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Alex Glesel, 76, träumt jetzt wieder häufiger vom Kinderheim in Sibirien. Wie er isst und isst und niemals satt wird.

Zeitgeschichte

Lebenslänglich

Seine Eltern waren deutsche Kommunisten und wollten in der Sowjetunion das Arbeiterparadies erschaffen. Als Alex Glesel zwei war, wurde sein Vater von den Genossen umgebracht. Mit dreizehn kam er in der kasachischen Steppe ins Arbeitslager. Bis heute ist er ein Kind des Gulag geblieben.

Von Maxim Leo

Wer Alex Glesel verstehen will, muss seinen Keller gesehen haben. Zwei große Tiefkühltruhen gibt es da, in denen die Reste gelagert werden, die bei den Mahlzeiten übrig geblieben sind. „Essen wird bei uns nicht weggeworfen“, sagt Alex Glesel. Er sagt es mit dieser melancholisch singenden Stimme, in der sein ganzes schweres Leben mitzuschwingen scheint. Neben den Kühltruhen liegen die Winterkartoffeln. Drei Zentner müssen es mindestens sein. Mit drei Zentnern kann seiner Frau und ihm nichts passieren. Auch etwa vierzig Kilo Zucker sind immer im Haus. „Ich denke ständig, morgen kann was passieren. Und was man hat, das hat man.“

Im Keller lagert auch Sauerkohl in schweren Tongefäßen. Glesel legt ihn mit Meerrettich, Roter Bete, Blättern vom Kirschbaum, Knoblauch und Pfeffer ein. So wie damals im Kinderheim in Sibirien. Jedes Mal, wenn er die Kellertreppe runtersteigt, führt ihn der Geruch des sauren Kohls nach Jurtiska zurück, in dieses verdammte Nest, 700 Kilometer östlich des Urals. Und jedes Mal ist es wie ein Wunder für ihn, dass er nun schon so lange nicht mehr hungern muss. Dass er diesen Keller hat, dieses Paradies, in dem es von allem so viel gibt, dass selbst er keine Angst mehr haben muss.

Es ist ein feuchter Novembertag in Berlin-Buchholz. Draußen steht der Nebel auf der Wiese, und drinnen, im gut geheizten Wohnzimmer seines mit hellbraunen Klinkersteinen gebauten Hauses, legt Alex Glesel die Fotos und Papiere auf den Tisch, die ihm geblieben sind aus dieser Zeit, die heute so seltsam fern zu sein scheint.
Ein Foto zeigt ihn im Februar 1951 in Karaganda, dieser sogenannten Stadt, in der die Menschen noch Jahre nach dem Krieg in Erdhöhlen lebten. Mitten in der kasachischen Steppe lag dieser düstere Ort, den Alexander Solschenizyn einmal als Hauptstadt des „Archipel Gulag“ bezeichnete. Glesel, sechzehn Jahre alt, steht im Schnee, eine Fellmütze auf dem Kopf, an den Füßen Bastschuhe, die mit Tüchern umwickelt sind. Er ist Zwangsarbeiter im Bergbau. Ein Arbeitssklave. Von Karaganda aus wird er im November 1956 endlich nach Berlin reisen dürfen. In die Stadt, die seine Eltern in den Dreißigerjahren verlassen hatten. In eine Heimat, die ihm lange fremd sein wird.

Glaube an die gute Sache

Wenn Alex Glesel erzählt, blicken seine Augen staunend umher, als höre er selbst seine Geschichte zum ersten Mal. Aber vielleicht staunt er nur darüber, dass er das alles nun auf einmal so ganz öffentlich sagen darf. Dass er keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht. So viele Jahre lang hat er sein Leben verstecken müssen. Weil das unvorstellbare Grauen, das er im Sowjetreich erlebt hat, so überhaupt nicht zu dem Bild passte, das man sich in der DDR vom großen Bruderstaat zu machen wünschte. Es gab nicht viele Schicksalsgenossen damals. Ein paar Hundert vielleicht. Solche, die wie er als Kind von deutschen Kommunisten in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Die wie er den Eltern entrissen wurden. Die in Arbeitslagern überleben mussten und viele Jahre später als jugendliche Wracks nach Deutschland zurückkamen.

