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Lebenslänglich im Rollstuhl

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Nach einem rassistischen Überfall in Brandenburg auf den Rollstuhl angewiesen: Noël Martin bei einer Pressekonferenz in Berlin.
Nach einem rassistischen Überfall in Brandenburg auf den Rollstuhl angewiesen: Noël Martin bei einer Pressekonferenz in Berlin. © ddp

Durch einen Überfall Rechtsextremer in Brandenburg ist Noël Martin querschnittgelähmt. In seiner Autobiografie "Nenn es: mein Leben" schreibt er auch über seine Nahtoderfahrung.

Es ist gegen elf Uhr, als Noël Martin seine Freunde Arthur und Michael im Club abholt und mit ihnen nach Mahlow zurückfährt. Sie wollen ihre Sachen holen und gleich nach Halle weiterfahren. Vorher halten sie an einer Telefonzelle am Bahnhof, um nach England zu telefonieren.

Dann sehen sie die Neonazis. "Nigger, Nigger!" Sobald sie die schwarzen Männer bemerkt haben, fangen sie an, sie zu beschimpfen. Arthur und Michael wollen sich mit ihnen prügeln.

"Nein", sagt Noël. "Steigt ein. Wir ignorieren diese Scheißkerle."

Er fährt los, an einer Baustelle vorbei. Dort steht ein Mann mit einem Stein in der Hand. Noël denkt sich nichts dabei. Vielleicht haben Michael und Arthur den Mann auch gesehen, aber sie sagen nichts.

Dann rast ein Auto heran und will seinen Jaguar überholen. Noël sieht, wie Arthur sich auf den Fußboden kauert. Im Rückspiegel erkennt er, dass sich auch Michael auf den Boden duckt. Er hört ein knackendes Geräusch und denkt an die Pistole, die er bei den Neonazis gesehen hat. Dann hat ihn der Wagen überholt. Er fährt direkt vor seinem Jaguar auf die rechte Spur.

Das Letzte, woran er sich erinnern kann, bevor er gegen den Baum prallt, ist sein Versuch, nach links auszuweichen, damit er nicht gegen den Wagen fährt, der jetzt genau vor ihm ist. Er kommt von der Straße ab. Die linken Räder des Jaguars drehen durch.

Dann läuft ein Film in seinem Kopf ab, schwarz-weiß und im Zeitlupentempo. Er sieht unbekannte Personen am Auto vorbeilaufen. Szenen aus seinem Leben spielen sich vor seinen Augen ab - wie in einem Zeichentrickfilm.

Er spürt den Schlag in seinen Füßen.

"Spüren Sie, dass ich Ihre Füße berühre?", fragt ihn jemand.

"Nein", sagt er.

Langsam aus dem Koma erwachend, realisiert er, dass er bewegt wird. Er befindet sich auf dem leeren Korridor eines Krankenhauses, das irgendwie russisch aussieht. Diese Leere macht ihm Sorgen. Es ist nichts da. Er möchte etwas gegen die Schmerzen haben, aber das Mädchen neben ihm versteht ihn nicht.

Sie zeigt auf die Flasche, die über einen Schlauch mit ihm verbunden ist. Sie ist leer.

"Es gibt nichts mehr", sagt das Mädchen.

Das Geräusch eines Hubschraubers durchstößt die Mauer seiner Bewusstlosigkeit.

Wie im Traum sieht er seine Frau Jacqui, die mit ihren Eltern auf einer Brücke steht. Sie ziehen ihn aus dem Wasser. Und dann winken sie ihm zu.

"Er wird nicht sterben", hört er Jacqui sagen, und dann kann er nur noch den Hubschrauber hören.

Er wacht auf und hat Angst. Es fühlt sich an, als ob sein Kopf nach unten hängen würde.

"Ich möchte aufrecht sitzen", sagt er.

"Sie sitzen aufrecht", sagt das Mädchen.

Sie haben mich plattgemacht

Er wurde verlegt, sagt die Krankenschwester. Von Ludwigsfelde nach Berlin-Neukölln. Sie öffnet die Tür und Jacqui kommt herein. Arthur und Michael sind bei ihr.

"Seid ihr verletzt?", fragt er Arthur und Michael.

