst zu Wort kommen zu lassen. „Es gibt Gruppen, die mit dem, was sie sagen, wie sie ihre Erfahrungen vermitteln, nicht ernstgenommen werden“, sagt Virchow. Das habe vor dem Auffliegen des NSU für die Familien der Opfer gegolten, die stets auf ein mögliches rassistisches Tatmotiv hingewiesen hatten, und das gelte noch heute für Menschen, die von ihren Erfahrungen mit Rassismus berichteten.

„Umbenennung wäre Symbol“

Die Aufarbeitung des Mordes an Halit Yozgat vor Ort ist Thema einer Podiumsdebatte, die zeigt, wie stark die Tat Kassel bis heute bewegt. Reinhold Weist, Referent von Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD), lobt das Engagement der Stadtgesellschaft als „beispielhaft“. In engem Kontakt mit Familie Yozgat sei ein Platz nahe des Tatorts in Halitplatz umbenannt worden; er sehe viel Bereitschaft, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Kamil Saygin vom Ausländerbeirat stimmt Weist zu, kritisiert aber, dass es immer noch zu wenig Austausch zwischen Kasseler Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund gebe. Und wenn sich kaum jemand den Kundgebungen des Pegida-Ablegers Kagida entgegenstelle, zeige das: „Wir haben unsere Hausaufgaben alle miteinander nicht gemacht.“

Ayse Güleç von der antirassistischen Initiative 6. April sagt, die Straßenumbenennung könne ein Symbol sein, das „das Geschehene wie eine Wunde zeigt“. Andernfalls werde die Erkenntnis verhindert, „dass es so etwas gibt wie einen strukturellen Rassismus“. Reinhold Weist streitet mit Güleç und dem Publikum lange darum, ob es für die Umbenennung der Straße eine demokratische Mehrheit geben könnte oder ob sie die Stadt eher spalten würde. Es geht hoch her. Kassel wird noch viele Diskussionen um den Mord an Yozgat brauchen.

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