Heute nennt man sie die Gulag-Kinder. Sie gehören zu den letzten noch lebenden Augenzeugen der stalinistischen Verbrechen. Ihr Schweigen hat bis jetzt gehalten, obwohl auch die DDR schon lange wieder verschwunden ist. Nun fangen sie an zu sprechen. Es gibt einen Film, der zum ersten Mal ihre Geschichte erzählt und der am Donnerstag im Fernsehen läuft („Im Schatten des Gulag“, RBB, 22.45 Uhr). Dieser Film, sagt Alex Glesel, hat ihm Mut gemacht. Er kann jetzt wieder er selbst sein.
Alex Glesels Geschichte beginnt im Herbst 1931. Zu dieser Zeit beschließen seine Eltern, eine arbeitslose Lehrerin und ein jüdischer Journalist aus Berlin, in die Sowjetunion zu gehen, um dort den Kommunismus mit aufzubauen. Die Eltern sind KPD-Mitglieder und folgen einem Aufruf ihrer Partei, die in diesen Jahren Tausende Genossen in die Sowjetunion schickt, um dort die historische Mission der Arbeiterklasse zu erfüllen. Aus allen Ländern Europas strömen damals die Kommunisten herbei.

Glesels Eltern gelangen auf Umwegen nach Leningrad, wo ihnen ein kleines Zimmer zugewiesen wird, in einem Mietshaus, in dem ausschließlich kommunistische Immigranten wohnen. Die Mutter bekommt eine Dozenten-Stelle an der Leningrader Hochschule für Fremdsprachen. Der Vater arbeitet für einen Verlag, der Bücher in deutscher Sprache veröffentlicht. Das Leben ist nicht leicht zu dieser Zeit in Leningrad. Es gibt kaum Nahrungsmittel. Kleidung oder Möbel sind überhaupt nicht zu haben. Aber schließlich sind sie nicht zum Essen, sondern zum Helfen gekommen. Der Glaube an die gute Sache gibt ihnen Kraft.

Ihr Sohn Alex wird im Juli 1935 geboren. Zu einer Zeit, als sich die Stimmung in Leningrad gerade auf seltsame Weise verändert. Es gibt die ersten Verhaftungen, von Verrätern ist die Rede und von nötigen „Säuberungen“. In ihrem Mietshaus hören die Eltern nachts Stiefel gegen Türen treten. Am nächsten Morgen stehen Zimmer leer, sind ganze Familien verschwunden. Niemand wagt zu fragen, was da eigentlich geschieht. Die Menschen sind vor Angst gelähmt. Alex Glesel ist noch zu klein, um das alles bewusst mitzubekommen. Aber die Angst nistet sich auch in seinem Kinderleben ein. „Ich bin damit groß geworden. Mit dieser Spannung, mit diesem furchtbaren Druck“, sagt er.
In einer Nacht im September 1937 steht ein Kommando des Geheimdienstes vor ihrer Tür. Sie nehmen den Vater mit. Alex Glesel wird ihn nie wiedersehen. Ein paar Wochen später stehen erneut Milizionäre vor der Tür. Die Mutter greift nach ihrem Sohn. Sie will mit ihm aus dem Fenster in den Tod springen. Eine Nachbarin, die gerade zu Besuch ist, hält die Mutter im letzten Moment davon ab. Sie verspricht, sich um Alex zu kümmern. Die Tür springt auf, die Milizionäre stürzen sich auf die Mutter, schleppen sie aus dem Zimmer. Die Mutter wehrt sich, schreit. Dann ist auch sie verschwunden.
Alex Glesel hat keine Erinnerung an diese Nacht. Er war zwei Jahre alt. Erst viel später hat er das alles erzählt bekommen. Wie er auch erst viel später erfahren hat, dass der Vater kurz nach seiner Verhaftung in einem Waldstück in der Nähe von Leningrad erschossen wurde. Er hat oft versucht, sich vorzustellen, wie es wohl gewesen ist. Wie die Mutter blutend aus dem Zimmer geschleift wird. Wie der Vater im Wald den Genickschuss bekommt. Es kann sein, dass solche Bilder noch schlimmer werden, wenn man sie selbst erschaffen muss.

In dem Waldstück, in dem Glesels Vater starb, wurden innerhalb einer Woche 43?000 Menschen von Erschießungskommandos ermordet und verscharrt. Das geht aus den Exekutionslisten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD hervor, die später gefunden wurden. Insgesamt wurden neuesten Forschungen zufolge allein in den Jahren 1937 und 1938 in der Sowjetunion etwa drei Millionen unschuldige Menschen auf staatlichen Befehl hin ermordet. Zu den Terroropfern gehören auch etwa dreitausend Deutsche, darunter viele Kommunisten.

