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Hilfe aus der Luft: Das Spenderblut wird abgeworfen und segelt zu Boden.

Drohnen in Afrika

Lebensrettende Fracht am Fallschirm

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Drohnen liefern in Ruanda dringend benötigte Blutkonserven aus - sie könnten ein Modell für den ganzen Kontinent sein.

Uwimana Kabuga verdankt ihr Leben einer Drohne. Während der Geburt ihres ersten Söhnchens verlor die junge Mutter dermaßen viel Blut, dass die Vorräte der Blutkonserven im ruandischen Kabgayi-Hospital schnell aufgebraucht waren. Früher hätte sich daraufhin ein Fahrzeug auf den gewundenen Weg in die rund 60 Kilometer entfernte Hauptstadt Kigali gemacht. Bis zu dessen Rückkehr wäre Kabuga längst verblutet.

So aber rief die verantwortliche Schwester in der Entbindungsstation nur kurz das Blutdepot in Muhanga an – und wenige Minuten später wurde eine Drohne, so groß wie ein stattlicher Modellflieger, in die Luft katapultiert. Für den Weg zum Kabgayi-Hospital braucht das unbemannte Fluggerät nur wenige Minuten – auch wenn es regnet, der Straßenverkehr zum Stocken gekommen ist oder Dunkelheit herrscht. Gestern musste die Drohne sogar zweimal fliegen, erst dann ließ sich die Blutung bei Uwimana Kabuga endlich stillen. „Ich weiß nicht, wie viele Leben dieses Ding schon gerettet hat“, sagt eine OP-Schwester.

Ausgerechnet im zentralafrikanischen Kleinstaat Ruanda ist der erste dauerhaft installierte Drohnen-Transportservice der Welt unterwegs. Seit Oktober 2016 bringen die unbemannten Fluggeräte der Silicon-Valley-Firma Zipline Blutkonserven in Distrikthospitäler oder Gesundheitszentren. Erst nur vom Stützpunkt in Muhanga aus, doch Anfang dieses Jahres richtete das US-Unternehmen noch einen zweiten Start- und Landeplatz im Osten des Landes ein. Seitdem erreichen die Drohnen fast alle 500 Gesundheitszentren und 35 Kliniken des bergigen Kleinstaats. Die kleinen motorisierten Geräte legten bereits mehr als 14 000 Flüge mit insgesamt weit über einer Million Kilometern zurück. Inzwischen werden neben den Blutkonserven auch andere dringend benötigte Medikamente und Impfstoffe, etwa gegen das im Nachbarland Kongo wütende Ebola-Virus, verteilt.

Drohnen könnten in Afrika eine bedeutende Zukunft haben

Experten sagen den Drohnen in Afrika eine bedeutende Zukunft voraus. Wie beim Mobilfunk könnte der Kontinent mit dieser Technologie gleich mehrere Stadien der Entwicklung überspringen. Obwohl es auf dem Erdteil niemals ein dichtes Kabelnetz für Telefone gab, verfügt heute fast jeder Mensch in Afrika über eine mobile Telefonverbindung per Handy. Genauso könnte bald jeder Afrikaner Gegenstände aus der ganzen Welt erhalten, auch wenn seine abgelegene Hütte von keiner Straße erreicht wird. Eine hinlängliche Infrastruktur auf dem Landweg zu schaffen, würde den Kontinent jährlich mehr als 100 Milliarden US-Dollar kosten, rechnete die Afrikanische Entwicklungsbank aus: eine für den Erdteil schlicht unerschwingliche Summe. Drohnen könnten dieselben Aufgaben zu einem Bruchteil dieser Kosten erfüllen.

Während der ehemalige britische Afrika-Korrespondent Jonathan Ledgard von einem über den gesamten Kontinent gespannten Drohnennetz träumt (siehe Artikel auf der rechten Seite), konzentrierte sich Zipline ganz auf den medizinischen Bereich, wo der lebensrettende Nutzen der unbemannten Flugobjekte am offensichtlichsten ist. Das US-Unternehmen baut seine Drohnen (Spannweite: 3,30 Meter) selbst. Der Firma gehören ehemalige Ingenieure der Nasa und von Boeing an.

Um unnötiges Gewicht sowie den Bau aufwendiger Start- und Landebahnen zu vermeiden, haben die Konstrukteure dem vor allem aus Styropor bestehenden Flieger keine Räder verpasst: Die Zipline-Drohnen werden mit einem Katapult in die Höhe geschossen. Bei ihrer Rückkehr sorgt eine elektronisch gesteuerte Galgeneinrichtung dafür, dass sie mit einem gespannten Seil abgefangen werden können. Weil sie am Zielort der Fracht nicht zwischenlanden können, werfen sie ihre Last mit einem kleinen Fallschirm ab. Und zwar mit derartiger Präzision, dass die in einem schuhschachtelgroßen Karton verpackte Blutkonserve stets punktgenau auf dem Pflaster vor dem Labor des Kabgayi-Hospitals aufschlägt.

Drohnen mit feststehenden Flügeln

Dass sich Zipline ganz auf Drohnen mit feststehenden Flügeln statt auf Hubschraubern ähnliche Fluggeräte mit Rotoren festlegte, begründet die Firma mit der Geschwindigkeit der Flieger: Sie können locker bis zu 120 Stundenkilometer erreichen. Die Darmstädter Firma „Wingcopter“ entwickelte inzwischen allerdings ein Fluggerät, das wie ein Helikopter senkrecht startet, um in 50 Meter Höhe seine Rotoren um 90 Grad zu drehen und wie ein Flugzeug in der Waagerechten weiter zu fliegen. Auf diese Weise kann der Wingcopter so gut wie überall landen und muss seine Last nicht aus der Luft abwerfen.

Außerdem kann er von seinem Zielort gleich Blut- oder Gewebeproben mitbringen, um sie zu Hause untersuchen zu lassen: ein gewaltiger Vorteil. Die Achillesferse beider Bauarten von Elektrofliegern sind allerdings die Batterien, die bereits nach weniger als 100 Aufladungen schlappzumachen pflegen. Wegen ihrer noch immer begrenzten Leistung darf die Zuladung der Drohnen wenige Kilogramm nicht überschreiten.

Trotzdem kommen die halbstarken Brummer inzwischen in ganz Afrika immer häufiger zum Einsatz. In Südafrikas Krügerpark werden sie von Rangern im Kampf gegen Wilderer genutzt, und auf Sansibar wird ihre Hilfe bei der Kartografierung der Insel benötigt. In Mosambik machen sie Brutstätten der Malaria übertragenden Anopheles-Mücke ausfindig, und im Sudan werden sie zum Pflanzen von Akazienbäumen ausgesandt. Plantagenbesitzer setzen sie in der Elfenbeinküste zur besseren Dosierung von Düngern und Schädlingsvernichtungsmitteln ein, und auf dem gesamten Erdteil sollen sie die Degenerierung der Böden sowie die zunehmende Entwaldung erforschen.

Experten sind sich einig, dass Drohnen bald zum afrikanischen Alltag gehören wie heute schon die Smartphones: Schließlich vermögen die pilotenlosen Flieger anstandslos Urwälder, verstopfte Megastädte, Wüstenregionen oder von wilden Löwen bevölkerte Savannen zu überqueren.

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