"Nur leicht", sagt Arthur.

"Sie haben mich plattgemacht", sagt er zu Jacqui.

"Sie können dich nicht plattmachen", sagt sie. "Du wirst immer gut aussehen."

"Kannst du mir eine Zigarette geben?", fragt er.

Sie schließt die Tür, damit keiner merkt, dass er raucht, und zündet ihm eine Zigarette an. Nach zehn Minuten kann er nicht mehr atmen.

Die Ärzte kommen und versuchen fieberhaft, ihm einen Schlauch mit Sauerstoff in Nase und Hals zu schieben.

"Ich werde sterben", sagt er.

"Nein", sagt Jacqui.

Er wird schnellstens in den Operationssaal gebracht.

Der Tod kommt

Sie haben einen Luftröhrenschnitt gemacht, damit er durch einen Schlauch im Hals atmen kann. Weil er eine Lungenentzündung hat, versagen die Lungen. Die Maschine, an der er hängt, schlägt Alarm. Ärzte stürzen herein, stoßen die Geräte und Stühle zur Seite, um an ihn heranzukommen. Noël tritt aus seinem Körper heraus und dreht sich um. Er sieht, wie die Ärzte versuchen, den Körper, der auf dem Bett liegt, wiederzubeleben.

Jetzt merkt er, dass weitere Menschen im Zimmer sind. Sieben oder acht Personen sind dazugekommen. Einige tragen altmodische Kleidung. Wie sein Großvater in den Zwanzigern. Ein anderer trägt nur einen Lendenschurz. Einige sehen wie Sklaven aus.

"Dein Vater sagt, wir sollen uns um dich kümmern", sagt einer von ihnen. Der Mann bewegt seine Lippen nicht; die Worte scheinen direkt aus seinem Kopf zu kommen. "Wir sind deine Verwandten."

Er hat sie zwar noch nie gesehen, aber das überrascht ihn nicht, denn er kennt nicht alle Familienmitglieder.

"Komm mit uns", sagt einer.

"Wohin?", fragt Noël. "Ich kann im Moment nirgendwo hingehen."

"Komm."

Jetzt sieht er seinen Vater, der sich hinter dem Apparat für das Elektrokardiogramm versteckt hat. Das ist ziemlich merkwürdig, weil er genau weiß, dass sein Vater in Birmingham ist und dort in seinem Bett schläft. Und dennoch ist er hier. Seltsam. Da er nicht leibhaftig bei seinem Sohn sein kann, ist sein Geist im Traum in dieses Krankenhauszimmer gekommen. So muss es sein.

"Komm mit uns", hört er den Mann noch einmal sagen.

Langsam regt ihn das auf, wie sie alle da stehen und ihn anlächeln und ihm sagen, er solle kommen, kommen, kommen. Wieso sollte er denn mit ihnen gehen? Und wie?

"Komm doch. Alles wird gut werden."

Nein, er geht nicht mit ihnen. Das kommt nicht in Frage.

"Nein", sagt er. "Noch nicht. Ich bin noch nicht so weit."

Jetzt hört er die Ärzte.

"Kommen Sie zurück, Herr Martin, kommen Sie zurück."

Und dann liegt er wieder in dem Bett und ist mit den Ärzten allein.

Gute Wünsche aus Birmingham

Eine Woche später wacht er auf. Sein ganzer Körper brennt, obwohl sie ihn mit Eis zugepackt haben. Eis um seine Stirn, an Armen und Beinen, auf Brust und Bauch.

Zunächst denkt er, dass er in England sein muss, denn Kenley steht neben seinem Bett.

"Du siehst gut aus", sagt Kenley, aber Noël sieht ihm an, dass es nicht wahr ist.

Kenley berichtet von vielen Menschen aus Birmingham, die ihm alle gute Besserung wünschen. Sie werden Noël herzlich willkommen heißen, wenn er wieder nach Hause kommt. Und viele wären am liebsten mitgekommen, um den Neonazis den Krieg zu erklären.

Auch Johnny kommt ihn im Krankenhaus besuchen. Er sitzt neben seinem Bett.

Plötzlich rutscht etwas unter der Decke hervor und hängt seitlich am Bett hinunter. Johnny greift danach.

