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Leere Versprechen, zerbröckelter Kitt

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Von: Andrea Jeska

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Mit Schüssen in die Luft vertreiben Taliban-Kämpfer protestierende Frauen in Kabul. wakil kohsar/afp
Mit Schüssen in die Luft vertreiben Taliban-Kämpfer protestierende Frauen in Kabul. © Wkil Kohsar/afp

Seit ihrer Machtübernahme vor einem Jahr führen die Taliban in Afghanistan ein Schreckensregime – sie unterdrücken aufgeklärte Kräfte und Frauen unerbittlich. Doch die neue Regierung ist gespalten. Wer kämpft dort und für was?

Die Tötung des Al-Kaida-Chefs Aiman al-Sawahiri durch eine US-amerikanische Hell-Rakete am 31. Juli hat den Glauben als Irrtum entlarvt, dass die Taliban ihr Versprechen einhalten und Al-Kaida aus Afghanistan vertreiben. Die Vereinbarung, Al-Kaida keinen Schutzraum mehr zu bieten, damit diese von dort keine neuen Terroranschläge auf westliche Länder planen und ausführen können, ist nunmehr hinfällig. Sie war einer der zentralen Punkte im Vertrag von Doha, den die USA 2020 mit der Talibanführung abschlossen, um ein Jahr später ihre Soldaten nach fast 20 Jahren Krieg gegen den Terrorismus aus dem Land abzuziehen.

Al-Sawahiri scheint sich in Kabul sicher gefühlt zu haben. Er saß auf dem Balkon seiner Villa in einem gehobenen Wohnquartier der Hauptstadt, als ihn die Rakete buchstäblich aus dem Leben schoss. Vermutlich wurde er von einem Informanten aus dem Innenkreis der Taliban verraten. Sein Wohnsitz, so berichten es US-Medien, war ein sogenanntes Schutzhaus, also ein Haus, in dem es im Falle eines Attentats sichere Räume gibt, und es gehörte dem Hakkani-Netzwerk, eine Vereinigung, die von den USA und der Nato als Terrororganisation eingestuft wird und auf deren führende Köpfe zehn Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt sind.

Was wie der Plot einer dieser Hollywood-Action-Filme klingt, ist in Afghanistan ein Jahr nach der erneuten Machtergreifung der Taliban nur ein weiterer Beweis für eine tiefe Spaltung innerhalb der Taliban-Führung. Auch wenn das Ende des Kriegs und der Abzug der ausländischen Soldaten die Gewalt vermindert haben, es deutlich weniger Kämpfe, Tote und Verletzte gibt, ist der Boden Afghanistans noch immer fruchtbar für terroristische Saat. Der Kitt, der die Taliban zusammenhielt, als alle Fraktionen innerhalb der Radikalislamisten noch ein gemeines Ziel hatten, nämlich die Vertreibung der ausländischen Soldat:innen und die Wiedererlangung der Macht, dieser Kitt ist lange vertrocknet und bröckelt. Im Machtkampf stehen Realpolitiker gegen Ideologen, neue Anführer gegen ehemalige Warlords, junge Taliban-Kämpfer gegen behagliche Nomenklatura, Paschtunen gegen Nicht-Paschtunen – und alles dies ist umwickelt von einem Netz ehemaliger und gegenwärtiger Allianzen, Verbrüderungen, Verflechtungen sowie dem Ringen um die Deutungshoheit, wer auf welche Weise die radikale Vorstellung eines guten Islams am besten vertritt.

Al-Sawahiris Aufenthalt in Kabul, die Tatsache, dass er dort gemütlich in seiner Villa sitzen konnte, verdankt er der Unterstützung des Haqqani-Netzwerks. Die sogenannten Hardliner, unter ihnen der 42-jährige Innenminister Siradschuddin Hakkani, sollen großen Einfluss innerhalb der Regierung haben und Al-Kaida unterstützen. Die Pragmatischen unter den neuen Talibanpolitikern würden Al-Kaida lieber zum Teufel schicken. Ihr Ziel ist es, vom Westen anerkannt zu werden, um mit westlichen Investitionen, Finanzhilfen und vor allem humanitären Hilfsgeldern die wirtschaftliche Talfahrt zu bremsen und den grassierenden Hunger zu bekämpfen.

Laut Angaben internationaler Hilfsorganisationen hungert inzwischen die Hälfte der afghanischen Bevölkerung, auch das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen und Institutionen, die unter der Vor-Regierung Anlaufpunkte für Minderheiten sowie Opfer häuslicher und sexueller Gewalt waren, sind durch Ministerien für Tugend und die Verhinderung von Lastern ersetzt worden.

Der Riss innerhalb der Talibanführung ist jedoch nicht nur ein politischer, sondern auch ein ideologischer. Der politische Kampf wird in Kabul ausgetragen, der ideologische in Kandahar. Dort ist das Gebiet des Staatsoberhaupts des Islamischen Emirats Afghanistan, Hibatullah Achundsada. Der geschätzt 62-jährige Nachfolger des 2016 gestorbenen Taliban-Anführers Akhtar Mansour lässt sich gerne als Prinz der Gläubigen titulieren und will aus Afghanistan den islamischsten aller islamischen Staaten machen.