Noch heute fällt es selbst Historikern schwer zu erklären, was in diesen Jahren in der Sowjetunion passiert ist. Warum das Stalin-Regime die eigenen Leute abschlachten ließ. Anfangs ging es wohl darum, innerparteiliche Gegner zu beseitigen und das Volk durch Angst zu beherrschen. Aber irgendwann verselbstständigte sich das Morden, alles lief aus dem Ruder. Die Sowjetunion wurde zum Verbrecher-Staat.

Die Immigranten waren eine beliebte Zielgruppe des Terrors, weil Ausländer in der Sowjetunion immer als gefährlich galten. Eine besonders üble Rolle spielten die Chefs der Exil-KPD, die im Moskauer Hotel Lux saßen und die Todeslisten ihrer eigenen Leute abzeichneten. Vielfach kamen störende Genossen erst durch Hinweise von Ulbricht, Pieck und Wehner auf die Listen.

Alex Glesel kommt in ein Kinderheim in der Nähe von Leningrad. Nach etwa sechs Wochen geschieht ein Wunder: Seine Mutter wird aus dem Gefängnis freigelassen. Es gibt nicht viele Menschen, die in der Zeit der „Säuberungen“ nach einer Verhaftung zurückgekehrt sind. Die Mutter holt ihren Sohn aus dem Heim. Sie ziehen wieder in das Immigranten-Haus, das fast leer ist, weil viele Nachbarn tot oder verschleppt sind.

Am 22. Juni 1941 greift Deutschland die Sowjetunion an. Nur wenige Tage später ergeht in Leningrad der Erlass, die Kinder aus der Stadt zu bringen. Die Mutter packt zwei Taschen und einen Rucksack, sie fahren zusammen zum Bahnhof, werden durchgezählt. Die Kinder steigen in den Zug.
Glesel stockt, als er von der Abfahrt aus Leningrad erzählt. Es ist kurz still im Wohnzimmer. Er setzt erneut an, aber die Stimme rutscht weg. Tränen steigen in seine Augen. „Ich wusste nicht, wie lange ich von meiner Mutter getrennt sein würde“, sagt er.

Monatelang fahren sie im Land umher, steigen von einem Zug in den anderen. Sie sind im Sommer in Leningrad losgefahren und kommen im verschneiten sibirischen Winter an. Zwischendurch ist Glesel sechs Jahre alt geworden. Das Dorf, in dem sie bleiben werden, heißt Noferewo. Vier Jahre verbringt er dort. Dann ist Leningrad befreit und die meisten anderen Kinder dürfen nach Hause zurück. Nur die Kinder, die keine Verwandten mehr haben, werden in ein anderes Heim nach Jurtiska geschickt. Bei der Gelegenheit erfährt Alex Glesel, dass seine Mutter schon Jahre zuvor in ein Lager nach Kasachstan deportiert wurde. Weil sie eine Deutsche ist und nun zu den Kriegsgegnern gehört. Auch er selbst wird als „Faschist“ beschimpft. Die Heimleiterin sagt, vermutlich sei seine Mutter lange tot.

Im neuen Heim muss „der Deutsche“ jeden Tag Brot backen, für sechzig Kinder plus Personal. Nachts steht er auf, heizt den riesigen Ofen, rührt den Teig an. Tagsüber hackt er Holz oder arbeitet auf dem Feld. Manchmal wird ihm schwindelig vor Müdigkeit und Hunger. Er ist zehn Jahre alt und führt ein schweres Erwachsenen-Leben.
Drei Jahre lang geht das so, bis zum August 1948. Da geschieht erneut ein Wunder: Die Ausländerpolizei informiert das Heim darüber, dass die Mutter von Alex Glesel als Zwangsarbeiterin in Karaganda lebt. Eine Betreuerin soll ihn dort hinbringen. Monatelang sind sie unterwegs, bis sie ankommen in Karaganda, in der Zweiten Wassergasse 175. Alex Glesel hatte sich ein Haus vorgestellt. Ein Haus in einer Stadt, in der es ihm endlich besser gehen würde. Stattdessen steht er nun vor dieser Höhle, die in den schmierigen Lehmboden gegraben ist. Seine Mutter tritt heraus. Dann stehen sie sich gegenüber, sieben Jahre, nachdem er in Leningrad in den Zug gestiegen ist. Die Mutter weint, er bleibt seltsam reglos. Er kann nicht fühlen, was da gerade geschieht.