"Was ist das?", fragt er.

Es ist Noëls Hand. Es wird ihnen erst nach ein paar Sekunden bewusst, weil sie so klein und abgemagert ist. Das kann doch nicht wahr sein, denkt Noël. Als ob sie nicht mehr mit mir verbunden wäre. Wie ein Gegenstand, ein Fremdkörper. Es kommt ihm vor wie ein Albtraum.

Er hat viel Gewicht verloren, sagt der Arzt. Nach dem Unfall hatte er innere Blutungen, die von einem Magengeschwür herrührten. Sie können ihn nur mit einem Schlauch ernähren.

"Werde ich meine Hand wieder bewegen können?", fragt er.

"Es gibt eine einprozentige Chance", sagt der Arzt.

"Diese Chance werde ich wahrnehmen", sagt er.

Er ist vom Hals abwärts gelähmt. Die Wirbelsäule ist im Genick gebrochen. Eine Querschnittslähmung, von der Arme und Beine betroffen sind. Er fühlt nichts mehr. Er kann sich nicht bewegen.

Sie behalten ihn über einen Monat im Krankenhaus in Deutschland. Jacqui bleibt bei ihm. Sie hat mit Johnnys Hilfe ein Zimmer gemietet. Aber die meiste Zeit verbringt sie im Krankenhaus.

Zwei deutsche Freundinnen besuchen ihn. Sie haben Blumen mitgebracht.

"Wir werden dich nach Hause mitnehmen", sagen sie.

"Sein Zuhause ist in Birmingham", sagt Jacqui, "und ich bringe ihn dorthin zurück. Wenn Sie nach Birmingham kommen und ihn dort pflegen wollen, können Sie das gerne tun."

Er weiß nicht, wie Jacqui ihn pflegen will. Sie hat doch einen Job.

"Meinen Job gebe ich auf", sagt sie. "Du brauchst mich. Wir müssen irgendwie zurechtkommen."

Sie wollen sobald wie möglich nach Hause fahren, aber das ist ziemlich kompliziert. Der Transport ist teuer, und wer soll das bezahlen? Er hat keine Versicherung, die die Transportkosten übernehmen würde. Von deutscher Seite scheint es auch keine Möglichkeit zu geben. Rechtlich betrachtet hat er Anspruch auf einen Platz in einer Rehabilitationsklinik in Deutschland. Es gibt keine Vorschrift, die besagt, dass querschnittsgelähmten Opfern von rechtsradikaler Gewalt der Rücktransport in ihr Heimatland finanziert werden muss.

Jacqui wendet sich an die britische Botschaft in Berlin. Sie bitte um Hilfe, um Noël nach Hause zu bringen. Die Botschaft lehnt jegliche Unterstützung ab. Auch als sie nach englischen Büchern fragt, damit sie etwas zu lesen hat, helfen sie ihr nicht weiter. Jacqui und Noël fragen sich, ob sie überhaupt noch britische Staatsangehörige sind. Und ob es möglich sein wird, Deutschland zu verlassen.

Endlich bekommen sie eine positive Antwort: Die private Hilfsorganisation "Aktion Cura" ist bereit, die Transportkosten zu übernehmen. Aktion Cura, denkt er. Das klingt gut. Aktionen zählen mehr als Worte.

Vorher muss er noch die Täter identifizieren.

Ein Richter kommt mit einem Anwalt und mehreren Polizisten. Sie zeigen ihm ein Video. Zehn Männer aufgereiht, mit Nummern versehen.

"Erkennen Sie jemand?", fragen sie ihn.

Es sieht aus, als würde einer der Männer anfangen zu lächeln, als wollte er sagen, hier bin ich, ich bin's gewesen, und Noël fragt sich, ob das eine List sein soll. Ein weiterer Mann auf dem Foto scheint auch zu lächeln.

"Nein." Er schüttelt den Kopf. Nein, er erkennt keinen von ihnen. Einer der Polizisten hat eine Pistole dabei, sie steckt in einem Halfter. Noël fragt, ob er sich die Waffe ansehen dürfe. Der Polizist lehnt dies ab, aber der Anwalt erklärt, er solle Noël die Pistole ruhig zeigen. Der Polizist entlädt sie, bevor er sie Noël reicht. Als ob Noël jemanden damit erschießen könnte.

