Industrieller, Schriftsteller, liberaler Politiker: Walther Rathenau wurde als Reichsaußenminister Opfer eines politisch motivierten Attentats der "Organisation Consul".
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Industrieller, Schriftsteller, liberaler Politiker: Walther Rathenau wurde als Reichsaußenminister Opfer eines politisch motivierten Attentats der "Organisation Consul".

Walther Rathenau

Ein Leben voller Widersprüche

  • vonWilhelm v. Sternburg
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Walther Rathenau war Repräsentant eines neuen Bürgertums, das in seiner Größe und in seinem Versagen das Schicksal der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert bestimmte. Heute wäre er 150 Jahre alt geworden.

Seine Mörder schlagen am helllichten Tage zu. Am 24. Juni 1922 gegen halb elf Uhr vormittags verlässt der mit offenem Verdeck fahrende Wagen des deutschen Außenministers Walther Rathenau das Gelände seiner Villa im Grunewald. Weder der auf der Hinterbank sitzende Minister noch sein Chauffeur bemerken den dunkelbraunen Tourenwagen der Marke Mercedes, der ihnen auf der Koenigsallee folgt. Als Rathenaus Fahrer fünf Minuten nach der Abfahrt in einer S-Kurve wegen eines die Straße überquerenden Pferdefuhrwerkes abbremsen muss, setzen die Verfolger ihr Auto an die Seite des Ministerwagens. Mit neun Schüssen aus einer Maschinenpistole und einer Handgranate töten sie den Mann, der von den Rechtsradikalen und Antisemiten im Reichstag und von ihren Schergen in den nationalistischen Freicorps gehasst wird wie kaum ein anderer aus der politischen Elite der frühen Weimarer Jahre.

Die Mörder konnten zunächst entkommen, wurden aber später gestellt, von der Polizei bei der Verfolgung erschossen oder verhaftet und zu Haftstrafen verurteilt. Sie gehörten zur „Organisation Consul“, die die Nachfolge der berüchtigten Freicorps-Brigade des Korvettenkapitäns Hermann Ehrhardt angetreten hatte. Die geistigen Attentäter aber saßen im Reichstag. Noch am 23. Juni hatte der ehemalige Staatssekretär des Reichsamtes des Inneren und führende Vertreter der Deutschnationalen Volkspartei, Karl Helfferich, unverhüllt zur Gewalt gegen die „Novemberverbrecher und jüdischen Erfüllungspolitiker“ aufgerufen.

Wer genau die Attentäter in den Wochen vorher finanziert hat, im Hintergrund den mörderischen Plan gegen Rathenau entwickelte und seine Ausführung steuerte, ist allerdings bis heute nicht geklärt. Rathenau musste sterben, weil die Nationalisten und Kriegsverlierer nicht zulassen wollten, dass ein Jude die deutsche Außenpolitik leitete, und weil er versuchte, durch zähe Verhandlungen und geschmeidige Zugeständnisse die in Deutschland als Demütigung und Ausplünderung empfundenen Forderungen der Entente-Mächte zu mildern. Der Minister wusste um die Bedrohung, lehnte aber jeden Polizeischutz ab und meinte seinem Hausnachbarn Alfred Kerr gegenüber fatalistisch: „Vorsicht wäre zwecklos. Das sind Dinge des Schicksals.“

Ein Vernunftsrepublikaner

Mit Rathenau starb einer der Politiker der Weimarer Jahre, die der ersten deutschen Republik möglicherweise das Drama ihres Untergangs erspart hätten. Neben Gustav Stresemann, der ebenfalls sehr früh starb, war Rathenau einer der wenigen Vernunftsrepublikaner, die aus dem monarchistisch-konservativen Lager stammten und die bereit waren, Lehren aus der militärischen Niederlage des wilhelminischen Staates zu ziehen.