Nach Hause? Wo soll das sein?

Am nächsten Tag haben sie einen Termin bei der Ausländerpolizei. Die Beamten sagen: „Du bist dreizehn, du bist Deutscher, also wirst du im Bergbau arbeiten. Fürs erste lebenslänglich.“ Acht Jahre vergehen. Acht Jahre, in denen er mit dem Tod in engem Kontakt steht. Er sieht die Leichen der Kameraden, die unten im Bergwerk verunglücken oder oben in ihren Erdlöchern verrecken. Er ist jetzt 21 und hat eigentlich sein ganzes Leben lang nur Angst und Hunger gehabt. Er ist stumpf geworden, leer.
Selbst die Nachricht, die ihn im Mai 1956 erreicht und die besagt, dass er jetzt nach Deutschland reisen kann, nach Hause, lässt ihn kalt. Nach Hause? Wo soll das sein? Deutschland ist für ihn die Heimat der Faschisten. Er spricht kein Wort Deutsch. Er weiß nicht, was er dort soll. Die Mutter fährt zurück nach Berlin. Er soll nachkommen, wenn er kann, wenn er bereit dafür ist.

Im November 1956 kommt Alex Glesel am Berliner Ostbahnhof an. Ein Mann vom Zentralkomitee der SED holt ihn ab. Die Genossen sagen, er dürfe niemandem erzählen, was ihm in der Sowjetunion geschehen ist. Von „bedauerlichen Fehlern“ ist die Rede. Aber auch von der Zukunft, die es nun zu meistern gilt. Glesel läuft durch die Straßen von Berlin. Er sieht Läden, in denen es Eier und Milch zu kaufen gibt. Er versteht nicht, warum die besiegten Faschisten mehr zu essen haben als die Sowjetbürger.
Manchmal trifft er mit anderen Gulag-Kindern aus befreundeten Familien zusammen. Die erklären ihm, was passiert ist. Zum ersten Mal hört er etwas Schlechtes über Stalin. Man erzählt ihm vom Terror, von den vielen Opfern. Er ahnt jetzt, warum seine Mutter nicht mit ihm über Vergangenes redet. Warum er selbst sich so verloren fühlt. Er begreift, dass die DDR von Leuten regiert wird, die dabei geholfen haben, seinen Vater zu töten. Schon deshalb tritt er nicht in die Partei ein. Mehr Widerstand wagt er nicht.

Glesel lernt Deutsch, arbeitet als Dolmetscher für russische Delegationen. Manchmal versucht er, den deutschen Kollegen oder Freunden seine Geschichte zu erzählen. Aber niemand will das hören. Er sieht die Angst in den Gesichtern, wenn er anhebt, von den Lagern zu erzählen. Das bedrückte Schweigen lässt auch ihn verstummen. Er fühlt sich isoliert, ausgegrenzt. Für die Deutschen ist er der Russe, der seltsame Typ, der nicht mit ihnen lachen kann.

So kehrt sich die Geschichte um und wiederholt sich eigentlich doch nur. Er bleibt das Gulag-Kind, das nirgendwo hingehört.
Zum Glück lernt er eine Frau kennen, die ihn versteht, weil sie selbst als Kind in der Sowjetunion war. Sie bekommen Kinder, bauen das Haus mit den hellbraunen Klinkersteinen und legen im Keller den Sauerkohl ein. Das Leben reißt ihn mit, der Alltag betäubt. Die Jahre fliegen dahin. Als die Mauer fällt und die Archive geöffnet werden, wird es noch mal schwer. Auf einmal erfährt er mehr, als er je wissen wollte.

Viele Jahre werden vergehen, bevor er seine Geschichte erstmals ganz erzählen kann. Es ist eine Erleichterung – als ob dieses erste Leben nun doch ein wenig von ihm abgefallen ist.

Geblieben sind die Träume. Nachts reist er regelmäßig nach Sibirien. In das Kinderheim von Jurtiska. Neulich träumte er, wie er im Essensraum des Heimes sitzt. Wie er isst und isst und niemals satt wird. Wenn er dann aufwacht, in seinem warmen, weichen Bett in Berlin, dann ist das Leben für einen Moment lang richtig schön.

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