"Wann kann ich nach Hause fahren?", fragt er den Anwalt.

"Wir müssen Sie hierbehalten, bis wir die Täter gefunden haben", lautet die Antwort.

Michael erkennt die Neonazis wieder. In einer Nachrichtensendung werden Passanten in Mahlow interviewt. Unter den Menschen, die sich um den Fernsehreporter geschart haben, befinden sich auch Sandro und Mario. Michael erkennt sie sofort.

Sie zeigen Noël ein Foto von Mario. Er erinnert sich, Mario schon einmal gesehen zu haben. Es war in einem Restaurant in Mahlow, in dem Noël mit einer deutschen Bekannten zu Abend aß. Der Mann saß auf der anderen Seite des Raums mit mehreren Mädchen. Er hat Noël angestarrt und sich dann zu den Mädchen umgedreht. Er schien ziemlich verärgert gewesen zu sein. Später ist er aufgestanden und hat Noël so wütend angesehen, dass dieser glaubte, er würde gleich auf ihn losgehen. Die Mädchen hielten den Typ aber zurück. Ja, es war dieser Mann. Er war an jenem Abend am Bahnhof dabei. Dieser Mann muss ihn wirklich gehasst haben.

Die Täter kommen vor Gericht.

Sandro, der Steinewerfer, bekommt fünf Jahre. Mario wird zu acht Jahren verurteilt. Er hatte den Wagen gefahren. Er gibt offen zu, dass er Fremde und Schwarze hasst. Keiner zeigt Reue für das, was sie getan haben.

Ihr Opfer bekommt lebenslänglich. Lebenslänglich im Rollstuhl.

Zurück in England

"Wirst du mit der Querschnittslähmung fertig werden?", fragt ihn Jacqui mehrfach. "Wenn nicht, werde ich den Stecker ziehen."

Er weiß, dass sie es kaum verkraften kann, ihn so zu sehen. Er, im besten Mannesalter, an diese Leben erhaltenden Maschinen angeschlossen. Schließlich wird er mit einem Ambulanzflugzeug nach England gebracht.

Ihnen ist klar, wie ungeheuer schwierig sein neues Leben sein wird. Sie müssen mit völlig neuen, völlig anderen Lebensumständen fertig werden. Sie denken, dass diese Paralyse das Schlimmste ist, was ihnen passieren konnte. Sie können nicht ahnen, dass es noch schlimmer kommen wird. Dass das Leben noch eine schlimme Wendung nehmen wird.

Die Ärzte, die Krankenschwestern, die Mitarbeiter von der Sozialfürsorge - sie glauben, dass sie alles besser wissen als man selbst. Sie glauben, dass sie dir sagen können, wie du dein Leben zu leben hast. Sie drängen sich auf. Sie stellen Forderungen. Sie wollen, dass sich Noël und Jacqui einer psychologischen Betreuung unterziehen. Sie sagen, sie bräuchten eine spezielle Beratung, um mit dieser Situation zurechtzukommen. Noël und Jacqui wollen aber weder psychologische Betreuung noch Beratung. Das müssen sie den Ärzten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern immer wieder erklären.

Nach einem Monat in Southport empfiehlt der Arzt ein anderes Krankenhaus. Für Rückenmarksverletzungen sei die Spezialklinik in Oswestry besser.

Kurz bevor sie Southport verlassen, macht Jacqui mit Noël einen kleinen Ausflug auf dem Krankenhausgelände. Weil der Rollstuhl nicht ausreichend gefedert ist - was Jacqui aber nicht weiß -, zieht sich Noël eine Druckstelle am Gesäß zu. Er muss danach vier Tage im Bett bleiben. Keinen Druck auf die geschädigte Stelle, befiehlt der Arzt. Sonst könnte eine Druckwunde entstehen. Die arme Jacqui ist verzweifelt und kann nicht aufhören zu weinen. Sie wollte ihm keinen Schaden zufügen.