Rathenaus Ermordung löste in der Bevölkerung Empörung und Entsetzen aus und führte zu Massendemonstrationen in nahezu allen Städten Deutschlands. Millionen Menschen versammelten sich, um ein Zeichen für die Republik zu setzen. Im Reichstag erklärte Kanzler Joseph Wirth, mit der Hand auf die Deutschnationale Fraktion deutend: „Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts.“ Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) rief den Abgeordneten zu: „Von dem Augenblick an, wo Rathenau öffentlich in den Dienst des deutschen Volkes und in den Dienst der deutschen Republik getreten ist, hatte er nicht nur Feinde, da hatte er Todfeinde.“

Rathenau war nur knapp fünf Monate Leiter der Auswärtigen Amtes gewesen. In dieser Zeit erreichte der innenpolitische Kampf um die in Versailles unterzeichneten Friedensverträge einen weiteren Höhepunkt. Rathenau, der 1918 zu den Mitbegründern der bürgerlich-liberalen Deutschen Demokratischen Partei gehörte, verfolgte zunächst eine Strategie, mit der er Neuverhandlungen durch eine zeitweise Erfüllung der hohen Reparationsforderungen zu erreichen hoffte. Auf der Konferenz von Genua (10. April bis 19. Mai 1922) scheiterte er mit dieser Politik an der Sturheit der französischen und der Entschlusslosigkeit der englischen Regierungen. Auf Drängen des Leiters des russischen Referates im Auswärtigen Amt, Georg von Maltzan, stimmte Rathenau daraufhin einem Treffen mit dem bolschewistischen Außenminister Georgi Tschitscherin im nahgelegenen Rapallo zu.

Die beiden Minister unterzeichneten einen damals als sensationell empfundenen Vertrag, der die Beziehungen der beiden ehemaligen Kriegsgegner normalisieren sollte. Aus der Sicht der Westmächte war dieses Abkommen der beiden Parias in der europäischen Staatenwelt Erpressungspolitik. Am Abend vor seiner Ermordung hatte Rathenau mit seinem wirtschaftspolitischen Gegenspieler, dem Ruhr-Magnaten Hugo Stinnes, noch einmal über die künftige Haltung Deutschlands gegenüber den Reparationsforderungen der Entente-Mächte diskutiert. Der angebliche „Erfüllungspolitiker“ zeigte sich in dem Gespräch bereit, seinen bisherigen Kurs zu korrigieren.

Walther Rathenau war – im Gegensatz zu hassvollen Behauptungen seiner antisemitischen Feinde – zeitlebens ein leidenschaftlicher deutscher Patriot. Seine besondere Bewunderung galt dem alten Preußen. Als eine der schmerzlichsten Niederlagen seines Lebens empfand er, dass das preußische Garderegiment, in dem er seine soldatische Dienstzeit ableistete, ihm als Juden die Offizierslaufbahn verweigerte. In dieser Zeit schrieb er tief getroffen an die Mutter: „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Mal voll bewusst wird, dass er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“

Die jüdische Herkunft wird für Rathenau zu einer existentiellen Auseinandersetzung mit seiner Rolle in der deutschen Gesellschaft. Den Aufrufen des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ gegen die neue Judenfeindlichkeit im Kaiserreich und der Schrift Theodor Herzls über einen zu gründenden Judenstaat setzt er 1897 seinen äußerst umstrittenen Essay „Höre, Israel!“ entgegen. In diesem Text verwendet Rathenau zur Charakterisierung der deutschen Juden auf erstaunliche und erschreckende Weise die Stereotypen der Antisemiten. Er wird diese Schrift später widerrufen: „Der Judenaufsatz war als Mahnung gedacht; in der unglücklichsten Stimmung meiner trübsten Zeit wurde er zur Anklage ... . Heute verstehe ich die Anklage kaum.“ Bei aller quälerischen Distanz wird sich Rathenau nicht zuletzt aus Stolz nie taufen lassen. Aber wie viele in das Bürgertum des Kaiserreiches aufgestiegene deutsche Juden, lehnt er den Zionismus ab und fühlt sich zutiefst seinem Deutschtum verbunden.