Achundsada hat eine typische Taliban-Laufbahn: erzogen und sozialisiert in einer Koranschule in Pakistan, wurde er in den 90ern vom pakistanischen Militärgeheimdienst ISI ausgebildet und dann in den Kampf um die Rückeroberung Afghanistans geschickt. Er war es, der den Befehl für die Zerstörung der Statuen von Bamian gab, und er ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass der Kabinettsbeschluss vom März dieses Jahres, Mädchen ab der 7. Klasse die Rückkehr in die Schulen zu erlauben, nach zwei Unterrichtsstunden wieder einkassiert wurde, und dass höhere Schulbildung ihnen bis heute verwehrt bleibt.

Für Taliban wie Achundsada sind die Forderungen nach Bildung, Meinungsfreiheit, Menschen- und Frauenrechten Ausgeburten westlicher Einflüsse, so dekadent wie die gesamte westliche Welt. Das Rechtsempfinden der radikalen Islamisten unter den Taliban basiert auf der Überzeugung, nur von Gott geschaffenes Recht habe Bestand und Wert. Die Durchsetzung dieses angeblichen Gotteswillen legitimiert Gewalt gegen jeden Verstoß und auch die brutale Unterdrückung der Frauen, denen die Teilnahme am sozialen und wirtschaftlichen Leben verweigert wird und deren Dasein unter den Taliban Amnesty International kürzlich „Tod in Zeitlupe“ nannte. Kaum vorstellbar, dass einige Frauen, wie am Samstag in Kabul, immer noch die Kraft finden, gegen ihre Entrechtung öffentlich zu protestieren.

Ein Bericht der Unterstützungsmission der UN in Afghanistan (Unama) vom Juni zeigt das ganze Ausmaß der Gewaltbereitschaft der neuen Herrscher. Er listet außergerichtliche Hinrichtungen von ehemaligen Sicherheitskräften, mutmaßliche Fälle von Folter, willkürliche Festnahmen, Menschenrechts-Vergehen gegen Frauen und Mädchen auf, darunter Vergewaltigung, Mord, Zwangsheirat, Kinderehen.

Welche politischen Konsequenzen die Verletzung des Doha-Abkommens haben wird, ist bislang nicht absehbar. Die Anwesenheit Al-Sawahiris in Kabul wirft die Frage auf, ob es Al-Kaida mit Hilfe der Hardliner gelingen wird, in Afghanistan wieder so Fuß zu fassen, dass von dort aus neue Anschläge verübt werden können – auf den Westen. Talibanvertreter beeilten sich jedenfalls, zum Jahrestag ihrer Machtübernahme zu beteuern, dass sie Doha weiter umsetzen wollen.

Terror im eigenen Land müssen die Taliban und die Bevölkerung aber weiterhin durch den Islamischen Staat Khorasan (IS-K) fürchten. Dieser hatte am 26. August 2021, als Abertausende Menschen versuchten nach der Machtergreifung der Taliban zu fliehen, einen Selbstmordanschlag am Flughafen von Kabul verübt, bei dem vermutlich 150 Menschen starben, darunter 13 US-Soldaten. Der Terrorgruppe wird, neben anderen Attentaten, bei denen über Tausend Menschen umkamen, auch der Anschlag auf eine Mädchenschule im Mai 2021 zur Last gelegt. Bei diesem starben 85 Schülerinnen. Erst vor wenigen Tagen übernahm der IS-K auch die Verantwortung für das Selbstmordattentat auf Rahimullah Hakkani in Kabul, einen hohen und einflussreichen Würdenträger der Taliban und erklärten IS-Gegner. Hakkani hatte sich zuletzt öffentlich für den Zugang von Mädchen zum Schulunterricht ausgesprochen.

Der IS-K ist ein Ableger des IS und breitet sich vor allem im Norden Afghanistans aus. Er entstand vor sieben Jahren, als Vertreter des IS Mitglieder für neue Regionalgruppen rekrutierten. Zulauf erhielten die Gruppe auch von ehemaligen Taliban-Kämpfern aus Pakistan und Mitgliedern des Haqqani-Netzwerks. Wegen des Doha-Abkommens mit dem Westen betrachtet der IS-K die afghanische Taliban-Regierung als Feind und Verräter. Androhungen weiterer Attentate gibt es auch gegen die für die afghanische Wirtschaft wichtigen Infrastrukturprojekte. Seit ihrer Machtergreifung haben die Taliban ihren Nachbarländern Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan versichert, ihnen drohe keine Gefahr durch terroristische Angriffe. Sowohl Tadschikistan als auch Turkmenistan planen seit langem eine Eisenbahnverbindung, die ihre Länder mit Städten in Afghanistan verbindet. Unter den Taliban gab es neue Gespräche zur Realisierung. Drohungen des IS-K könnten diese Pläne nun erneut begraben.

Möglicherweise wird das Spannungs- und Konkurrenzverhältnis innerhalb der Taliban in Verbindung mit der wirtschaftlichen Abwärtsspirale, den Bedrohungen durch den IS-K und ein erneuter Feldzug der USA gegen Al-Kaida in Afghanistan die Taliban langfristig mehr schwächen, als es alle Sanktionen und Proteste des Westens es vermögen.

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