Während des Ausflugs sieht Noël weit oben am Himmel einen Vogel. Es ist das erste Mal seit zwei Monaten, dass er etwas Lebendiges außerhalb des Krankenhauses sieht. Er weiß, dass er weiterleben möchte. Es wird Zeit, um sein Leben zu kämpfen.

Er ist sich mit Jacqui einig. Er wird sich acht Jahre Zeit nehmen, und wenn er dieses Leben dann nicht mehr erträgt, wird er um Sterbehilfe bitten. Aber als Erstes muss er diesen Schlauch im Hals loswerden. Denn er kann sich nicht vorstellen, ständig durch einen Schlauch zu atmen. Er hat Männer im Krankenhaus gesehen, die seit fünf Jahren mit einem Schlauch im Hals leben. Es hat ihnen nicht viel genutzt. Noël und Jacqui sind sich einig. Der Schlauch muss weg.

"Entfernen Sie den Schlauch", sagt Jacqui zu den Ärzten.

"Nein, das können wir nicht tun", sagen sie. "Er wird sterben."

Sie besteht darauf, und der Schlauch wird entfernt. Für die Nacht wollen die Ärzte den Schlauch aber wieder einführen.

"Nein."

"Aber er wird sterben", sagen sie wieder.

"Wenn er stirbt, dann stirbt er", sagt Jacqui. "Das ist sein Wille."

Er stirbt nicht. Wie in Deutschland fragt er den Arzt: "Wie hoch ist die Chance, dass ich meine Arme wieder bewegen kann?"

"Ein Prozent", sagt der Arzt.

"Diese Chance werde ich wahrnehmen", sagt Noël. "Eines Tages werde ich wieder laufen können."

Der Arzt tritt einen Schritt zurück, schaut ihn eindringlich an und ergreift Noëls Hände.

"Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen", sagt der Arzt.

In der Spezialklinik

Sie bringen Noël im Krankenwagen nach Oswestry, eine Stadt in der Nähe der englisch-walisischen Grenze. Das Krankenhaus stammt aus der Kriegszeit, und es sieht so aus, als ob seitdem nichts mehr daran gemacht worden wäre. Es ist dreckig, heruntergekommen, zugig. Als sie den langen Korridor hinuntergehen, schauen sich Noël und Jacqui an: Das war ein Riesenfehler.

Noël erhält ein Bett in einem riesigen Saal, in dem rund 50 Patienten liegen. Das Bett befindet sich in der Mitte des Saales, weit entfernt von den Krankenschwestern. Von dort aus kann er sie nicht rufen, wenn er sie brauchen sollte. Und da er nichts allein machen kann, braucht er ständig jemanden. Er traut sich nicht, laut zu sprechen, weil sich das Pflaster auf dem Luftröhrenschnitt ablösen könnte. Und er hat Angst, mit einer offenen Wunde daliegen zu müssen.

Neues Leben im Rollstuhl

Sein neues Leben, gefesselt an den Rollstuhl, kommt ihm sinnlos vor. Jacqui und er wissen nicht, wie lange sie dies ertragen können.

Er kann nicht arbeiten, nicht tanzen, nicht joggen, nicht reiten. Er kann mit Jacqui nicht mehr schlafen. Sie kocht jamaikanische Gerichte für ihn, aber sie muss ihn füttern, bevor sie selbst essen kann. Es gibt keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr. Alle Freude ist verschwunden.

Und er ist der Welt ausgeliefert. Er ist von anderen Menschen vollkommen abhängig, ist auf ihr Verständnis und ihren guten Willen angewiesen. Außer Jacqui kann keiner verstehen, wie viel Angst ihm das macht.

"Wir könnten all dem ein Ende setzen", sagen sie sich. Vielleicht wäre es besser, gar nicht zu leben. Einfach zusammen sterben, zusammen in eine bessere Welt gehen, wo es nicht so viel Leid und Schwierigkeiten gibt. In eine Welt, in der sie in Liebe zusammen sein können. Wenn die Zeit kommt, wenn es vollkommen unerträglich wird, wird Jacqui es für sie beide tun. So sehr liebt sie ihn.

Bis es so weit ist, müssen sie die neue Situation bewältigen. Das braucht jedoch Zeit. Denn der Alltag ist ein beständiger Kampf geworden.

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