Schon in den wilhelminischen Jahren gehörte Rathenau zu einem der prominentesten Vertreter des Großbürgertums. Als Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau – das Über-Ich des Vaters wurde für den Sohn zum schwierigen Lebensbegleiter – war ihm vom Schicksal ein materiell gesichertes Leben geschenkt. Er war ein Hochbegabter, dessen Name bald im intellektuellen Europa und in den elitären Gesellschaftskreisen des deutschen Kaiserreiches ein Begriff war. Er korrespondierte mit Monarchen und Regierungschefs, mit den Mächtigen der Industrie- und Bankenwelt und den bedeutendsten Trägern der Kultur. In seiner herrschaftlichen Villa in Berlin-Grunewald gab er große Abendgesellschaften, bei denen sich die intellektuelle, wirtschaftliche und politische Elite Deutschlands traf. Kaiser Wilhelm II. besuchte ihn auf seinem prächtigen Landsitz im brandenburgischen Freienwalde und wollte seinen Rat. Er war Gast im Hause der Reichskanzler Bülow und Bethmann-Hollweg, die seine Wirtschaftsideen und seine politische Meinung schätzten. Er diskutierte mit Frank Wedekind und Gerhart Hauptmann, mit Stefan Zweig, Hugo von Hoffmannsthal und Carl Sternheim. Er förderte die Bühnenunternehmungen von Max Reinhardt und Otto Brahm, den beiden wichtigsten deutschsprachigen Theatermachern seiner Zeit. Das schönste Porträt von ihm malte Edvard Munch, den er materiell unterstützte. Väterlicherseits war er mit dem Maler Max Liebermann verwandt. Mit Maximilian Harden, einem der umstrittensten Publizisten des Wilhelminismus, oder mit dem scharfzüngigen Kritiker Alfred Kerr verbanden ihn über viele Lebensjahrzehnte enge, aber auch komplizierte Freundschaften.

Rathenau schrieb Bücher, die beachtliche Auflagen erreichten, und zahlreiche Artikel zu kulturphilosophischen, politischen oder wirtschaftlichen Fragen, die fast immer ein vielfaches, nicht selten kritisches Echo in der wilhelminischen Gesellschaft fanden. Er war operativer Chef in mehreren Industrieunternehmen und Banken. Im Laufe seines Lebens saß er in 86 inländischen und 21 ausländischen Aufsichts- und Verwaltungsräten. In der Frühzeit des Ersten Weltkriegs organisierte Rathenau im Auftrag der Armeeführung überaus erfolgreich die Rohstoffversorgung des rohstoffarmen deutschen Kaiserreiches.

Ein genialer Organisator war er, aber eben auch ein künstlerisch begabter Dilettant, dessen Bilder von beachtlicher Qualität sind, was ihn zeitweise ernsthaft an eine Malerkarriere denken ließ. Als junger Mann schrieb er ein Theaterstück, das von der Leitung des Frankfurter Schauspielhauses kommentarlos abgelehnt wurde. Wieder eine Lebenskränkung. Als Industrieller war er ein konservativer Denker, der sich für Kartellbildungen einsetzte und wenig für die Sozialdemokratie und ihre Wähler übrig hatte. Aber prophetisch erkannte er, dass Europa langfristig nur als Wirtschaftsgemeinschaft eine Überlebenschance besitzen würde.

Ein Leben voller Widersprüche. Einer der mächtigsten Männer in der deutschen Unternehmer- und Bankenwelt formulierte scharfsinnige Thesen, die den Kapitalismus entlarvten. „Die Industrie stillt Bedürfnisse gewiss; aber das Kennzeichnendste ist, dass sie den Menschen Bedürfnisse einredet“. Er empfand den Kriegsausbruch 1914 als Katastrophe und sah in ihm ein Versagen der wilhelminischen Politik. Aber durch seine Planung und Leitung der deutschen Rohstoffversorgung trug er entscheidend zur Verlängerung des Völkermordens bei. Er war einer der reichsten Erben in Deutschland (schuf sich durch seine Arbeit aber auch ein großes eigenes Vermögen), lehnte Erbschaften jedoch als schädlich für die Gesellschaft ab.

Ein Außenseiter war Walther Rathenau in der wilhelminischen Gesellschaft und auch im Kreis der von ihm geschätzten und vielfach unterstützten Künstler. Ein einsamer Mann blieb er zeitlebens, ein Schwieriger, der auch in seinen Freundschaften fast immer auf Distanz blieb. Er heiratete nie, und wo er liebte, ging er nie das Wagnis der Selbstaufgabe ein. Er war als Mann der Wirtschaft, als Schriftsteller und schließlich als Politiker überaus ehrgeizig, und im Gespräch konnte er nicht uneitel mit seiner großen Belesenheit und Bildung zu langen Monologen ansetzen. Rathenau blieb ein Einzelgänger und Individualist. Aber auch dieser Widerspruch gilt: Er war gleichzeitig der typische Repräsentant eines neuen Bürgertums, das in seiner Größe und in seinem Versagen das Schicksal der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert bestimmen sollte.

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