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Juni 2019: Abtreibungsgegner laufen vor einer Klinik in Missouri auf. Für Patientinnen stehen Kräfte bereit, die sie sicher in die Klinik begleiten.

USA

„Lebensschützer“ nutzen die Krise

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Konservative US-Bundesstaaten verbieten wegen Pandemie vermehrt Abtreibungen.

Nancy Northup gibt sich kämpferisch. „Das ist nicht das letzte Wort“, protestiert die Aktivistin, die als Chefin des New Yorker Center for Reproductive Rights seit 17 Jahren für die freien Entscheidungsrechte von schwangeren Frauen streitet: „Wir werden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um gegen diesen Missbrauch von Notstandsbefugnissen anzugehen.“ Der Kampf wird die amerikanischen Abtreibungsbefürworterinnen wahrscheinlich schon bald vor den Supreme Court führen, wo 1973 das Recht auf Schwangerschaftsabbruch erstritten wurde.

In der Corona-Krise steht dieses Verfassungsrecht in der Praxis nämlich auf der Kippe. Die Bundesstaaten Texas, Ohio und Alabama haben Schwangerschaftsabbrüche zu „nicht notwendigen“ Eingriffen erklärt, sofern das Leben der Mutter nicht unmittelbar in Gefahr ist. Solche vermeintlich unwichtigeren Operationen dürfen während der Pandemie nicht durchgeführt werden. Amerikanische Medien berichten von Frauen, die verzweifelt versuchen, einen Termin zu bekommen.

Probleme in Italien

Auch in Italien  werden wegen der Corona-Krise Abtreibungen schwieriger. Vor allem im Norden des Landes sei ein Großteil der für Schwangerschaftsabbrüche vorgesehenen klinischen Ressourcen für die Behandlung von Covid-19-Patienten abgezogen worden, berichtet die Zeitung „Repubblica“. Das betreffe unter anderem Betten und Anästhesisten. Die Vorsitzende des Vereins von Abtreibungsärzten Laiga, Silvana Agatone, sprach von einer „Tragödie in der Tragödie“. kna

Nun müssen sie auf der Suche nach einer Klinik, die den Eingriff vornimmt, hunderte Kilometer in Nachbarstaaten reisen, was angesichts der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus ein zusätzliches Risiko darstellt. Außerdem schränken nun auch diese Staaten den Zugang ein.

„Das ist skrupellos“, erregt sich Alexis McGill Johnson, die Geschäftsführerin der Familienberatungsorganisation Planned Parenthood: „Die Patienten sind während der Pandemie ohnehin schon einem höheren Risiko ausgesetzt. Abtreibungen sind nicht verschiebbar, und sie können nicht warten, bis die Corona-Krise vorbeigezogen sind.“ Doch das sehen konservative Richter in den USA ganz anders. Nachdem Abtreibungsbefürworter in der ersten Instanz in allen drei Bundesstaaten Erfolge erzielen konnten, ist der Gouverneur von Texas in die nächste Instanz gegangen. Am Dienstag erhielt er von dem Berufungsgericht recht.

„Während einer öffentlichen Gesundheitskrise dürfen alle Verfassungsrechte in einem vernünftigen Umfang beschnitten werden“, erklärte Richterin Kyle Duncan, die von Präsident Donald Trump ernannt worden war. Zur Abwehr einer Epidemie, die die ganze Gesellschaft bedrohe, könnten Bundesstaaten Notfallmaßnahmen anordnen, solange diese nicht willkürlich seien. Der Verdacht liegt nahe, dass die Abtreibungen in den konservativen Bundesstaaten nicht nur auf unbestimmte Zeit ausgesetzt werden.

Ein praktischer Ausweg aus dem Dilemma könnte die verstärkte Verordnung von Abtreibungspillen sein, die den Eingriff in der überlasteten Klinik überflüssig machen. Doch in zahlreichen US-Bundesstaaten müssen Frauen, die auf diese Weise ihre Schwangerschaft beenden wollen, drei Termine in einer Klinik haben: Der erste dient der Voruntersuchung. Beim zweiten wird die Pille in Anwesenheit des Arztes eingenommen. Dann gibt es noch eine Nachuntersuchung. Die Vertreter von 21 demokratisch regierten Staaten fordern in einem Brief an das Weiße Haus, dass diese Vorgaben gekippt werden und die Abtreibungspille nach einer Telefonberatung auf Rezept in der Apotheke abgeholt und eigenständig eingenommen werden kann. Dass der auf die Stimmen der evangelikalen Abtreibungsgegner angewiesene Präsident diesem Wunsch nachkommt, scheint aber höchst unwahrscheinlich.

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